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31/12/2016 05:05 CET | Aktualisiert 01/01/2018 06:12 CET

Das Männerbild im Gesang: Kontertenor Philippe Jaroussky singt an den 71. Asconeser Musikwochen

Die Musikwochen, die abwechselnd in der neu renovierten Kirche San Francesco in Locarno und dem Collegio Papio, einem früheren religiösen Internat in Ascona stattfinden verwöhnen Ihre jeweils rund 5000 Gäste mit hochkarätigem Programm. Bedeutende Orchester haben am Festival gastiert wie das Concertgebouw Orchester aus Amsterdam und die Philharmonie von St. Petersburg, dann Dirigenten wie Zubin Mehta, Daniel Barenboim und Claudio Abbado, sowie die Solisten Anne-Sophie Mutter, Cecilia Bartoli und Isaak Stern.

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Einer der diesjährigen Höhepunkte war das Konzert zum Thema ‚Orpheus' des weltbekannten Kontratenors Philippe Jaroussky unter der Leitung des Barockexperten Diego Fasolis und in Begleitung von dessen ‚Barocchisti' und dem Chor der Radiotelevisione svizzera. Wir treffen den Solisten kurz vor der Vorstellung im Kreuzgang des Collegio Papio in Ascona.

Eine hohe, elegant schmale Gestalt mit einladende Gesten erwartet mich in einer fast klösterlichen Zelle. Ein sehr jugendliches, scheinbar ungezeichnetes Gesicht mit offenem, leicht schiefem, bubenhaftem Lächeln, begrüsst mich. Ein nicht zensurierendes Lächeln, das zu den hohen Tönen passt, die Zuhörer oft als engelhaft beschreiben. Philippe Jaroussky ist in seinem Fach des Kontratenors ein internationaler Superstar. ‚Als Konter- oder Kontratenor, wird ein männlicher Sänger bezeichnet', so die Beschreibung, ‚der mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder sogar Sopranlage singt'. Jaroussky hat mit Cecilia Bartoli barocke Duette aufgenommen und mit seinem älteren deutschen Kollegen Andreas Scholl in Paris ein Konzert gegeben. Beide sind grosse Stars ihres Genre; Jaroussky wurde berühmt als er Scholl krankheitshalber ersetzte. Doch statt Rivalen sah man verschiedenartige doch gleichwertige Sänger auf der Bühne des Theatre des Champs Elysées, die offenbar Spass daran hatten ihre Kunst und ihre diversen Stimmfärbungen sowohl nebeneinander zu stellen wie zu vereinen. Man stelle sich vor ‚die Tigerin' Maria Callas und ‚das Reh' Renata Tebaldi hätten zu ihrer Zeit in der Mailänder Scala zusammen ein Konzert gegeben.

Ihr Kollege Andreas Scholl nervt sich, wenn man ihn fragt warum er denn Kontratenor geworden ist. Erinnern Sie sich noch an ihre Entscheidung?

Sehr gut sogar ! Ich war ja eigentlich Musiker, spielte Klavier und Geige und hatte auch als Kind nicht gesungen

Kein Sängerknabe?

(lacht) Nein. Doch ja, es stimmt; viele kommen aus dieser Richtung.

Doch dann hörte ich, relativ spät, - ich war fast zwanzig-, das Konzert eines Kontertenors und war sofort fasziniert. Dieser Gesang sprach mich bis ins Innerste an und ich wusste einfach; genau das will ich machen. So habe ich mich mit dessen Gesangslehrerin in Verbindung gesetzt und sie betreut mich bis heute. Denn gerade wenn man, wie ich, viel reist und Konzerte mit diversen Repertoires singt, so braucht man jemanden, der darüber wacht, dass man die Stimme nicht strapaziert und auch bei der Auswahl der Programme berät.

Sie hatten den Wunsch Kontertenor zu werden; doch wie wussten Sie, dass Sie die Stimme dazu haben? Noch dazu eine wirklich ausserordentliche Kontertenorstimme?

