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12/08/2015 13:20 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 07:12 CEST

Wilhelmsburg wehrt sich gegen Luftverschmutzung

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Vor einem Jahr bin ich von München nach Hamburg gezogen und hatte mich natürlich etwas umgehört, wo man so hinziehen kann. Als ich von der Elbinsel Wilhelmsburg hörte, war ich sofort fasziniert.

Wilhelmsburg

Wilhelmsburg ist ein Stadtteil mit 50.000 Einwohnern im Süden Hamburgs und liegt auf einer Insel in der Elbe. Seit 1962, als hier die Deiche brachen und Wilhelmsburg überflutet wurde, war der Stadtteil lange der Hinterhof Hamburgs: hier wurden Industrien angesiedelt, die keiner in der Stadt wollte, hier zogen die Menschen hin, die woanders keine Bleibe fanden.

Umgekehrt wohnen hier aber auch viele Menschen, die hier wegen der Insellage, der vielen Kanäle, dem Grün gern leben wollen oder die einfach keine Lust haben völlig übertriebene Mieten in den Szenestadtteilen zu zahlen.

Enge Nachbarschaft

Natürlich habe ich mich dann weiter gründlich informiert über Wilhelmsburg und natürlich wusste ich, dass es hier Wohngebiete, Gewerbegebiete und Industrie in enger Nachbarschaft gibt. Aber wo in einer Großstadt gibt es das nicht?

Ich habe dann eine Wohnung im Reiherstiegviertel gefunden und mich gleich in den Stadtteil verliebt, mit seiner Vielfalt und Lebendigkeit. Natürlich ist hier auch nicht alles in Ordnung, aber ich suche ja auch kein Paradies, sondern einfach ein Viertel, wo man leben kann.

Bestialischer Gestank im Stadtteil

Ich fühlte mich schon immer zum Wasser hingezogen, deshalb bin ich wohl auch in Hamburg gelandet. Direkt in der Nähe meiner Wohnung liegt der Veringkanal, ein mittlerweile nicht mehr genutzter Abschnitt des alten Kanalnetzes durch Wilhelmsburg.

Die direkte Nähe zum Kanal ist wie Balsam für die Seele. Deshalb wollte ich, kaum war ich herhergezogen, die Nachmittagsstunden am Wasser genießen und ich weiß noch genau, wie zuerst der Wind etwas auffrischte und mir dann wie ein Keule ein bestialischer Gestank ins Gesicht schlug.

Der Geruch zog stechend und ölig in die Nase, es war wie eine Mischung aus Erbrochenem und Tierkadaver. Ich stand am Veringkanal und versuchte die Quelle des Geruchs zu bestimmen. Stand ich gerade neben den Resten einer Party von letzter Nacht? Lag irgendwo in den Büschen ein totes Tier in der Sonne?

Die Katzenkocherei

Aber ich konnte nichts finden und so fragte ich einfach den nächsten Spaziergänger. „Das ist die Katzenkocherei", sagte ein älterer Mann resigniert, und zeigte den Kanal entlang, bevor er weiterging. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und so ging ich in die Richtung, in die er gezeigt hatte und nach wenigen hundert Metern sah ich dann diese gigantische Fabrik.

Auf der anderen Seite des Kanals, weniger als 30 Meter von Wohnhäusern entfernt lag eine Fabrik mit 20 Meter hohen Tanks, direkt am Kanal standen unzählige, fest versiegelte blaue Plastiktonnen und der Geruch brachte mich zum Würgen. Während ich da noch stand, kam ein Fahrradfahrer an mir vorbei, der sich auch erstmal ein Tuch vor das Gesicht zog und ordentlich in die Pedalen trat, um schnell hier wegzukommen.

Es stinkt bestialisch

Wieder zu Hause recherchierte ich gleich im Netz, was das für eine Fabrik ist, die da am Kanal steht. Folgendes fand ich heraus: Die Walther Carroux GmbH & Co KG (NOW) am Veringkanal produziert aus pflanzlichen Ölen und tierischen Fetten destillierte Fettsäuren und Glycerin, wodurch starke Geruchsemissionen entstehen.

Was hier so schlicht klingt, bedeutet für die Anwohner: Es stinkt bestialisch! Je nach Windrichtung können viele Menschen im Reiherstiegviertel oft weder lüften noch richtig durchatmen. Auf Dauer ruft der Geruch dazu noch Übelkeit und Kopfschmerzen hervor.

Das Problem ist nicht neu

Aber ich fand noch wesentlich mehr im Internet: Im Juli 2009 war es besonders schlimm, als eine mangelhafte Fuhre tierischer Fette verarbeitet wurde, die in Polen aus Schlachtabfällen herausgeschmolzen worden waren.

Eine Woche lang stank es so sehr, dass mehrere Anwohner schließlich Anzeige wegen Körperverletzung erstatteten. Alle Anzeigen wurden eingestellt, aber selbst das hat Jahre gedauert und viele Anwohner argwöhnten, dass hier einfach ein Problem ausgesessen werden soll.

