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03/08/2015 04:06 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 07:12 CEST

‚Turandot' gleitet heran: Bregenzer Festspielen 2015

Bregenzer Festspiele

Die chinesische Prinzessin an den Bregenzer Festspielen 2015

Wochenlang waren die Abende warm und die Nächte trocken gewesen. Gerade zur Premiere der ‚Turandot' auf der Bregenzer Seebühne änderte sich das: Schon am Nachmittag zogen schwarze Gewitterwolken auf, die sich allerdings nur sporadisch entleerten und zu Opernbeginn noch genügend Feuchtigkeit speicherten, um die Premiere immer wieder zu begiessen.

Festliche Kleidung wurden mit Regenponchos bedeckt, üppige Decolltées unter Jacken verborgen, und kunstvoll gebauschte Frisuren trotzten vergeblich der Schwerkraft. Die attraktiv aufgemachten Damen, die vor allem den bevorzugten ‚Regierungswagen' entstiegen, waren nicht wieder zu erkennen.

Dabei hätte diese Oper und speziell diese Seebühne zusätzliche Nervenkitzel gar nicht nötig. Das Setting auf dem See ist spektakulär genug. Dazu kommt mehr als eine logistische Meisterleistung. Schon das Bühnenbild in Form eines Drachens birgt Anforderungen: Die Chinesische Mauer darstellend ist es 72 m breit, bis zu 27 m hoch und wiegt 335 Tonnen.

Sie endet links in einem Wehrturm, von dem die Körper der geköpften Freier der Turandot gestürzt werden, und rechts in einem chinesischen Teehaus, das nur über eine schmale Treppe mit 45° Gefälle zu erreichen ist. ‚Steiler als die Streif' nannten sie die Techniker, die die dort oben agierenden Sänger zu ihrer Sicherheit anseilen mussten.

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Die betonen Terrakottakrieger 27 Meter darunter im See stehend, denen im Grabmal des ersten Kaisers Quin Shi Huang nachempfunden, sind jeder 2 Meter hoch und 500 Kilo schwer , damit sie den Seekonditionen trotzen können.

Schliesslich müssen sie, da jetzt in Bregenz die Seebühnenopern zwei Sommer hintereinander gespielt werden, auch den rauen Winterwellen trotzen. Ihre Kriegerpendants aus Polycarbonat über der Mauer aus leichtem Kunststoff schwebend, bringen dagegen nur 15kg auf die Waage.

Dies ist die erste Produktion der neuen Intendantin Elisabeth Sobotka, die die Position in Bregenz auch deshalb annahm, weil sie der Geist von Festspielen reizte, den sie als junge Hospitantin in Salzburg kennen gelernt hatte. Sie schildert im Vorwort zur Oper ihre Begeisterung für ihren neuen Arbeitsort und die Seebühne: ‚Das einzigartige Erlebnis bei den Festspielen liegt vor allem im einem grandiosen Naturspektakel: Wenn hinter der Seebühne die Sonne im Bodensee versinkt, intensiviert dieses Naturschauspiel sämtliche sinnliche Eindrücke ins Unermessliche.'

Um dies zu zelebrieren hatte sie sich in ihrem ersten Jahr eine Oper gewählt, die wegen ihres fremdländischen Kolorits, grosser Chorszenen, und nicht zuletzt wegen der Arie ‚Nessun dorma', die Luciano Pavarotti mit den Konzerten der ‚Drei Tenöre' zum Schlager machte, äusserst publikumswirksam ist. Sie war bereits im Sommer 1979 in Bregenz aufgeführt worden.

Der Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli hat diese Oper bereits in Stockholm und 2014 in Graz inszeniert, wo auch Frau Sobotka tätig war. Doch hier war eine der Herausforderungen, dass das Bühnenbild bis zu zwei Drittel grösser als ein Normales zu sein hatte und ausserdem so konstruiert sein musste , dass Verschiebungen schnell und lautlos vorgenommen werden können. Dies ist gelungen. Der Einsturz eines Teils der chinesischen Mauer erfolgt zwar spektakulär, doch lautlos.

