BLOG
14/04/2015 11:06 CEST | Aktualisiert 14/06/2015 07:12 CEST

Ich bin türkeistämmiges Mitglied der CDU und das ist gut so

Als Türkeistämmiger in der CDU ist man in einem ständigen Rechtfertigungsmodus. Regelmäßig muss man seine Entscheidung, der CDU beigetreten zu sein, verteidigen: Wie kann man es wagen, in die CDU einzutreten, statt doch das SPD-Parteibuch anzunehmen, „wie es sich für einen Türken in Deutschland gehört".

Getty

Als Türkeistämmiger in der CDU ist man in einem ständigen Rechtfertigungsmodus. Regelmäßig muss man seine Entscheidung, der CDU beigetreten zu sein, verteidigen: Bei Türkeistämmigen wird man gefragt, wie man es wagen kann, in die CDU einzutreten, statt doch das SPD-Parteibuch anzunehmen, „wie es sich für einen Türken in Deutschland gehört". Und bei Deutschen ohne Einwanderungsgeschichte, was man denn als Türkeistämmiger/Muslim in der Christdemokratischen Union Deutschlands zu suchen hätte, salopp gesagt.

Naturgemäß komme ich aus einem sozialdemokratischen Haushalt. In einer klassisch-türkischen Einwandererfamilie, die sich im Ruhrgebiet - in der Herzkammer der Sozialdemokratie - vom Bergbau und der Zeche ernährt hat, liegt nichts näher, als SPD-nah zu sein. Das war für meine Eltern und Großeltern natürlich und selbstverständlich, eine Art Ein- und Widerspruch gab es einfach nicht.

Allerdings habe ich das Hinterfragen von althergebrachten Mustern im Blut, ganz im Sinne meiner Generation Y. Gepaart mit Einwanderungsgeschichte und politischem Interesse, bedeutet dies in letzter Konsequenz auch Einspruch gegenüber dem in die Wiege gelegten, roten Parteibuch.

Aber warum ist ein rotes Parteibuch so vermeintlich selbstverständlich? Warum ist eine SPD für Türkeistämmige die Partei der Wahl und nicht die CDU?

Fakt ist, dass die allermeisten der drei Millionen Türken und Türkeistämmigen in Deutschland einer Arbeiterfamilie entstammen. Fakt ist auch, dass die SPD schon immer ein enges Verhältnis zu Gewerkschaften geführt hat, die den entscheidenden Schnittpunkt zwischen Türken und der SPD darstellen.

Die Gewerkschaften waren der verlängerte Arm der SPD in die Arbeiterschicht, der die Türken nun mal mit einer überwältigenden Mehrheit angehörten. Jeder, der sich gewerkschaftlich und ehrenamtlich einsetzte, hatte früher oder später einen Draht zu SPD, sofern man sich auch politisch interessierte und engagierte. Seit jeher war das also der Ausgangspunkt der SPD, mit dem sie große Fußstapfen in der DNA der Türken in Deutschland hinterlassen hat. Und da diese sich von Generation zu Generation weitergibt, ist ein Paradigmenwechsel nicht unschwer möglich.

Die Ungeschicktheit der CDU - 1999 der Wahlkampf von Roland Koch in Hessen oder „Deutschland ist kein Einwanderungsland" von Helmut Kohl, um nur zwei Punkte zu nennen - hat ihr Übriges zur konsequenten Ablehnung gegenüber der CDU geleistet. Während die SPD also eingeladen hat, hat die CDU abgelehnt, sprich, Doppelpunkt für die SPD.

Im Zuge meines BWL-Studiums und damit einhergehende Sensibilisierung für politische Themen wie Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik oder Rentenpolitik bin ich auf die CDU aufmerksam geworden. Ich habe festgestellt, dass ich die größten inhaltlichen Schnittmengen mit der konservativen Christdemokratie habe.

Sei es die Bundeskanzlerin als Feld in der Brandung oder Deutschland in der Finanzkrise, ich dachte: „Läuft. Finde ich gut." Nur in Sachen Einwanderung habe ich Ablehnung empfunden. Und da dies nun mal meine Person ist und mich ausmacht, führte es in letzter Konsequenz dazu, dass die CDU für mich trotz der inhaltlichen Nähe nicht greifbar war. Ich hatte das - unter Türkeistämmigen weitverbreitete - Gefühl, spätestens an der Tür zur Party abgewiesen zu werden.