Angeblich verarbeitet die Fabrik inzwischen keine tierischen Fette mehr, stinken tut es aber trotzdem weiter. Sogar sonntags, an Feiertagen und auch nachts. Je nach Windrichtung zieht der Gestank über die ganze Insel.

Hochexplosive Flüssigkeiten

Sogar eine Kesselexplosion 2001 und einen Brand im letzten Jahr mussten die Bewohner schon ertragen. Tanklager und Fabrikationshallen mit hochexplosiven Flüssigkeiten bedeuten in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern darüber hinaus ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Nachdem jetzt noch ein Deal mit der IBA (Maßnahmen zur Geruchsreduzierung der NOW) geplatzt ist, sind die Bewohner am Ende mit ihrer Geduld und den Nerven.

Die letzte Messung der Geruchsbelastung wurde 2008 von der BSU in Auftrag gegeben. Nach den Kriterien Geruchsemissionsrichtlinie (GIRL) sind die Grenzwerte für Wohnungsbau im gesamten Gebiet westlich des Wilhelmsburger Reichsstraße mindestens um das Zweifache, teilweise um das Fünffache überschritten worden.

Trotz all dieser Fakten gab es keine weiteren Emissionsmessungen, geschweige denn Versuche, die Situation zu lösen. Im Gegenteil, es wurden und werden weitere Wohnhäuser noch näher an die Fabrik gebaut.

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Im Internet fand ich aber noch mehr: Seit über 40 Jahren protestieren die Bewohner gegen den Gestank. Über die Geschichtswerkstatt Hamburg Wilhelmsburg erhielt ich zum Beispiel einen Zeitungsartikel von 1975, in dem stand, dass bereits vor 40 Jahren die Beschwerden der Anwohner so heftig waren, dass der Bezirksausschuss sich über ein halbes Jahr mit dem Problem befassen musste. Es passierte aber nichts!

Da das Problem also wahrlich nicht neu ist, gab es in den einschlägigen Foren auch Tipps an wen man sich wenden soll bei Geruchsbelästigung. Zuständig ist die BSU (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt), die vor zwei Jahren auch auf nach Wilhelmsburg verlegt wurde.

Petition als letztes Mittel gegen den Gestank

Zuerst habe ich, genau wie es geraten wird, die zuständige Beschwerdestelle (BSU) informiert und ihnen über Monate zahllose Emails geschrieben. Doch seitens der BSU gab es keine Reaktion, außer der Aufforderung, sich doch gern wieder zu melden, sollte es mal stinken, am besten mit Angabe des genauen Standortes und der aktuellen Windrichtung.

So langsam dämmerte mir, dass die Bewohner nicht ernst genommen werden. Als dann von der BSU auch noch vier Jahre alte Pressemitteilungen, die längst überholt waren, an mich geschickt wurden, war klar: Hier muss die Öffentlichkeit mit ins Spiel - sonst passiert die nächsten 40 Jahre wieder nichts.

Da ich selbst seit Jahren Unterstützer von diversen Online-Petitionen und immer wieder überwältigt von der Stimme der Masse bin, dachte ich sofort daran selbst eine Petition zu starten. Denn wenn die offiziellen Wege nicht funktionieren und nur dazu dienen, die Beschwerden der Bürger ins Leere laufen zu lassen, muss man eben andere Wege wählen und ich wählte Change.org.

Ein Viertel wehrt sich

Ehrlich gesagt machte es mich traurig und wütend zu gleich, dass die Bewohner eines ganzen Viertels über Jahrzehnte derart im Stich gelassen werden. Ich war überrascht, wie die Petition bisher einschlug, in kürzester Zeit kamen 1000 Unterschriften zusammen - ganz so, als ob das Viertel nur darauf gewartet hätte.

Auch die Medien stiegen sofort ein: Das Abendblatt, die Welt haben schon berichtet und auch der NDR und das Stadtteilonline-Magazin HH-Mittendrin bereiten einen Bericht vor.

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Was mich aber am meisten bestärkt, ist der persönliche Zuspruch der Menschen hier vor Ort. Zusammen mit einer Illustratorin, die auch hier in Wilhelmsburg lebt, habe ich ein Plakat entworfen, das ich immer wieder im ganzen Viertel aufhänge. Beim Plakatieren unserer Poster werde ich oft von Anwohnern angesprochen, die sich bedanken, dass sich endlich jemand für dieses Thema stark macht.

Man muss mit der Zeit gehen und akzeptieren, dass es sich hier nun um ein Wohngebiet handelt und es dementsprechend auch schützen und fördern. Gerade im Zuge der IBA wurden in unmittelbarer Nähe zu den NOW sehr viele neue Häuser gebaut.

Es wird Zeit, dass ein anderer Wind weht! Und zwar einer mit gesunder, frischer Luft!

Wir brauchen Eure Unterstützung!

Wir fordern umgehend eine politische Entscheidung zum Schutz der Bevölkerung!

Wir wollen lüften, atmen und leben!

Jede Stimme zählt, bitte verbreitet diese Petition, damit wir wieder durchatmen können!

Wer uns tatkräftig unterstützen möchte, darf mich gerne anschreiben unter:

euchstinktsauch@ok.de


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