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20/11/2015 06:02 CET | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Syriens Kinder im Krieg: Verloren zwischen den Fronten

Ahmet Sik via Getty Images

Es sieht so aus, als wären alle Syrer auf der Flucht: Sie fliehen in den Libanon, in die Türkei, kommen über die Flüchtlingsroute durch Serbien, Mazedonien, Österreich nach Deutschland. Dabei bleiben die meisten Syrer in ihrer Heimat. Rani Rahmo, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Syrien, erzählt von denen, die bleiben, um zu helfen.

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Herr Rahmo, wie ist es für Sie in Syrien zu leben?

Wenn ich morgens aus der Tür trete, um meine vier Kinder zur Schule zu fahren, lausche ich. Ich achte auf die Geräusche in meiner Umgebung. Ist da ein Zischen? Wenn ich kein Zischen höre, steige ich mit meinen Kindern ins Auto. Ich lasse meine Kinder nicht mehr alleine zur Schule gehen.

Was meinen Sie mit Zischen?

Mörserraketen. Sie sind die größte Gefahr. Aber man kann sich gut vor ihnen schützen. Wenn sie detonieren, töten sie nur im Umkreis von fünf Metern. Im Haus ist man vor ihnen relativ sicher. Schlimm ist es nur, wenn sie in einem Haus detonieren. Bei meinem Sohn in der Schule ist eine Mörserrakete durch das Fenster in ein Klassenzimmer geflogen. Eine Lehrerin wurde getötet. Das war sehr schlimm. Aber das passiert ganz selten.

Wer lebt denn eigentlich noch in Syrien?

Viele Leute leben noch hier! Das Leben in Damaskus ist relativ sicher. Und viele wollen ihre Häuser nicht im Stich lassen, sie sind das einzige, das sie besitzen. Wenn sie sie verlassen, werden sie besetzt. Dann gibt es noch die, die sich eine Flucht überhaupt nicht leisten können. 1.000 Euro und mehr verlangen die „Guides".

Das ist für viele ein unerreichbarer Betrag, mehr als ein Jahresgehalt eines syrischen Beamten. Außerdem leben hier noch viele, die helfen wollen. Die Syrer spenden auch sehr viel, wenn sie denn noch etwas haben. Es ist alles sehr teuer geworden, die Mieten haben sich vervielfacht. Medikamente zum Beispiel sind zehn bis zwanzig Mal teurer als vor dem Krieg.

Und wie kommen die Menschen damit zurecht?

Die Familien können sich gar nichts mehr leisten. Ich frage mich manchmal, wie sie mit dem bisschen Geld, das sie besitzen, überhaupt überleben können. Jetzt kommt der Winter, letztes Jahr hatten wir drei Schneestürme. Ich habe ein Mädchen gesehen, das barfuß durch die Straßen gelaufen ist. Nicht einmal Winterjacken können sich die Menschen kaufen.

Was ist das Schlimmste derzeit in Syrien?

Schlimm ist es vor allem in den umkämpften Gebieten: In Aleppo und in Homs. Hier ist die Situation unberechenbar. Scharfschützen suchen sich willkürlich Ziele aus, auch Kinder. Eine SOS-Mutter wurde angeschossen als sie aus dem Fenster sah. Und das sind keine Querschläger, kein Versehen.

Warum bleiben Sie in Syrien? Sie haben einen deutschen Pass, Sie könnten jederzeit auswandern.

Was soll ich in Deutschland? Da habe ich nichts verloren. Meine Arbeit ist hier, in Syrien, hier werde ich gebraucht. Wir werden hier nicht abhauen. Wir beschützen die Kinder bis der Krieg zu Ende ist.

Mehr dazu unter: sos-kinderdörfer

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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