Wissen sie, das wusste ich einfach. Ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt. Das kam aus einem tiefen Instinkt heraus, der über die Stimme hinausgeht und viel mit der Persönlichkeit zu tun hat. Und dann ist da noch die Erinnerung an das erste Glückgefühl, das kam als ich mit Kopfstimme sang. Die Vibrationen, die da entstehen, setzen enorme Emotionen frei und schütten chemische Substanzen aus, die einfach glücklich machen. Das sagen mir auch die jungen Sänger in meinen Meisterklassen.

Ihre Stimme vereint den ‚engelhaften Klang', wie er zum Beispiel von Kinderstimmen bekannt ist, mit den Färbungen emotionaler Reife und dramatischer Tiefe...

Wenn man mir sagt, dass ich die Stimme eines Kindes mit den Gefühlen eines Erwachsenen verbinde, so stört mich das nicht. Mein Ziel ist es doch die Menschen mit meinem Gesang zu berühren. Ich weiss, dass in meiner Stimme etwas sehr rein geblieben ist; und doch kann ich Tiefe und Dramatik ausdrücken. Doch die Rollen, in denen ich mich am meisten verausgabe sind die, in denen ich eine starke Männlichkeit im traditionellen Sinne ausdrücken muss. Ich bin eher der empfindsame ‚Orfeo' als der kämpferische ‚Orlando'. Mir liegen Persönlichkeiten, die nicht so erdverbunden sind, sondern eher -( er schwenkt die Arme in der Luft )

Schwebend, nicht ganz fassbar?

Genau !

Bis vor zirka zwanzig Jahren war die Barockmusik ein Stiefkind und wurde selten gespielt. Nun ist sie wirklich in Mode und damit auch die Kontratenöre. Wir kommt das?

Das die ‚Kastratenstimmen' heute wieder so beliebt sind hängt sicher auch mit der Veränderung des Männerbildes in der Gesellschaft zusammen. Nach den Ungeheuerlichkeiten des 1. Und 2. Weltkriegs setzte man weniger auf Mut, Kampfeskraft und Risikofreude, sondern besann sich auf die sanfteren männlichen Eigenschaften. So wurde die Akzeptanz dieser Form erst wieder möglich. Heute Abend präsentiere ich mit den Barocchisti und Diego Fasolis ein Programm zu Orfeus, dem ich mich ganz speziell verwandt fühle. Man kann diesen Part nicht wie andere singen, denn gerade für ihn braucht es eine Poesie, die nur in der inneren Auseinandersetzung zu finden ist.

Nicht nur Poesie bestimmte das Image der Kastraten. Wie wir im Film über den Kastraten ‚Farinelli' sahen schminkten und schmückten sie sich wie Pfauen und waren zudem grosse Frauenhelden...

Das hängt sicher mit der natürlichen Empfängnisverhütung zusammen.

Offenbar nicht nur, denn auch heutzutage gelten die hohen Männerstimmen als sexy. Die Bee Gees hatten erst ihren Durchbruch als Barry Gibb anfing mit Kopfstimme zu singen, dann kamen Mick Jagger, Michael Jackson, Prince, alle wurden Sexsymbole mit Kopfstimmen und brachten die Frauen zum Kreischen.

Und doch gibt es Menschen die die Stimmen von Kontratenören nicht vertragen. Vielleicht weil sie in traditionellen Geschlechtermustern hängen. Sie empfinden das Hohe und Spitze der Töne als unerträglich, künstlich und lächerlich. So schwankt die Rezeption zwischen ‚wundervoll' und ‚grässlich'. Doch die hohen Stimmen sind doch auch geheimnisvoll und mysteriös.

