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10/03/2016 10:02 CET | Aktualisiert 11/03/2017 06:12 CET

Deutsche und russische Jugend: Nah oder fern (Teil 2)

Dmitry A. Mottl

Gerade mal gute zwei Stunden Flug liegen zwischen Berlin und Sankt-Petersburg - wie groß ist die Distanz zwischen der deutschen und russischen Jugend? So wie man den Wald vor lauter Bäumen oft nicht sieht, bemerkt man die Charakteristika und Besonderheiten des eigenen Landes erst dann, wenn man das Land verlässt und einen Vergleichspunkt findet.

Angekommen in einem anderen Land, beginnt man die eigene Gesellschaft und Kultur kritisch aufzunehmen. Wie nehmen russische Jugendliche in Deutschland und deutsche Jugendliche in Russland Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahr? Wie politisch engagiert ist die Jugend in beiden Ländern?

Hier ist der zweite Artikel, in dem Jugendliche selbst einen frischen Blick auf die Gesellschaft ihres und des jeweils anderen Landes geben:

KAS-Moskau: Welche Werte teilen die Jugendlichen in Russland und Deutschland?

Alexander Gorskiy, 24, aus Moskau, Russland

Alexander studierte in Russland (Moskau) und Deutschland (Tübingen) Jura und promoviert derzeit an der Universität Tübingen:

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„Ich denke, dass den fortschrittlich denkenden Jugendlichen in beiden Ländern die folgenden allgemeinmenschlichen Werte wichtig sind: Die Achtung des Menschenlebens und der Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Meinungs- und Schaffensfreiheit, das Streben nach allseitiger Selbstvervollkommnung, die Familie, die Freundschaft und die Liebe."

Tobias Vollmer, 22, aus Bietigheim-Bissingen, Deutschland

Tobias studierte Internationale Beziehungen in Moskau und studiert jetzt Europa-Studien an der Technischen Universität Chemnitz:

kas

„Generell erscheint mir die russische Gesellschaft konservativer und tendenziell eher auf Traditionen gepolt als die deutsche. Althergebrachte Konventionen werden kaum infrage gestellt. Dies betrifft sowohl Familien- und Rollenbilder als auch das öffentliche Leben.

Während deutsche Jugendliche liberaler und offener für Veränderungen sind (v.a. gegenüber gleichgeschlechtlicher Ehe, Adoption, Abtreibung), vertreten russische Jugendliche traditionelle Ansichten.

Dies könnte einerseits auf die weiterhin präsente sowjetische Vergangenheit, andererseits auf die sich zunehmend verstärkende Rolle der russisch-orthodoxen Kirche zurückzuführen sein. Russische Jugendliche sind weitaus gläubiger als deutsche.

Nichtsdestotrotz ist eine gewisse Schnittmenge an Werten auszumachen. Treue und Ehrlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen gelten als ebenso erstrebenswert."

KAS-Moskau: Wie würden Sie die moderne Gesellschaft in Russland und Deutschland mit drei Begriffen charakterisieren und warum? 

Maria Zolotareva, 25 aus Sankt-Petersburg, Russland

Maria studierte Kulturwisschenschaften in Sankt-Petersburg und legte ihren Master in International culture and business studies in Passau ab. Zurzeit promoviert sie an der Freien Universität Berlin in Wirtschaftswissenschaften:

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„Deutschland: Politisch, sozial, individualistisch. Bürger haben großes politisches Interesse und versuchen ihre Meinung der Regierung zu vermitteln. Viele Bürger engagieren sich in unterschiedlichen Bereichen, dennoch steht jeder zunächst für sich selbst.

Russland: Gemeinschaftsorientiert, unpolitisch, offen. Nicht der Einzelne steht im Zentrum, sondern es wird Verantwortung für Mitmenschen mitgetragen, dementsprechend hoch ist die Hilfsbereitschaft.

Bürger haben ein vergleichsweise geringes Interesse an Politik, die Distanz zwischen der Regierung und einzelnen Bürgern ist hoch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion lernen Leute zunehmend Fremdsprachen und erkunden andere Kulturen und freuen sich über Touristen in Russland."

Katharina Fietz, 22, aus Bonn, Deutschland

Katharina studierte in Russland an der Higher School of Economics und studiert zurzeit Betriebswirtschaftslehre an der Humboldt Universität zu Berlin:

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„Auf den ersten Blick ist die russische Gesellschaft verschlossen. Die Menschen auf der Straße wirken eher abweisend. Man entdeckt als Ausländer einen ausgeprägten Sinn für die Familie, die weitgehend in sich geschlossen ist.

Es bedeutet viel, wenn man eine private Einladung erhält. Dann allerdings wird man mit Gastfreundschaft geradezu überschüttet. Dieser Familiensinn steht in Kontrast zu dem in der deutschen Gesellschaft stärker ausgeprägten Individualismus. Es besteht aber ein großes Interesse an westlicher Kultur und Lebensweise.

KAS-Moskau: Studium und Studentenleben in Deutschland und in Russland. Können Sie Unterschiede nennen, die Ihnen besonders aufgefallen sind? 

Maria: „Das Studium an einer deutschen Universität bietet viel Freiheit bei der Spezialisierung, Studenten können eigene Schwerpunkte selbst legen und dementsprechend ihr Studium organisieren. In Russland hingegen gibt es einen festen Studienplan mit relativ wenigen Wahlfächern.

Hohe Selbstständigkeit wird aber in Deutschland auch beim wissenschaftlichen Arbeiten und Prüfungsvorbereitung erwartet, eine intensive und individuelle Betreuung und Verantwortung für Studenten seitens der Dozenten wie in Russland sollte man in Deutschland nicht erwarten."

Katharina: „Das Studentenleben in Russland ist wesentlich verschulter und weniger auf Selbstständigkeit ausgelegt als in Deutschland. Die Zahl der Studenten in den einzelnen Veranstaltungen ist geringer. Positiv ist mir aufgefallen, dass Professoren und Studenten ein engeres Verhältnis pflegen, als ich das von der Universität in Berlin her kenne.

Rückfragen und Absprachen sind selbstverständlicher. Im Übrigen lässt sich in Russland eine gute Note mit Fleiß erreichen, solange der Stoff aus den Lerngruppen beherrscht wird. Der Schwerpunkt liegt wesentlich weniger darauf, dass sich die Studenten die Materie eigenständig erarbeiten."

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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