BLOG
04/05/2015 13:10 CEST | Aktualisiert 04/05/2016 07:12 CEST

La Traviata in Zürich

Ist ein heutiges Luxuscallgirl vergleichbar mit einer Edelmaitresse zu Zeiten von Alexandre Dumas dem Jüngeren und seiner ‚Kameliendame'? Oder der darauf basierenden ‚Violetta' in Giuseppe Verdis 1853 entstandener Oper ‚la Traviata, der ‚Vom Weg Abgekommenen', die auf Dumas' Geschichte basiert?

Die neue ‚Traviata'-Produktion am Zürcher Opernhaus will dies postulieren und bringt schon im Programm zahlreiche Aussagen heutiger Callgirls, die in Zürich, oder an von Zürcher Bankern und deren Kunden bevorzugten ‚Watering Holes ‚ operieren. Ist deren Schicksal wirklich mit dem der ‚Traviata' zu vergleichen? Es ist zu bezweifeln.

2015-05-04-1430721986-3521669-NUX74R.jpg

Copyright Opernhaus Zürich

Einmal, weil sich die Gesellschaftsstrukturen und deren ‚Mores' verändert haben. Die berühmte ‚Madame Claude' hatte schon im letzten Jahrhundert in gepflegtester Umgebung nahe den Pariser Champs Elysées Minister, Industrielle und andere hochgestellte Persönlichkeiten unterhalten. Die Damen dafür waren nach Schönheit und Talent ausgewählt und sorgfältig ausgebildet worden.

Danach wussten sie sich elegant zu kleiden und adäquat zu frisieren, sprachen mehrere Sprachen, wussten sich bei Tisch tadellos zu benehmen und in der Konversation mitzuhalten. Auch sonst wurden sie in Dingen geschult, die Männern gefallen. Kein Wunder, dass viele von ihnen geheiratet wurden ohne dass Augenbrauen missbilligend hochgezogen wurden. Alain Delons erste Ehefrau soll von Madame Claude ausgebildet worden sein, wie auch eine berühmte französische Schauspielerin.

Deren Autorin Madame Claude wurde erst nach vielen Jahren das Weiterführen ihrer Tätigkeit unterbunden: Interessanterweise durch eine der Moral besonders verbundenen linken Regierung. Erstaunlich, wenn man die erotischen Aktivitäten des linken Politikers Dominique Strauss-Kahn und seiner Freunde betrachtet. Doch wurde Madame Claude nicht wegen unmoralischer Aktivitäten bestraft, sondern - wie weiland Supergangster Al Capone- wegen Steuerhinterziehung.

Sie lebt heute als distinguierte alte Dame in Genf, wo sie aufs respektvollste von der französischen Télévision interviewt wurde.

Auch in Zürich selbst gibt es diverse Beispiele von vorwiegend aus Osteuropa eingewanderten Damen, die sich erst als Erotiktänzerinnen betätigten, dann reich heirateten, und später sogar die Unternehmen ihrer Gatten leiteten. Sie wurden in die zwinglianisch strenge Zürcher Gesellschaft integriert und hatten höchstens Bemerkungen auszuhalten wie dass man ‚bedeutenden' Schmuck, wenn überhaupt dann erst nach Mittag und nie im Freien trage. Also der Vergleich mit dem Schicksal der ‚Traviata' hinkt gewaltig.

2015-05-04-1430722055-3194213-FIumkM.jpg

Trotzdem war das Kammerspiel, das David Herrmann inszenierte, sehenswert. Eine Inszenierung ohne die übliche Opulenz in Bühnenbild und Kostümen. Gespielt wird in moderner, reduzierter Szenerie mit Betonung auf die interpersonellen Beziehungen. Ein Glück für die Regie dass sowohl Pavol Breslik (Alfredo Germont) wie auch Quinn Kelsey als dessen Vater genügend schauspielerisches Talent besitzen.

Die Sopranistin Sanya Yoncheva als Violetta, von vielen bereits als ‚Neue Netrebko' gefeiert, hatte damit anfangs Mühe. Sie war sehr kurzfristig für die erkrankte Anita Hartig eingesprungen und musste sich in der Inszenierung erst zurechtfinden. So stolperte sie durch den ersten Akt und ihre Unsicherheit war auch der Stimme anzumerken, die gepresst und teilweise schrill klang. Doch dann lief sie zu Brillanz auf: Ihre Stimme gewann an Weichheit, Volumen und Ausdruck und ihr Zusammenspiel mit Pavol Breslik und der ausgezeichnet besetzten Annina, Ivana Rusko, in ihrem Rollendebut, bekam Konturen.

Der Höhepunkt der Inszenierung und der darstellerischen Leistungen war zweifellos die Schlussszene. Angelegt zwischen Wahn und Wirklichkeit, ist es nie gar klar, ob Violetta die Anwesenheit Alfredo wirklich spürt oder nur wähnt. Das Mutieren zwischen Glück und Verzweiflung wird von Violetta eindrücklich dargestellt und so intensiv gesungen, dass manchem im Publikum die Tränen kamen.

Zweifellos half es Sonya Yoncheva, dass die gerade von einer Violetta Partie in der ‚La Traviata' Aufführung an der New Yorker Met kam und darin so zu Hause ist, dass sie diese bald auch in Berlin singen wird. Vielleicht hatte sie recht als sie sich von der Rolle der ‚Lucia di Lammermoore' in Zürich abwandte mit der Begründung, dass sie nun ein anderes Rollenfach anstrebe. Nach dieser Leistung in der ‚Traviata' wurde ihr dies in Zürich jetzt verziehen.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite