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15/05/2015 10:46 CEST | Aktualisiert 15/05/2016 07:12 CEST

"Ich hätte gern mit Euch diskutiert" - eine Erwiderung

Thinkstock

Am Abend des 12. Mai sollte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena eine Diskussionsveranstaltung stattfinden zum Thema Migration. Organisiert hatte das ein uniinterner Debattierclub. Eingeladen waren der AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Möller und ich, einer der Initiatoren des Blogs offene-grenzen.net.

Die Veranstaltung konnte aber an der Uni nicht stattfinden, weil etliche Studenten den Zugang zum Hörsaal blockierten und jegliches Gesprächsangebot von Seiten der Veranstalter ausschlugen. Auch die Gelegenheit, einen eigenen Vertreter auf das Podium zu schicken, wollten sie nicht wahrnehmen.

Als klar wurde, dass die Veranstaltung nicht wie geplant würde stattfinden können, wurde die Veranstaltung in das Haus der Burschenschaft Arminia verlegt. Ich habe den Protestierern geschrieben:

„Das erste Gesetz des guten Tones ist: Schone fremde Freiheit. Das zweite: Zeige selbst Freiheit. Die pünktliche Erfüllung beider ist ein unendlich schweres Problem, aber der gute Ton fordert sie unerlässlich, und sie macht allein den vollendeten Weltmann."

Friedrich Schiller

Liebe Christina,

Da ich nicht herausfinden konnte, wer von Euch eigentlich zuständig war für die Proteste am vergangenen Dienstag, spreche ich Dich an. Denn auf der Website des „Referats für interkulturellen Austausch" stehst Du als Zuständige für den Kontakt zum Studierendenrat der Uni. Aber ich wende mich natürlich nicht nur an Dich, sondern an alle, die bei der Aktion dabei waren und sie unterstützt haben.

Ein bisschen witzig fand ich die ganze Nummer schon. Das muss ich zugeben. Dass ausgerechnet ich Polizeischutz bekomme. Die Polizei gehört eigentlich nicht so zu meinen Lieblingseinrichtungen ... Und dass ich dann auch noch auf das Haus einer Burschenschaft gehen musste, um die Diskussion durchzuführen, hat schon eine ganz besondere Note:

Ich glaube, ich war in meinem Leben bisher einmal in einem Burschenschafts-Haus. Nicht, dass ich etwas Grundsätzliches gegen die hätte - ich hab selten grundsätzlich etwas gegen Menschengruppen. Es ist einfach nicht so das Milieu, in dem ich mich meistens bewege. Man trifft mich halt eher in einer abgeranzten Kneipe in Neukölln.

Neben diesen witzigen Aspekten haben mich die Aktion und der Verlauf des Abends aber eher traurig gemacht. Meinungsfreiheit ist etwas ungeheuer Wichtiges. Man könnte sagen: es ist die Wurzel unserer freiheitlichen Demokratie. Dazu gehört Toleranz. Und Toleranz kann bisweilen wehtun.

Es kann bedeuten, dem anderen mit Anstand zu begegnen, obwohl ich seine Meinungen ganz und gar ablehne. Wenn wir in einer Demokratie anfangen, Menschen, die anderer Meinung sind, niederzubrüllen, dann verliert sie ihren Dialogcharakter. Dann wird sie zu einem Machtmittel der Mehrheit, um die Minderheit klein zu halten.

Dabei gibt es viele gute Gründe, dem anderen zuzuhören und das Gespräch mit ihm zu suchen. Ein Grund ist, dass wir in den allermeisten Fällen von anderen lernen können. Vielleicht, weil sie doch einen richtigen Punkt haben - oder vielleicht auch nur, weil wir in der Auseinandersetzung mit ihnen unsere eigenen Argumente besser verstehen. Einer meiner Lieblingsphilosophen, Karl Popper brachte das mal auf den Punkt:

„Vielleicht habe ich unrecht, und du hast recht, jedenfalls können wir beide hoffen, nach unserer Diskussion etwas klarer zu sehen als vorher, und jedenfalls können wir ja beide voneinander lernen, solange wir nur nicht vergessen, dass es nicht so sehr darauf ankommt, wer recht behält, als vielmehr darauf, der Wahrheit näherzukommen."

Ein weiterer guter Grund, mit anderen zu sprechen, ist, dass man sie vielleicht überzeugen kann. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich Herrn Möller von etwas überzeugt hätte. Aber ich musste feststellen, dass es viele Punkt gibt, wo wir einander zustimmen konnten, nachdem wir eine Weile Argumente ausgetauscht haben. Dabei war ich durchaus nicht mit dieser Erwartung nach Jena gekommen.

Ich sehe die AfD in vielerlei Hinsicht mit großer Skepsis. Die Thüringer AfD zumal hat ja auch noch einen recht heftigen Ruf. Aber ich fand die Idee dennoch gut. Wir neigen doch alle dazu, lieber mit Menschen zu reden, die unsere Meinung vertreten. Aber wenn man immer nur im eigenen Saft schwimmt, wird man denkfaul und langweilig.

