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13/04/2016 05:40 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Die Achterbahn der Demenz

Willowpix via Getty Images

"Ahhhhh", schrie ich auf. Der Schmerz zog von meiner Hand hoch in meinen Arm. Wie Feuer brannte die Stelle, an der sich noch immer die Zähne meiner Oma festgebissen hatten.

"Hör auf. Ahh, das tut weh verdammt!", schrie ich sie an. Meine Stimme drohte zu überschlagen, Oma reagierte jedoch nicht. Ich versuchte meine Hand von ihr wegzuziehen und fasste sie dabei mit meiner anderen Hand am Oberarm an.

Die Berührung veranlasste sie wohl loszulassen. Meine Hand war wieder mein. Der Schmerz pochte. Ein Abbild ihrer 32 Argumente strahlte mich von meiner Hand an, welche dem Herrn sei Dank nicht blutete.

Ich war wütend, entsetzt, überrascht, ratlos und noch so vieles mehr in nur einer Sekunde. Während ich meine schmerzende Hand festhielt, fragte ich meine Oma, was das sollte. Sie schrie mich an, dass ich die Tube ja nur für mich wolle.

"Du willst mir alles wegnehmen", brüllte sie mir entgegen. Die ganze Situation war so absurd, so unvorhersehbar gewesen, dass ich in meine Wohnung floh und mich sammeln musste.

Meine Oma war dement.

Schon lange pflegte ich sie und lebte Tür an Tür mit ihr zusammen. Meine Wohnung lag genau neben ihrer, so dass ich immer für sie da sein konnte. Ihre Demenz kam schleichend, die ersten Anzeichen der Krankheit äußerten sich gepaart mit Aggressivität.

Ich war ihre Lieblingsenkelin, das Mädchen, welches sie nicht selbst gebar, sich als „Jungsmama" aber immer gewünscht hatte. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Meine Eltern lebten eine Etage über meiner Oma, ich wuchs also mit meinen Großeltern im Haus auf.

Doch im Alter, Opa war schon lange tot, häuften sich die Streitigkeiten mit meiner Oma. Sie reagierte auf Hilfestellungen böse, begann unsinnige Unterstellungen zu äußern und wurde immer wunderlicher.

Die Diagnose Demenz war für uns überraschend, jedoch auch erleichternd. Endlich wussten wir, dass sie nicht einfach böse uns gegenüber war, sondern sie an einer Krankheit litt. Sie war einfach nicht mehr sie selbst, verängstigt und beherrscht von der Erkrankung. Sie hatte sich zum Teil schon verloren.

Die Diagnose brachte mir große Erleichterung, ich wusste nun, wieso ich in ihren Augen von der geliebten Enkelin zum angeblichen Teufel mutiert war. Doch war dies immer nur zeitweise so, weswegen ich unser Zusammenleben dennoch im Kern als harmonisch beschreiben würde.

An dem Tag des Bisses war Oma durch den Wind. Sie hatte einen kleinen Ausschlag in der Ellenbeuge, der täglich zweimal mit Fettcreme eingecremt werden musste. Das lief seit Tagen gut.

Doch an jenem Tag war es anders. Sie war wieder ständig Dinge am Suchen, war durcheinander mit den Wochentagen und wetterte gegen alles und jeden.

Als sie am Nachmittag von der Tagesbetreuung kam, suchte sie die halbe Wohnung nach der Fettcreme ab. Ich half dabei und nachdem wir fündig wurden, wollte ich sie eincremen. Sie weigerte sich zum ersten Mal und bestand darauf, es selbst zu tun.

"Warum nicht?", dachte ich bei mir und gab ihr die Tube. Sie cremte sich ein und ich bat sie, mir die Tube wiederzugeben und griff zeitgleich in die Richtung der Tube. Da biss sie zu.

Nachdem ich in meiner Wohnung war, atmete ich durch. Ich versuchte mich zu beruhigen, drängte die aufsteigenden Tränen zurück und fasste mich, um wieder zu Oma zu gehen. Sie war aufgebracht, sprach davon, dass ich ihre Tube klauen wollte, sie nur für mich selber verwenden wolle und sie dann zusehen könnte, mit welcher Creme sie sich eincremen könne.

Sollte es etwa wieder von vorn losgehen?

Mit Logik war ihr nicht beizukommen, dennoch erklärte ich ihr, dass ich die Tube nur für sie verwahre, damit sie nicht verschwinden würde und sie morgens wieder mitbringen würde.

Sie kramte in ihrer Handtasche und wollte losziehen, sich eine neue Tube zu kaufen. Mein Reden schien sie zu besänftigen, denn sie verwarf den Gedanken des Neukaufes.

Ich atmete durch. Doch nur kurz später griff sie erneut in ihre Tasche und zog ihr Portemonnaie hervor. Panik machte sich in mir breit. Sollte es etwa wieder von vorn losgehen? Musste ich wieder 20 Minuten Kraft aufbringen, um sie vom Einkauf abzuhalten?

Sie zog einen Fünf-Euro-Schein aus ihrem Portemonnaie und kam auf mich zu. Sie gab ihn mir mit den Worten: "Dein Osterei. Kauf Dir was Schönes zu Ostern, mein Schatz."

Als ich wieder in meiner Wohnung war, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Achterbahn der Demenz hatte mich mit voller Kraft aus der Bahn geworfen.

Doch sind es genau jene Momente, welche einem die Kraft geben, weiterhin den geliebten Menschen zu pflegen. Denn irgendwo hinter dem Biss und der Panik und dem Geschrei, irgendwo steckt die Oma, welche einem fünf Euro zu Ostern zusteckte, als man noch ein Kind war.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Wegweiser Demenz und Connys Weblog.

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