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27/08/2015 06:56 CEST | Aktualisiert 27/08/2016 07:12 CEST

Vom Feudalismus zum Bürgertum

Das Festival Alter Musik zeigt den Wandel in der Musik vom Barock zur Klassik

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Die Scola Cantorum Basiliensis, 1933 vom Dirigenten Paul Sacher in Basel gegründet, und erst kürzlich als Welthauptort der ‚Alten Musik' gehandelt, war und ist die Formschmiede von Klassikstars der ganzen Welt. Auch Rockstar ‚Sting' hat sich 2006 dort bei Gesangslehrer Richard Levitt auf seine Einspielung der ‚Songs from the Labyrinth' des elisabethanischen Komponisten John Dowland vorbereitet. Peter Reidemeister war 30 Jahre Leiter lang der Leiter dieser ‚Mutter aller Schulen Alter Musik' und hat sich nach seiner Pensionierung einen Traum erfüllt:

Mit den ‚Freunden alter Musik' veranstaltet er biennal ein Musikfestival, das die Abschnitte der Musikgeschichte thematisch beleuchtet. Dies in Basel, das auch wegen dieser illustren Institution eine Fülle von arrivierten und aspirierenden exellenten Musikern aufweist.

Das erste dieser Festivals behandelte 2011 die Zeit zwischen dem Mittelalter und der Renaissance; gerade für Basel mit seinem Konzil (1431-1449) eine kulturell reiche Zeit. Die zweite Ausgabe beschäftigte sich mit der Musik um 1600, von der Renaissance bis zum Barock. Und das gegenwärtige Festival bringt uns die Entwicklung vom Barock bis zur Klassik näher.

Welche Veränderungen in der Musik fanden denn in diesen Jahren des Übergangs von der Barockzeit zur Klassik statt ?

Peter Reidemeister:

Also die Struktur ist natürlich eine andere je nachdem wie polyphon die Musik gedacht ist . Es gibt Elemente, die in beiden Stilen gleich sind. Doch es ist ein anderer Ton in der Musik, nicht mehr dieser strenge barocke Ton, der die Musik zusammenhält und die Stimmen aufeinander bezieht. Sondern ein Ton, der mehr ins Liebliche, ins Galante geht. Das Sangliche kommt in den Vordergrund. Von daher gesehen hört man schon ob etwas nach 1750 komponiert worden ist.

Doch in dieser Zeit, die wir hier fokussieren da zerfliessen die Grenzen. Die Söhne Bachs sind für mich immer so eine Symbolgeneration, denn die haben noch zur Zeit ihres Vaters gelernt und haben das Handwerk von ihm übernommen und darauf aufgebaut. Sie waren jedoch weniger handwerksgebunden. Das Neue kristallisiert sich auch bei ihnen heraus gegenüber dem Alten, dem Handwerksgebundenen. Diese neue Linie hat auch ihre Zentren. Fortschrittlich sind dabei Dresden und Wien. In Paris jedoch wird das Alte, die Tradition, viel stärker hochgehalten.

Carl Philipp Emanuel Bach zum Beispiel, der Berliner oder Hamburger Bach genannt, vertritt die norddeutsche Empfindsamkeit. Die süddeutsche und italienische Linie dagegen waren temperamentvoller, emotionaler, affektreicher. Das singende Element aber, was so wichtig wird bis in die Klassik hinein, bis zu Mozart, wo man die Arien ja dann mitsingen konnte, dieses Element haben der Norden und der Süden gemeinsam. Das ist das unterscheidende Merkmal zur barocken Zeit.

Hat sich denn auch die Rezeption von Musik in dieser Zeit geändert?

Grundlegend. Sozial gesehen geschah damals der Wandel vom Feudalismus zum Bürgertum. Früher war es nur Adligen möglich sich eine private Kapelle an ihrem Hof zu unterhalten. Im bürgerlichen Zeitalter werden dies auch reiche Bürgerliche tun, sowie der Staat und die Städte. Private wie der Basler Seidenbandhändler Lukas Sarasin, selbst ein leidenschaftlicher Dilettant, leisteten sich eine private Heimkappelle von 15 bis 18 Musikern, mit einem Konzertmeister, der alles leitete und für das Beschaffen der Musik verantwortlich war. Bei Sarasin war das ein Herr Kachel.

Diese Ausbreitung vom Feudalen zum Bürgerlichen bestimmt alles: die

Gattungen, die komponiert, musiziert und aufgeführt werden, das Verlagswesen, die Aufführungsräume, die immer grösser werden durch die Ausbreitung des Interesses,

Als Aufführungsorte hatte man früher die Kirchen und die Adelspaläste

Genau, die Kirchen bleiben, und in Zentrum wo das innovative viel früher ist, da werden zuerst Konzertsäle gebaut, wie in London, das auch wirtschaftlich bedingt sehr fortschrittlich ist in Bezug auf die Entwicklung des Bürgertums . Und in auch Hamburg

Wirtschaftlich stark wegen der Hanse

Ja, wo die Bürgerschaft auch ihre Säle hat. Es muss einfach Leute geben die das auch bezahlen

Welche Musikgattungen stehen denn im Vordergrund ?

Beliebt sind auf der einen Seite die intimen Gattungen, das lyrische Klavierstück, die Gattungen, die in den Salon gehören. Das Private Musizieren möchte das Bürgertum kultivieren. Da ist ein Bedarf an Musik da. Die Musikverlage spielen nun eine grössere Rolle, da sie jetzt eine solvente Käuferschicht haben. Denn die bürgerliche Schicht ist natürlich viel grösser als die der Adligen.

Bei diesen gab es auch begeisterte Musiker, sowohl Profis wie auch Dilettierende, selbst Fürsten und Herzöge, Es gab eine Ausbreitung des Musizierens. Nicht nur die intimen Formen des Musizierens sondern auch die grossen ein breites Publikum ansprechenden Gattungen wie die Symphonie, das Oratorium. Letzteres gab es schon früher zu Händels Zeiten, aber dann - bis Haydn - breitet es sich ungeheuer aus weil so viele bürgerliche Kreise rezipieren und schön finden.

Doch auch diese Stücke werden dann noch bearbeitet für kleinere Besetzungen damit sie diese Musik auch zu Hause spielen konnten. Das Private Musizieren und die grosse Ausbreitung des Musizierens und des Musikhörens treten zu dieser Zeit in den Vordergrund.

Das Festival dauert noch bis Samstag, den 29. August

Programmliche Höhepunkte sind:

°Die Messe in d , die Johann Adolf Hasse 1751 für die Einweihung der Schlosskirche in Dresden geschrieben hat. ,Ausgeführt von den, Ensembles «Cantori festivi», «Café Zimmermann»,

«Ripieni festivi»

° Domenico Cimarosa, «L'impresario in angustie» - Eine unbekannte Opera buffa Ensemble «Musica Fiorita»

° Der Vortrag: Bach, Händel und die Wiener Klassiker: Kontinuität oder Neuentdeckung? Prof. Dr. Hans-Joachim Hinrichsen, Zürich

° Georg Benda, «Ariadne auf Naxos» - Ein berühmtes Melodram Kompositionsauftrag für Prolog und Epilog: Thomas Leininger

Ensemble «Der musikalische Garten» mit Gottfried von der Goltz, Violine Regie: Sigrid T'Hooft

Die Bilder wurden von der Gesellschaft ‚Freunde Alter Musik' zur Verfügung gestellt


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