Vielfältig, weltoffen und liberal - und trotzdem wertekonservativ

Aber mit dem Amtsantritt des Generalsekretärs Dr. Peter Tauber ist die CDU zum ersten Mal in meinem Radar als mögliche Partei der Wahl aufgetaucht. Dass ein vergleichsweise so junger Kandidat zum Generalsekretär benannt und gewählt wurde, habe ich als ehrliches Handreichen empfunden. Denn mit dem jungen Alter des neuen Generalsekretärs ging für mich eine Sozialisation in der heutigen Realität der Bundesrepublik einher: Vielfältig, weltoffen und liberal - und trotzdem wertekonservativ.

Eine Stimme in mir sagte, dass dieser CDU-Politiker nicht wie viele andere überrumpelt sein würde, wenn ich sage: Als Türkeistämmiger gehöre ich auch zu Deutschland und zur CDU. Und als der neue Generalsekretär die Ziele seiner Parteireform damit zusammengefasst hat, dass die Partei jünger, vielfältiger und weiblicher werden soll, habe ich auch meine Hand gereicht, nicht trotz, sondern auch wegen des wertkonservativen Charakters.

Ich war glücklich darüber, endlich einen integren Verfechter von Einwanderung in der CDU zu finden und sicher, dass er „mich" beim ersten Gegenwind nicht wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen würde.

Ich verstehe aber auch, dass es für viele ein Umbruch und Störung des bisherigen Gefüges ist. „Christdemokratisch" und „türkeistämmig/muslimisch", das klingt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Aber nein, das muss es nicht. Es bestehen maximale Schnittmengen in diesen Werterastern und die gilt es positiv herauszuarbeiten und zu kommunizieren.

Christliche Werte sind nicht ungleich muslimischer Werte

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft habe ich genauso im Mark wie auch meine christlichen Freunde. Mensch, alles andere ist doch abstrus! Aber das werde ich nicht müde zu betonen, im Gegenteil, sehe es auch als meine Aufgabe: Christdemokratische und christliche Werte sind nicht (sic!) ungleich muslimischer Werte.

Dies soll kein larmoyantes Plädoyer für Mitleid-Hascherei sein. Ich möchte einfach nicht wie ein Alien wahrgenommen werden, sowohl in als auch außerhalb der Partei. Muslime und Türkeistämmige in Deutschland verfolgen keine politische Agenda oder Ideologie. Sie sind einfach froh, wenn sie einfach friedlich in und mit ihrer Heimatgemeinde leben können.

Mein Gusto ist nicht „Status quo"

Der ersten, zweiten und größtenteils auch dritten Generation ist es ziemlich gleich, ob sie oder ihre Religion per Dekret zu Deutschland gehören. Sie sind müde für Selbstverständlichkeiten zu streiten und belassen die Diskussion bei Status quo.

Mein Gusto ist aber nicht „Status quo". Ich funktioniere nach „Quo vadis?". Die CDU Deutschlands ist im Umbruch und die Formel panta rhei greift nur noch bedingt. Ich habe die Parteimitgliedschaft nicht in die Wiege gelegt bekommen und mich im Alter von 24 Jahren, nach einer langen kritischen Auseinandersetzung, bewusst für die Partei entschieden.

Das unterscheidet mich zwar von klassischen „Überzeugungstätern", was ich aber nicht als Manko verstanden wissen will, im Gegenteil, im Erwachsenenalter aktiv eine Entscheidung zu treffen bedeutet maximale Klarheit. Als Türkeistämmiger in der CDU möchte ich der Partei dienen: Im Aufbruch von ihr lernen, sie begleiten, die unendlichen Schnittmengen zwischen christdemokratischen und muslimischen Werten herausarbeiten, manchmal auch Seismograph sein und Hemmschwellen abbauen.

All das funktioniert aber nur, wenn wir miteinander im Dialog sind. Ich selbst stehe noch am Anfang und lerne die Partei und ihre Netzwerke erst nach und nach kennen. Wenn ich aber etwas festgestellt habe bisher, dann ist es die große Dialogbereitschaft in der CDU, sei es beim Stammtisch im Kreisverband, im Konrad-Adenauer Haus oder in der digitalen Welt. Zu mindestens muss ich mich hier nicht rechtfertigen, warum ich CDU Mitglied bin - nur erklären, wie gerade ich denn so dazu kam.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Rhetorisch überzeugen: Mit diesem einen Satz imponieren Sie in jedem Business-Meeting

Hier geht es zurück zur Startseite