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Marelli: ‚Man kann sich nicht vorstellen wie komplex und kompliziert diese riesige Bühne ist'. Auch auf die Verwendung der Materialien musste besondere Aufmerksamkeit gelegt werden. Schliesslich müssen sie wind- und wasserfest sein, sollen bis zu 50 cm Schnee und 20 Grad unter Null aushalten können, sowie Gewitter und Föhnstürmen von bis zu 70km/h trotzen können.

Ausserdem sollten sie umweltverträglich sein in ihrer Entsorgung. Insgesamt 40 Technikfirmen aus 4 Ländern hatten an der Entstehung des Bühnenbilds mitgewirkt, bei dem allein 650 Mauersteine aus Holz, Putz und Farbe verbaut wurden. 29'000 Einzelteile schliesslich zählt das Ganze, das mit 335 Tonnen auf den Pfählen der Seebühne ruht.

Einen technischen Kick stellt auch das Zentrum der Bühne dar in Form eines drehbaren, leicht gesenkten Zylinders von 16 Metern Durchmesser, auf dem sich bis zu 54 Personen aufhalten können. Dessen Deckel klappt sich auf und offenbart eine LED Leinwand auf der weitere das Geschehen verdichtende Bilder zu sehen sind.

Eine weitere grosse technische Leistung sind die BOA, die Bregenz Open Accustics ‚bei dem die ‚Hörer die Position sowie die Bewegungen der Solisten und anderer Tonquellenexakt akustisch wahrnehmen und verfolgen können'. Eine Tonschlange führt dabei um den ganzen 7000 Besucher fassenden Publikumsbereich und beschallt die Hörer von drei Seiten. 59 weitere Lautsprecher sind in die ‚Mauer' eingelassen und bespielen die Hörer von vorne.

Diese Tontechnik führt vor allem die Musik der Wiener Symphoniker und des Prager Philharmonischen Chors nach Aussen, die im Innenraum des Festpielhauses unter der Leitung des Dirigenten Paolo Carignani erzeugt wird. Die Sänger auf der Seebühne, mit Mikrofon singend, sehen ihn und seine sie betreffenden Einsätze auf zahlreichen Monitoren auf der Bühne. Trotzdem bieten das gleichzeitige Singen und Musizieren Innen und Aussen zahlreiche Herausforderungen.

Die BOA soll in den nächsten Jahren noch durch einen beweglichen Tonarm über dem Publikum angereichert werden, der die Zuhörer dann wie in eine Klangwolke einschliesst.

All diese Eindrücke sind so stark, dass die Bedeutung der Oper erst einmal in den Hintergrund tritt. Doch dann erinnert man sich an Bundespräsident Fischers Einführungsworte: ‚Im innersten Kern von Festspielen muss eine Idee stehen, ein Prinzip oder ein modernes Märchen.' Und ein Märchen, wenn auch kein modernes, stellt ‚Turandot' zweifellos dar.

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Die unberührbare chinesische Prinzessin, die an alle Bewerber ihrer Hand drei Fragen stellt und diese, falls sie die nicht beantworten können, köpfen lässt. Bis ein Prinz kommt, der zu ihrem Entsetzen alle Antworten weiss. Als sie sich ihm immer noch verweigert, bietet er an, dass er sich trotzdem töten lasse, wenn sie bis zum Morgengrauen seinen Namen herausgefunden habe. Die berühmte Arie ‚Nessun dorma' beinhaltet die Aufforderung der Prinzessin an ihre Untertanen nicht zu schlafen, sondern diesen Namen herauszufinden.

