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14/03/2016 15:22 CET | Aktualisiert 15/03/2017 06:12 CET

Von akademischer Arroganz, wirklicher Anteilnahme und dem großen Business

dpa

Sonntag Abend in Dortmund. Bundesliga: BVB gegen Mainz. Zwei Mannschaften aus dem obersten Drittel der Liga spielen gegeneinander. Business as usual.

Doch dann in der 2. Halbzeit gerät alles durcheinander. Die Medien berichten, dass ein Zuschauer im Stadion gestorben ist. Die Gerüchte überschlagen sich. Ein weiterer Zuschauer, soll bei dem Versuch dem Sterbenden zu helfen, ebenfalls gestorben sein. Oder doch nicht? Niemand weiß etwas Genaues. Aber gewiss ist: Ein Mensch ist gestorben.

Und abseits des Fußballgeschehens gibt es nun irgendwo eine Frau, deren Mann gestorben ist. Eine Mutter, einen Vater oder einen Bruder, die einen geliebten Menschen verloren haben. Angehörige, die fassungslos sind. Ein Kind, dass noch nicht weiß, dass es keinen Vater mehr hat. Freunde, die ahnungslos die Partie im Fernsehen verfolgen und nicht wissen, dass sie nie mehr die Gelegenheit bekommen werden Abschied zu nehmen.

Und das Spiel geht weiter.

Money makes the world go round

Bundesliga Fußball ist Business. Knallhartes Geschäft. Und es geht um Geld, um viel Geld. Und der einzelne zählt nicht als Mensch. Es zählt, was bringst du für den Verein. Was bringt die Quote? Wieviel Tore machst du? Die Spieler sind eine Ware, die teuer eingekauft wird und Gewinn bringen muss.

Und der Zuschauer ist Teil der Geschäfts. Sei ein guter und treuer Fan. Stehe zu deinem Verein. Sei Teil der Marke. Es werden Emotionen verkauft. Aber es ist ein Deal. Da passt keine Romantik hin. Hartes, knallhartes Business.

Das sind die Realitäten.

So still

Und plötzlich ändert sich alles. Unter den Zuschauern macht der Tod dieses einen Menschen viral die Runde. Keiner weiß, was passiert ist. Doch die Menschen begreifen, in diesem Spiel, das ein Spiel wie jedes andere war, in dem es um Punkte und um Geld ging, etwas passiert war. Während des Kampfes um Positionen in der Tabelle, war ein Mensch gestorben. In nächster Nähe. Inmitten der Euphorie und Freude. Einfach so.

Und dann war plötzlich Stille im Stadion. Kein Jubel der Fans bei bravourösen Aktionen der eigenen Mannschaft. Stille. Betroffenheit.

Irgendwer hat sich endlich auch der Spieler erbarmt und sie informiert. Die Betroffenheit der Tribüne ergriff die Spieler. Doch sie waren Teil der Maschinerie und spielten weiter. Das war ihr Job. Das war die Anweisung.

Und doch war da etwas, das nicht fassbar war. Eine kollektive Betroffenheit. Ein Innehalten. Eine Fassungslosigkeit.

Und das Spiel ging weiter.

Und dann, nach der Stille, gab es die Gesänge.

„You never walk alone." Die Hymne der Borussen. Gesungen zu Ehren des Gestorbenen und als Ausdruck der Fassungslosigkeit.

Der bornierte Akademiker in mir

Und das war der Moment, in dem der Akademiker in mir erwachte. Kühl, distanziert und analysierend. Was für eine Falschheit, welche Bigotterie, was für eine Farce, waren meine spontanen Emotionen, als ich die mediale Anteilnahme sah.

„Wie kann man einen Menschen beweinen, der gestorben ist? Diejenigen sind zu beklagen, die ihn geliebt und verloren haben." Helmut von Moltke

Auf der Welt sterben Tausende in genau dieser Minute an den Folgen von Krieg und Hunger. In Deutschland und auch in Dortmund sterben an diesem Tag zahllose Menschen an den Folgen von Krankheit, Unfällen oder einfach weil sie alt sind. Jeder einzelne dieser Menschen wertvoll und jeder einzelne betrauert. Und es gibt kein kollektives Betroffenheits-Getümmel und kein Innehalten.

Kein „You never walk alone". Und die Welt dreht sich weiter. Und die Angehörigen hassen genau das. Der kollektive Schrei aller Hinterbliebenen bleibt im Halse stecken und doch ist da auch der unstillbare Wunsch zu schreien: „Bleib stehen, du verdammte Welt. Siehst du nicht unser Unglück?"

Das Erkennen

Und dann sah ich Bilder. Sah die Bilder der Spieler des Vereins vor der legendären Südtribüne. Diese Wand von Menschen, Gelb-Schwarz, nicht endend. Sah die Menschen, geeint in einem kollektiven Gefühl der Anteilnahme.

„You never walk alone."

Gesungen mit der Inbrunst von Menschen, die begriffen hatten, dass hier etwas passiert war, jenseits des Riesen-Geschäfts Fußball.

Die Anteilnahme war zu spüren. Der Tribut, dargebracht durch die Hymne, zu Ehren des Gestorbenen. Und nein, da war kein Kalkül, keine Naivität. Da war nur diese Wand, die sich hoch und höher auftürmte. Da waren Menschen, die verstanden - nein, die fühlten, wie nah das Leben neben dem Tod wohnt. Und die einfach einen Moment geben wollten. Einen Moment der Nähe, des Mitfühlend und der Gemeinschaft.

„You never walk alone."

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