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09/05/2014 11:50 CEST | Aktualisiert 10/07/2014 07:12 CEST

Bildung und Integration: Was Deutschland von Luxemburg lernen kann

Mit dem Lernen ist das so eine Sache. Man kann fürs Leben lernen. Lebenslang sowieso. Oder voneinander. Einige lernen besser miteinander. Andere „learn it the hard way", indem sie immer wieder auf die Nase fallen.

Letzteres muss nicht sein. Ist aber bis vor gar nicht langer Zeit bei uns in Luxemburg in Form eines regelrechten „Schulkriegs" bittere Realtität gewesen.

Nicht weniger radikal wird Bildung und Schule in Deutschland diskutiert, etwa beim Streit um die Gesamtschule. Aktuell zeichnet sich in einigen Bundesländern heftiges Konfliktpotenzial ab zwischen Befürwortern von G8 und denen, die die Kinder wieder 13 Jahre bis zum Abitur zur Schule schicken wollen. Die Debatte rund um Lehrpläne und den Kompetenzsockel nimmt zusätzlich Fahrt auf.

Die Parallelen zwischen Luxemburg und Deutschland sind offensichtlich: bildungspolitische Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte haben sich bei uns und bei den Nachbarn vornehmlich um Strukturdebatten gedreht. Es wurden hitzige, oft ideologisch aufgeladene Auseinandersetzungen darum geführt, welches Schulsystem das Beste wäre.

Die Verfechter der Reformen haben dabei immer wieder einen Top-Down-Ansatz gewählt und versucht, die Schulen über Lehrpläne zu verändern. Was in Luxemburg und Deutschland dabei zu kurz gekommen ist, sind die nötigen Rahmenbedingungen, die bei solchen komplexen Change-Prozessen mitgedacht werden müssen. Mit dem Resultat, dass von den Reformen nur noch eine Reform-Prosa übrig geblieben ist.

Bei uns in Luxemburg haben die strukturellen Reformen zu bildungspolitischen Grabenkämpfen geführt, die für die Entwicklung des Schulsystems überaus kontraproduktiv waren. Dabei gingen diese Debatten meiner Ansicht nach am Wesentlichen vorbei. Denn internationale Studien belegen, dass die Qualitätsunterschiede innerhalb einer Schule stärker variieren als zwischen unterschiedlichen Schulsystemen.

Besondere Aufmerksamkeit kommt in diesem Zusammenhang der Metastudie des australischen Forschers John Hattie zu. Hattie untersucht die Forschungsbilanz von über 50.000 Studien zu Schulreformen und pädagogischen Projekten. Dies ist aktuell die umfassendste Untersuchung dieser Art. Dabei stellt Hattie die klare Frage: Welche Faktoren haben Einfluss auf den Lernerfolg von Schülern?

Die deutliche und einfache Antwort: Qualität in der Bildung steht und fällt allein mit dem Lehrer. Eine weitere wichtige Erkenntnis bei der Analyse von Bildungsreformen schließt den Kreis zu den immer wieder in Luxemburg und Deutschland aufflammenden Konflikten um die beste Bildung. Hattie kommt zum Schluss, dass, obwohl nahezu unwirksam, sich bildungspolitische Maßnahmen in der Regel auf Strukturmaßnahmen und Arbeitsbedingungen konzentrieren. Reformen, die sich auf den Unterricht, Lehrstrategien und Lernkonzepte fokussieren, kommen dabei zu kurz.

Für mich müssen künftige Schulreformen deshalb an der Basis ansetzen und den Lehr-, respektive Lernprozess in den Klassenräumen konkret unterstützen. Wir in Luxemburg verfolgen dabei eine Bottom-Up-Strategie, bei der die Lehrer als wichtigste Partner der Schulentwicklung gesehen werden. Ziel ist und bleibt eine möglichst individuelle Förderung des Schülers.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine qualitativ hochwertige und vor allem praxisnahe Lehrerausbildung unabdingbar. An den meisten Universitäten in Luxemburg und Deutschland genießen vor allem die Forschung und der akademische Zugang zur Lehrerausbildung nach wie vor Vorrang. Es geht auch anders, nämlich vorbildlich, wie die „Professional School of Education" in Berlin, Bochum und München zeigt.

