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11/01/2016 14:15 CET | Aktualisiert 11/01/2017 06:12 CET

Der langsame Abschied.

AMilkin via Getty Images

Der langsame Abschied

von Credo (https://www.facebook.com/credopoetry/)

Dass du Dinge vergessen hast, das war für mich ganz normal...

Die verlorene Brille oder der vergessene Geburtstag war mir egal...

Du bist tüdelig sagte ich stets mit einem Grinsen im Gesicht...

hatte doch die Vergesslichkeit in deinem Leben nur selten ein Gewicht...

Das aber... das ist solang her...

Ein Grinsen oder Lächeln fällt mir mittlerweile schwer...

Denn du erinnerst dich mittlerweile nicht mehr an meinen Namen, meine Stimme oder mein Hemd....

Für dich bin ich dein Enkel, Urenkel oder sogar fremd...

In dir steckt schon längst nicht mehr deine Magie...

Du verlierst mit jedem Tag mehr deine Autobiographie..

Dein Blick ist ein anderer... ja so leer...

Deine Aussagen haben mittlerweile keinen Inhalt mehr...

Deine Worte sind nur noch wahllos aneinander gereiht...

für tiefsinnige Gespräche bist du schon längst nicht mehr bereit...

Du erzählst von Naturkatastrophen, die es nie gab...

Und wiederholst dich...und wiederholst dich... mit jedem Tag...

deine Erzählungen sind ein jedes Mal die gleichen...

von Verhören der Nazizeit und den vielen Leichen...

Ich korrigiere oder unterbreche dich nicht...

sehe es längst nicht mehr als meine Pflicht...

ich lasse dich in deiner eigenen fantasiegeprägten Welt...

in der es dir zumindest meistens ganz gut gefällt...

Dir zuzuhören ist für mich eine Qual...

Sind doch deine Geschichten so elendig banal...

Verzeih mir, aber ich lausche dir nicht mehr gern...

die schönen Gespräche, die sind längst fern...

Es fehlt mir einfach, wie du mir bei meinen Problemen hilfst...

Und wie du mir deinen Rat geben willst...

ich es bin, dem geholfen wird...

und der nicht nur der ist, der dir zuhört...

Ich vermisse auch dieses positive Gefühl, dass ich einst verspürte...

wenn mich mein Weg wieder einmal zu dir führte...

Als ich mich noch freute, dich zu sehen...

und nicht jede Sekunde überlegte einfach zu gehen...

Weil ich es nicht ertragen kann, was mit dir passiert ist...

Und wie du mit der Zeit geworden bist....

Und weil es mich zerreißt, dass du sie vergisst, die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit,

mich damit abzufinden, bin ich noch längst nicht bereit...

Wenn ich heute auf dem Weg zu dir bin, fürchtet es mich...

ich frage mich, wie wohl verhältst du dich...

Ist deine Vergesslichkeit noch größer geworden?

Sind sie nach dem Treffen noch größer, meine Sorgen?

Du hattest immer so große Angst davor, der Vergessenheit zu erliegen...

du wünschtest dir, du könntest vielleicht über sie siegen...

deine Hoffnung verschont zu bleiben war immer da...

heute weiß ich, dass sie vergebens war...

Das Haus verlässt du nun oft ohne Wiederkehr...

dich zu orientieren, fällt dir plötzlich unglaublich schwer...

Über deine Hose sagst du, du hättest sie verlegt...

Dabei bist du es doch, die sie bereits trägt...

Den Fernseher zu bedienen, ist für dich plötzlich ein Problem...

Wie oft haben wir einst in ihn hinein gesehen?

Du musst alles wieder lernen, wie einst als Kind...

Dinge, die für jeden um dich herum alltäglich sind...

Du bist nun die von der fast nur die Hülse geblieben ist...

weil die Vergesslichkeit deine Persönlichkeit zerfrisst...

Sicherlich sollte ich trotz allem der Starke von uns sein...

doch verzeih, mein Herz ist nicht aus Stein...

wie soll ich stark sein, wenn ich dich immer öfter weinen seh,

und voller Überforderung einfach nur so neben dir steh,

und sehe, wie dir einfache Dinge nicht mehr gelingen...

und dich immer und immer wieder zur Verzweiflung bringen...

Ich bin doch schon der, der immer den Verständnisvollen mimt...

unterdrücke ich doch viel zu oft die Tränen und denke: Das hast du nicht verdient...

Nicht zu wissen, was du tust, wo du wohnst und wer du bist...

was du liebst, was du fühlst und was du vermisst...

Immer wieder denke ich, ich will dem nicht einfach zusehen...

du sollst einfach nicht immer mehr von mir gehen...

Ich will deinen fortschreitenden Zerfall nicht einfach nur aushalten... erkalten...

und akzeptieren, den Verlauf deines Leidens nicht aufzuhalten...

Denn mit dir geht auch ein Teil von meinem Leben...

und den kann mir keiner je wiedergeben...

Mittlerweile sagen mir deine Augen mit jedem Treffen mehr...

du leidest sehr und willst nicht mehr...

deine Lebensfreude ist längst verschwunden...

nun wünschst du dir, du hättest den Tod bereits überwunden...

Wärest an einem besseren Ort...

von dieser Welt endlich fort...

Obwohl ich mir immer wieder wünsche, dass es aufhört, dir immer schlechter zu gehen...

muss ich erkennen, es wird nie wieder gut um dich stehen...

Mit jedem Zusammentreffen nehme ich bereits ein Stück weiter Abschied von dir...

und sehne mich mit jedem mal mehr nach einem Wir...

dass es doch schließlich einmal gab....

Als du doch nie alte warst...

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