Und aufreizend

Mit der sexuellen Dimension des Gesanges hatte ich zuerst meine Mühe, denn ich bin ja vor allem einmal Instumentalist und als solcher einer gewissen Strenge unterworfen. Doch Singen ist physisch, und es hat mich viele Jahre gekostet diese ‚fleischliche' Seite anzuerkennen und mich in ihr zu Hause zu fühlen. Der Gesang als solcher wird aus dem Körper heraus erschaffen und ist sehr sexuell; ob als Sopran, Mezzo, Tenor oder Bass. Wenn Cecilia Bartoli singt ist sie sehr sexy. Und der Gesang verändert. Auch mich haben die zwanzig Jahre mit ihm psychologisch wie auch physiologisch verändert. Und dies verändert wiederum die Stimme, die reifer, ausdrucksvoller und voluminöser wird. Ich kann heute Töne bilden und halten, die mir vor Jahren noch nicht möglich waren; Sowohl in den Brustlagen wie im Falsetto.

Das Falsetto ist übrigens nicht eine Art für den Mann einer Frau zu gleichen, sondern die Möglichkeit andere Facetten seiner Persönlichkeit auszudrücken, wie Verletzlichkeit und Sensibilität. Die hohen Töne sind es ja auch die Tenöre so faszinierend machen. Roberto Alagna zum Beispiel singt Schlüsselnoten von Arien in der Traviata, ( Jaroussky singt ganze Passagen daraus vor) die von einer verrückten Sinnlichkeit und Sexualität sind, oft mit Kopfstimme um die Wirkung zu intensivieren.

Inwiefern unterscheiden sich denn Kastratenstimmen von denen von Kontratenören?

Das ist schwer zu sagen, denn wir haben nur eine Aufnahme eines Kastraten, und der war schon alt und nicht sehr gut. Auch stammte die Aufnahme natürlich aus der Frühzeit dieser Technik. Was man sicher sagen kann, ist, dass sich die Stimmen von Kastraten und Kontratenören vor allem in den höchsten Tönen ähneln. Doch die Kastraten hatten brilliantere Stimmen als wir, denn sie vereinten den grossen Brustkasten und damit die Atemkapazität eines Mannes mit den kleinen Stimmbändern eines Knaben und deren Strahlkraft. So konnten sie ein ungeheures Stimmvolumen generieren. Man liess sie sogar gegen Trompeten ansingen. Viele Kastraten sangen allerdings viel mehr mit ihrer Bruststimme als wir heute und brauchten die Kopfstimme nur für die Spitzenhöhen.

Aus heutiger Sicht scheint das Repertoire für Kontertenöre doch beschränkt. Im Barock war es neben den Opern die geistliche Musik. Aber Sie singen auch Zeitgenössisches.

Wie ich sagte ist die Stimme des Kontratenors modern, denn sie ist nach dem 2. Weltkrieg und der Auseinandersetzung über die Geschlechterdefinition wieder aufgetaucht. Komponisten wie Benjamin Britten haben deshalb sofort für Kontratenöre geschrieben. Doch in den letzten fünf bis zehn Jahren interessieren sich neue Komponisten ganz speziell für diese Stimmlage, denn sie suchen darin Inspiration.

Welche zum Beispiel?

Sicher Marc André. Dann Suzanne Girard, die ‚Caravaggio' für mich komponiert hat. Dabei war (der italienische Barockmaler) Caravaggio so ganz anders als wie ich mich heute sehe; er hatte einen dunklen, gewalttätigen Charakter. Und war doch mit dem Licht des Genies versehen. So habe ich meine Stimme anders angesetzt; weniger engelhaft, reifer, dramatischer.

Doch das wichtigste zeitgenössische Werk der letzten Jahre ist für mich die Kreation von ‚Only the Sound Remains' von Kaija Saariaho, die im Februar in Amsterdam uraufgeführt wurde. Es handelt sich um zwei Mini-Opern, die auf dem japanischen Nô Theater basieren. Wir sind nur zwei Solisten auf der Bühne; Ein Bariton und ich. Und meine Stimme wird dazu noch elektronisch bearbeitet.

Es war für mich höchst interessant zu erleben wie ein Komponist meine Stimme wahrnimmt und empfindet und wie sich dessen Universum mit dem Meinen verbindet. Eine ganz neue Erfahrung, sowohl persönlich wie musikalisch. Daraus kann sich noch viel Faszinierendes entwickeln.

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