Nur die in den Prinzen Calaf verliebte Sklavin Liu wüsste dieses Rätsel zu lösen, doch sie opfert sich aus Liebe um den Prinzen zu retten. Und hier hört der Puccini eigentlich auf. Denn wie er aus der männerfressenden Hyäne Turandot eine innig liebende Frau machen sollte, stellte auch für ihn eine nicht zu überwindende Schranke dar.

Doch es fanden sich Komponisten mit Lösungen. Und Regisseure mit Interpretationen. Wie auch hier Marco Arturo Marelli: ‚Für mich ist die Kongruenz, dass Puccini diese Oper nicht beendet hat, mit dem unergründeten Rätsel der Liebe sehr wichtig. Es ist besonders auffällig, dass er ein Jahr vor seinem Tod aufgehört hatte den Schluss zu komponieren.'

Und doch wird dieser Schluss, wie auch eine Botschaft der Oper, in seiner Inszenierung nicht einsichtiger. Auch wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Bühnenbild, Drachenbilder, Feuerballett und Bändertänzer stimmten auf das Exotische ein und erinnern an die noch heute lebendigen Traditionen beim chinesischen Neujahr.

Die im See und auf der Mauer stehenden Kriegerfiguren gehören zum Herrscher Quin Shi Huang , 259 bis 210 vor Christus, einte das chinesische Reich indem er mit tyrannischer Macht unterjochte. An einen anderen Potentaten und ‚Vereiner' erinnern die Kostüme des Chors, die aus diesem Gestalten aus Maos ‚Langem Marsch' machen. Eine stimmige Allusion.

Doch was die wild über die Bühne stürmenden Gestalten in Masken und 1920ger Jahre Kostümen in dieser Herrscher-Thematik zu suchen haben, ist schleierhaft. Sie sollen, so wurde erklärt, wiederum an die Zeit Puccinis erinnern.

Wie auch das dem Bühnenbild vorgelagerte, wie auf einem kleinen Floss schwimmende, Arbeitszimmer Giacomo Puccinis, in dem Tenor Riccardo Massi, etwas verwirrend, zuerst als komponierender Puccini und dann als Prinz Calaf, der Heiratsprätendent der Prinzessin Turandot, agiert.

Und in dem auch am Schluss die unwahrscheinliche innige Vereinigung Calafs und Turandots angesiedelt ist. Regisseur Marelli erklärt diese Einschlüsse als Begehren das Ringen Puccinis um die Fertigstellung seiner einzigen unvollendeten Oper in die Inszenierung einfliessen zu lassen. Ohne das vorherige Studium des Programmheftes wird dies aber nicht klar.

Musikalisch aber war die Oper ein grosser Genuss. Die Wiener Symphoniker spielten unter ihrem schwungvoll agierenden Dirigenten Paolo Carignani präzis, pointiert und sehr stimmig. Die Stimmen von Mlada Khudoley (Turandot) und Riccardo Massi (Prinz Calaf) hatten Volumen und Ausdruckskraft. Doch am meisten rührte an diesem Abend Guanqun Yu als Sklavin Liu, die ihre Rolle wirklich lebte.

Hoch befriedigt und bestens gelaunt fand sich die Gesellschaft zur Premierenfeier auf der Probebühne. Die Damen, wie Schmetterlinge aus der Raupe aus ihren Regenumhängen geschlüpft, zeigten sich attraktiv, gut angezogen und fröhlich.

Überall gab es Lichtinseln wo Politiker und Prominente von einem der drei Fernsehsender interviewt wurden. Gerade die Cliquen um die vorwiegend jugendlichen österreichischen Politiker schienen besonders viel Spass zu haben. Sie strahlten eine Lebensfreude aus, die von Schweizer Volksvertretern ihres Kalibers selten offenbart wird.

Aufführungen der ‚Turandot' auf der Seebühne bis zum 23. August 2015

Die ‚Terrakottaarmee und das Vermächtnis des Ewigen Kaisers' auch in einer Ausstellung in Dornbirn bis zum 13. September zu sehen.

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