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02/06/2015 07:58 CEST | Aktualisiert 02/06/2016 07:12 CEST

Aufwühlend und beklemmend: Alban Bergs "Lulu" an der Bayerischen Staatsoper

Eine Neuinszenierung von Alban Bergs Oper am Münchner Opernhaus

Beeindruckend, aufwühlend, beklemmend, begeisternd, die Neuinszenierung der ‚Lulu' an der Bayerischen Staatsoper. Die Inszenierung stammt vom russischen Regisseur Dmitri Tcherniakov, der für Regie und Bühne zeichnet.

Tcherniakov ist hier noch weitgehend unbekannt, doch hat er fürs Mariinski Theater in Sankt Petersburg und das Bolschoi Theater in Moskau gearbeitet wie auch an europäischen Opernhäusern und an der Met in New York inszeniert. Für seine Arbeit ist er bereits vielfach ausgezeichnet worden.

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‚Das ist ein Theaterstück, keine Oper', beschwerte sich zwar mein französischer Nachbar und störte sich vor allem am asketischen Bühnenbild: Einer bühnenfüllenden Aluminiumkonstruktion mit teilweise durchgängigen Glasscheiben, die während der ganzen Oper unverändert blieb.

Ich fand diesen Aufbau, der sich nicht nur für alle Handlungsstränge anbot, sondern diese durch seine kalte Kargheit noch verstärkte, schlichtweg genial. Er lenkte vom sehr intensiven Regietheater nicht ab, sondern wies geradezu scheinwerferartig speziell darauf hin. Die Kälte und Beziehungslosigkeit der Personen untereinander wird physisch spürbar.

Allerdings hat der Fokus auf der interpersonellen Handlung bei Opern auf Kosten der Ausstattung schon oft Opernliebhaber verwirrt. Luc Bondy hatte mit seinen minimalistisch inszenierten Barockopern auch Unverständnis geerntet, die durch eine hochdifferenzierte Regie und fürs Schauspiel begabte Sänger so spannend wurden, dass man den Eindruck hatte, sie zum ersten Mal zu erleben.

Das die opulenten Bühnenbilder des Barock und dessen pompöse Kostüme erwartende Pariser Publikum der ‚Opéra Garnier' goutierte Bondys minimalistische Grauszenerie allerdings nicht und reagierte zum großen Verdruss des Regisseurs mit Pfiffen. So muss es in München auch meinen Schweizer Nachbarn zur Rechten ergangen sein, die nach der ersten Pause nicht mehr erschienen. Sie verpassten viel.

Das statisch abstrakte Bühnenbild und die dramatische Handlung wurden zusätzlich durch die Musik verstärkt, die der Inszenierung eine weitere Dimension verlieh. Musikdirektor Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester verliehen Alban Bergs Musik zeitweise eine fast ‚Mozärtliche' Leichtigkeit. Diese nur scheinbar lieblichen Töne bildeten einen starken Kontrast zur den visuellen Eindrücken auf der Bühne.

Alle Sinne wurden angesprochen und durch die sehr gegensätzlichen Impulse in Spannung gehalten. So sehr, dass die dritte Stunde der Oper, die den Niedergang Lulus und ihrer Sippe beschreibt, spannungsmäßig fast nicht mehr auszuhalten war. Man verließ die Aufführung schließlich beeindruckt, doch emotional erschöpft.

Eine solche Aufführung verlangt den Darstellern das Äußerste an schauspielerischer wie gesanglicher Leistung ab. Und da wären dann doch noch Wünsche anzubringen. Speziell was die Hauptfigur der ‚Lulu' angeht, deren Charakter das Dreh- und Angelmoment der ganzen Geschichte ist.

Lulu hatte ich mir immer als katzenhaft geschmeidiges, schmeichelnd verführerisches Weibchen vorgestellt. Ein Wesen, das in völlig egozentrischer Weise, fast kindlich unbeschwert, ihren sexuellen Impulsen folgt und damit zuerst in ihrer Umgebung teilweise tödliche Verwirrung stiftet und sich dann selbst in den eigenen Untergang manövriert.

Die ‚Lulu' Darstellerin Marlies Petersen ist zwar eine schöne Frau, doch eher statuenhaft kühl und unbeweglich. Dass andere sie begehren, wird verständlich. Dass sie selbst aber sinnliches Begehren fühlt, oder gar durch erotische Impulse motiviert wird, erlebt man nicht. Lulus einziges Begehren scheint die Anerkennung ihres von ihr besessenen wie abgestoßenen Pygmalions Dr. Schön zu sein.

Die sie umkreisenden Männer, deren Begehren und ihre darauf begründete Macht, scheinen Lulu nicht zu berühren. Emotionen und erotisches Ansinnen perlen an ihrer perfekten Haut ab. Die hier dargestellte Lulu ist weder Täterin noch Opfer; allenfalls Objekt. Sie scheint irgendwie abwesend und kaum ins Geschehen involviert.

Ist dies die ‚Lulu' der heutigen beziehungsarmen Zeit ? Diese Fragen klingen noch lange nach.

Nächste Vorstellungen am 3./ 6./ und 10. Juni 2015

Foto: Staatstheater München


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