Die in Berlin, Bochum und München gelehrten Inhalte finden sich im neuen Luxemburger Weg zu mehr und besserer Bildung wieder: nämlich Lehrerausbildung mit Forschung und Entwicklung von Lehrmaterialien in einer gemeinsamen Struktur zu verbinden. Dieser luxemburgische Weg beeinhaltet zum Beispiel auch, dass der Lehrer nach einem festgelegten Lehrplan unterrichtet, aber sehr individuell mit den ihm passend erscheinenden Lehrmaterialien.Über diese Details hinaus haben Lernen, Bildung und Forschung viele Facetten. In der jüngsten Zeit und vor allem ganz aktuell steht dieses Thema im Fokus der deutschen und luxemburgischen Integrationspolitik. Trotz jahrelanger Debatten darüber gibt es nach Einschätzung des unabhängigen „Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration" (SVR) auf diesem Gebiet noch immer „zu wenig Fortschritte". Die deutsche Schule müsse „den Umgang mit dem Normalfall einer heterogenen Schülerschaft" erst noch lernen, sagte kürzlich die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld bei der Vorstellung eines Gutachtens. Sie müsse sich in einer Gesellschaft, die rechtlich wie politisch auf gutem Wege sei, sich als Einwanderungsgesellschaft zu begreifen, „stärker ihrer Verantwortung stellen" und unterschiedliche Startchancen ausgleichen, statt sie zu verschärfen.

Auch hier können wir voneinander lernen. Denn sowohl bei uns in Luxemburg, aber auch in den deutschen Großstädten ist der Umgang mit der Sprachenproblematik ein drängendes Thema. Wir bemühen uns in Luxemburg um eine pragmatische Herangehensweise. Gewiss: Sprachenprobleme sind immer tabubehaftet, weil es gleichzeitig um Integration und Identität einer Gesellschaft geht. Luxemburg ist eine Melange von Kulturen, zwischen Deutschland und Frankreich, mit einem hohen Anteil an Migranten aus Italien und vor allem Portugal. Und darüber hinaus ein internationaler Finanzplatz.

Damit es nicht zu einem babylonischen Sprachgewirr kommt, besteht unsere Herangehensweise aus drei Komponenten:

  • auf der Regelschule ist die Integrationssprache Luxemburgisch. Damit einhergehend setzen wir auf eine intensive Sprachenförderung bei Kleinkindern. Zusätzlich bieten wir eine kostenlose Kinderbetreuung an, weil die Zukunftschancen der Kinder im Alter von null bis drei Jahren festgelegt werden.
  • ergänzend gibt es Unterstützung für Kinder mit Migrationshintergrund, die im Laufe ihres Bildungsweges in die Grundschule nach Luxemburg kommen. Unser Ziel ist es, Modelle einer bilingualen Alphabetisierung auszuprobieren, um sprachliche Defizite im Laufe der Grundschule zu beheben.
  • parallel bauen wir das Angebot an englischsprachigen und französischsprachigen Schulen in unserem Land aus, um Kindern, die nur eine begrenzte Zeit in Luxemburg bleiben, ein Angebot machen zu können. Bildung, Menschenwürde, Freiheit und Demokratie - diese Grundwerte sind unser höchstes Gut. Und sie bedingen sich gegenseitig. Ohne Bildung können sich die anderen Grundwerte nicht entfalten. Nur wer Zugang zu Bildung hat, kann eine Perspektive entwickeln, aus der heraus Freiheit und Demokratie gewürdigt werden. Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir wieder allzu hitzige Debatten um Strukturreformen führen und dabei unsere Kinder und Jugendlichen aus den Augen verlieren.

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