Darum hab ich die Herausforderung angenommen. Und siehe da: Ich traf auf einen sehr angenehmen Menschen, der offen für den Austausch war, der auf meine Argumente eingegangen ist, der selber kluge und richtige Beobachtungen anstellte. Und ich traf auf jemanden, der sich für das Schicksal der Flüchtlinge interessiert, der sich auch mehr Zuwanderung vorstellen kann.

Kurz: ich traf auf einen Menschen - nicht auf ein wandelndes Klischee.

Aufeinander zuzugehen trotz anderer, vielleicht sogar entgegengesetzter Meinungen, Weltbilder, Ideale ist - wenn man es einmal vollzieht - immer ein wunderschönes Erlebnis. Nach Hause gehen zu können im Bewusstsein eine Hand geschüttelt zu haben ist so viel erfüllender als in dem Bewusstsein jemandem Ablehnung entgegengebracht zu haben. Versöhnen ist so viel beglückender als Ausgrenzen. Es gibt ein eindrucksvolles Buch des Schriftstellers Stefan Zweig: „Castellio gegen Calvin - oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt", in dem er die Geschichte des Gelehrten Sebastian Castellio erzählt, der im 16. Jahrhundert ein „Manifest der Toleranz" verfasste. Zweig stellt dort fest: „Ohne Willen zur Konzilianz ist eine wahre Humanität unmöglich" und zitiert dann Castellio:

„Wenn wir uns innerlich beherrschen, können wir in Frieden zusammenleben, und selbst wenn wir manchmal in Meinungsverschiedenheiten sind, so verständigen wir uns doch wenigstens und billigen wir uns gegenseitig insolange die Liebe und das Band des Friedens zu, bis wir zur Einigung im Glauben gelangen."

Ich hätte sehr gerne nicht nur mit Herrn Möller diskutiert, sondern auch mit Euch. Mir kam da, als wir vor der Uni warteten, ein Bild in den Sinn: Damals, 1968, als Dahrendorf mit Dutschke auf dem Autodach diskutierte. So hätte ich mir das gewünscht. Ich bedauere wirklich sehr, dass Ihr diese Möglichkeit ausgeschlagen habt. Und das hat mich eigentlich am traurigsten gemacht.

Als wir in dem Burschenschafts-Haus angekommen waren und kurz davor waren, mit der Diskussion anzufangen, da standet Ihr draußen vor dem Haus mit dem Transparent, auf dem stand „Freedom of Movement" (also mit der Botschaft, die ich auch vertrete). Wir waren drinnen, es gab Bier und vor uns lag eine spannende Diskussion. Draußen sah ich Euch stehen. Idealisten wie mich. Von Polizisten umringt. Und dann ging das Gewitter los. Es regnete in Strömen. - In dem Moment hätte ich Euch gerne reingebeten. Unter ein Dach, ins Warme, auf ein Bier. Ich hab aus dem Fenster geblickt und lauter sympathische Leute gesehen. So wie die sympathischen Menschen drinnen - der AfD-Abgeordnete, die Burschenschaftler. Dass da eine Mauer zwischen uns war, hat mir wehgetan.

Es gibt etwas, das mich immer wieder furchtbar aufregt: wenn Menschen in Schubladen gesteckt werden und wenn Menschen Stempel aufgedrückt werden. Ob diese Schublade jetzt „Nadelstreifen-Nazi" oder „Sozialtourist" heißt, „Gutmensch" oder „Sozialdarwinist". Diese Schubladen machen so viel kaputt. Ich verstehe mich gerne mit Menschen. Wenn man jemand in die Augen schaut, dann merkt man zum Glück fast immer: Da steckt ein Mensch dahinter. Einer, den man gern haben kann. Einer, dem man auf die Schulter klopfen kann, nachdem man sich in der Diskussion ordentlich gefetzt hat. Es gibt nicht wenige Leute, die mich als Gutmensch bezeichnen. Bin ich in gewisser Weise auch. Ich glaube an das Gute im Menschen. Der Namensgeber Eurer Uni - Schiller - hat das einmal sehr schön ausgedrückt:

„Zur Ehre der menschlichen Natur lässt sich annehmen, dass kein Mensch so tief sinken kann, um das Böse bloß deswegen, weil es böse ist, vorzuziehen; sondern dass jeder ohne Unterschied das Gute vorziehen würde, weil es das Gute ist."

Ich würde mich ehrlich freuen, wenn wir vielleicht noch einmal die Gelegenheit finden würden, miteinander ins Gespräch zu kommen (gern auch mit Herrn Möller). Ihr wollt doch genau wie ich „Offene Grenzen". Offene Grenzen aber brauchen ganz dringend offene Köpfe, offene Arme und offene Herzen. Wollen wir es noch einmal versuchen?

Beste Grüße,

Clemens


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