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21/04/2016 13:09 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Flüchtlingskinder: "Manche trauen sich nicht aus ihrem Zimmer"

DANIEL MIHAILESCU via Getty Images

Jeder von uns erlebt hin und wieder belastende Situationen. Aber was unterscheidet schlechte Laune, Sorgen und Probleme von Traumata? Und wie gehen Kinder mit Fluchterfahrungen um? Diese Fragen beantwortet Dr. Christian Kienbacher. Er leitet das Kinder- und Jugendpsychiatrische Ambulatorium von SOS-Kinderdorf in Wien.

Herr Dr. Kienbacher, wer kommt zu Ihnen in die Ambulanz?

Ich arbeite hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen ab sechs Jahren und mit jungen Erwachsenen. Und -angesichts der Flüchtlingskrise - in den letzten Monaten auch verstärkt mit jungen Flüchtlingen.

Warum kommen die Flüchtlinge zu Ihnen?

Die meisten kommen, weil sie unter psychosomatischen Beschwerden leiden, die keine direkte körperliche Ursache haben. Viele haben Schlafstörungen, diffuse Körperschmerzen im Bewegungsapparat, Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme oder Kopfschmerzen.

Massive Taumafolgestörungen

Oder sie leiden unter massiven Traumafolgestörungen: Erinnerungen treten dabei wie reale Bilder auf. Dies wird auch Flashbacks genannt. Vor Angst gehen die Kinder gar nicht mehr aus dem Haus oder aus ihrem Zimmer.

Manche waren auf der Flucht eingesperrt z.B.in einem Bus, auf engstem Raum, hatten damals Panikzustände, Angst, sie könnten ersticken und diese Erinnerungen kommen dann immer wieder hoch. Es ist zu eng, ich könnte ersticken.

Wie unterscheidet sich die Behandlung von Flüchtlingen gegenüber anderen Jugendlichen?

Den größten Unterschied stellt die Sprachbarriere dar. Über einen Dolmetscher herauszufinden, was der Patient hat, wie es ihm wirklich geht, ist sehr schwierig. Man kann nur bei professionellen Übersetzern ganz sicher sein, was tatsächlich übermittelt wurde, ob die Antworten gefiltert sind oder verstärkt.

Was hilft den traumatisierten Jugendlichen, die aus gefährlichen Ländern geflüchtet sind?

Eine pädagogisch gut geführte Unterbringung hilft sehr viel. Das ist ja auch eine Stärke der SOS-Kinderdorf-Angebote. Hier bekommen die Kinder und Jugendlichen traumapädagogische Unterstützung, das heißt, sie erfahren Wertschätzung, leben in einer sicheren Umgebung und haben rund um die Uhr Ansprechpartner.

Und wenn es notwendig ist, verschreiben wir Medikamente. Vor allem, wenn die Schlafstörungen undurchbrechbar sind. Wir verschreiben zum Beispiel Schlaf anstoßende Antidepressiva, die die Jugendlichen abends einnehmen und die sie müde machen. Aber auch pflanzliche Heilmittel auf Basis von Hopfen, Baldrian oder Melisse.

Welche kulturellen Unterschiede bringen die Patienten mit?

Oft verschlimmern sich die Beschwerden an Ramadan. Das ist zu viel für manche. Sie stehen unter Druck, fasten zu müssen. Wenn jemand sowieso schon zu Kopfschmerzen neigt und dann den ganzen Tag nichts trinkt und nichts isst, dann wird die Schmerzsymptomatik natürlich stärker.

Bei vielen hiesigen Kindern haben wir klare Diagnosen, wie ADHS, Impulsivität, Wut, Ängstlichkeit und Depressionen. Bei Flüchtlingskindern ist vieles davon verdeckt von den körperlichen Symptomen.

Schlafstörungen und Kopfschmerzen

Die Menschen kommen mit Schlafstörungen, mit Kopfschmerzen. Die hiesigen Kinder kommen eher mit Aussagen wie „Ich hab Angst in der Schule" oder „Ich bin eifersüchtig und wütend".

Es gibt auch einige Flüchtlingskinder, die gar nicht mehr sprechen oder nichts mehr essen. Da kommt ein innerpsychischer Konflikt körperlich zum Ausdruck. Es gibt auch Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühl in den Armen und Beinen.

Auch selbstverletzendes Verhalten kommt vor. Die häufigste Form der Selbstverletzung ist Schneiden an den Armen. Sie fügen sich aber auch Brandwunden zu oder schlagen sich selbst.

Was steckt da dahinter?

Große Anspannung verarbeiten wir auch körperlich damit die innere Spannung sinkt. Durch Fäusteballen, Zähne-Zusammen-Beißen oder Auf-den-Tisch-Hauen.

Ähnlich erleben das Menschen, die sich selbst verletzen: Der selbstherbeigeführte äußere Schmerz übertüncht sozusagen den inneren Schmerz. Das geht meist einher mit anderen psychischen Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Depression oder Drogenerkrankungen.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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