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15/11/2015 05:15 CET | Aktualisiert 15/11/2016 06:12 CET

Terror: Ich bin Moslem - und distanziere mich nicht

dpa

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Keine 24 Stunden sind seit der verheerenden Anschlagsserie in Paris vergangen. Während auf der einen Seite der IS und auf der anderen Seite Hetzer wie WELT-Kolumnist Michael Matussek sich die Hände reiben, versinken die Bürger Frankreichs und ihrer Freunde in Trauer. Dazu gehören auch die Muslime.

Noch bevor die Geiselnahme in Paris zu Ende war und die Terroristen zur Strecke gebracht wurden, erhoben sich in den sozialen Medien die ersten Stimmen. Zusätzlich zur Trauer dieses abscheulichen Anschlags ahnten Muslime, allen voran jene, die in der westlichen Welt zu Hause sind, Schlimmes:

Es ist seltsam, wenn man sich ertappt, dass man als Muslim zu sich selber sagt: Bitte, lass es keine Muslime sein. #Paris

Posted by Eren Güvercin on Friday, November 13, 2015

Wieder verrückte Terroristen, die glauben, der Islam würde ihre Taten billigen? Die den Namen Allahs als Kriegsruf zum Mord verstehen? Die glauben, im Namen des Islam zu handeln?

Wie falsch und erdrückend das für uns wirkliche Muslime ist, das kann ich gar nicht in Worte fassen.

Jetzt wird man als Muslim auch mit Fragen konfrontiert wie: "Was hält's du denn von den Anschlägen? Distanzierst du dich davon?" Und vorauseilende Bekundungen von vielen Muslimen bestätigen dann:

"Müssen wir uns jetzt wieder distanzieren?"

"Ich bin Muslim, aber kein Terrorist."

"Als Muslim distanziere ich mich von diesen Anschlägen."

Bitte was soll man von diesen Anschlägen halten? Wie absurd ist denn diese Frage?

Muslime müssen sich nicht Distanzieren

Hier geht nicht um Distanzieren. Distanzieren kann man sich nur von etwas, zu dem man eine Verbindung hat. Und wenn man sich vorauseilenden Gehorsams doch distanziert, dann hat man leider erfolgreich dazu beigetragen, dass dieser Anschlag mit dem Islam konnotiert wird - oder wie in diesem Post treffend beschrieben:

An alle Brüder und Schwestern. Ich weiß ihr meint es gut, aber bitte hört auf mit diesen "I am a Muslim but I am not a...

Posted by Mehmet Alparslan Çelebi on Saturday, November 14, 2015

Es geht jetzt um Zusammenhalt mit unseren französischen Freunden. Diese Anschläge gelten auch uns und hätten genau so auch bei uns stattfinden können: An der Hauptwache in Frankfurt, in der Altstadt Düsseldorfs, an den Ringen in Köln, in der Simon-Dach-Straße Berlins. Jeder von uns hätte ebenso Opfer dieser Anschläge sein können.

Distanzierungen sind Gift für die Gesellschaft

Umso unbegreiflicher ist jeder Versuch von Distanzierung von diesen Ereignissen. Im Gegenteil, ich empfinde sie als absolut schädlich für die Gesellschaft. Sie treiben einen Keil zwischen Muslime und Nicht-Muslime. Sie unterstellen eine Kollektivschuld der Muslime an diesen Ereignissen. Distanzierungsversuche bauen eine Drohkulisse, dass man sich als Muslim mitschuldig macht, wenn man sich nicht distanziert.

Niemand hat von Christen Distanzierung erwartet, als Anders Behring Breivik 2011 in Oslo 77 junge Menschen im Namen des Christentums ermordete.

Distanzierungsbekundungen sind Gift für die Gesellschaft. Sie sind Sand in den Augen der trauernden Muslime. Die gemeinsame Trauer und gemeinsame Aufarbeitung der Ereignisse wird durch widersinnige Zuschreibungen blockiert.

Freitag der 13. November 2015 ist für Europa das, was 9/11 für die USA war.

Ordnung, Kontrolle, Sicherheit. Darum geht es jetzt in Paris und in unserer Welt. Die Zukunft birgt Herausforderungen nie da gewesenen Ausmaßes, aber eine Hoffnung habe ich: Dass Europas Bürger mit ihren muslimischen Nachbarn und Freunden wahrhaftig zusammenrücken.

Wir stehen füreinander. So wie der muslimische Ordner in Paris, der den Attentätern den Zugang zum Fußballstadion verwehrt hat.

Terror in Paris: Gedanken eines Muslims zu den Anschlägen in Paris

Das wissen wir derzeit über die Attentäter von Paris

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