BLOG
19/08/2014 09:53 CEST | Aktualisiert 19/10/2014 07:12 CEST

Warum Deutschland seine Friedenspolitik überdenken muss

Gaza, Irak, Zentralafrikanische Republik, Ukraine - Konflikte und Kriege, die wir jeden Tag präsentiert bekommen und die nicht aufhören wollen. Die Welt ist turbulent, unruhig, aggressiv wie sie es lange nicht mehr war. Dazu gehören auch die Konflikte, die durch die Aktualität der neuen Kriege mehr und mehr in den Hintergrund der Wahrnehmung geraten.

Ich möchte Ihren Blick am Welttag der Humanitären Hilfe auf zwei dieser in den Hintergrund geratenen Konflikte lenken: Auf die Kriege in Syrien und Südsudan und dort insbesondere auf das Schicksal der Kinder. In jedem Krieg sind Kinder diejenigen, die die schlimmste Bürde tragen müssen. Sie sind aber auch diejenigen, die überhaupt keine Schuld an den Konflikten tragen.

2014-08-19-D192022805_502516_298762.JPG

Als Kinderhilfsorganisation sehen wir uns als Sprachrohr und Advokaten dieser Kinder. Wir werden nicht aufhören, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. In einem von 140 syrischen Kindern geschriebenen Bericht haben sie ihre Forderungen und Wünsche an die Weltgemeinschaft aufgeschrieben.

Sie fragen uns:

„Habt Ihr immer noch nicht genug von den Zerstörungen in Syrien? Habt Ihr immer noch nicht genug Blut gesehen? Wollt Ihr noch mehr Tote sehen? Was braucht Ihr noch, um uns zu helfen und uns die Rückkehr in unsere Heimat zu ermöglichen?"

Beschämend. Diese Kinder halten uns, der Welt, den Spiegel vor.

2014-08-19-D192022802_502510_112190.JPG

Bis heute haben wir Erwachsenen keine Antwort auf ihre Fragen. Die Kämpfe und Bombardements gehen weiter. Kinder und ihre Eltern werden auf brutale Weise getötet. Eine gesamte Generation von Kindern leidet unter den Konsequenzen dieser Grausamkeiten und der internationalen Wartehaltung.

Mehr als 1,4 Millionen Flüchtlingskinder außerhalb Syriens und fast fünf Millionen Kinder im Land selbst kämpfen ums tägliche Überleben, erleben Gewalt und Unsicherheit, soziale Ausgrenzung, werden geschlagen, früh verheiratet, müssen betteln gehen und werden sexuell missbraucht.

2014-08-19-D363004009_501986_KINDER_WASSERKANISTER_MALAKAL.jpg

Viele Kinder können nicht zur Schule gehen. Während der überstürzten Flucht mussten Familien all ihr Hab und Gut zurück lassen. Viele Kinder müssen jetzt zum Familienunterhalt beitragen. Sie sprechen die Sprache nicht oder nur schlecht, und sie werden verantwortlich gemacht für Verfehlungen in Schule oder Gesellschaft. Ihren arbeitslosen Eltern gegenüber fühlen sie sich schuldig, weil sie wissen, welche Mühe es für ihre Mütter und Väter bedeutet, sie zu ernähren.

„Wir tragen die Last der Welt auf unseren Schultern, aber wir wollen uns nicht beschweren, weil wir unsere Eltern nicht noch mehr belasten möchten"
betont ein Kind in dem Bericht.

Wir vergessen auch nicht die mehr als 10.000 Kinder, die in diesem furchtbaren Konflikt ihr Leben geben mussten.

Im vergangenen Jahr haben wir von der verlorenen Generation geredet. Die syrischen Kinder, die jetzt keine Schule besuchen können, werden auch später beim Wiederaufbau ihres Landes nicht die wichtigen Fähigkeiten mitbringen, die es braucht, um ein vom Krieg zerstörtes Land wieder zu errichten. Ihr Leben lang werden sie die Kriegserlebnisse, das Heulen der Bomben, ihre Angst und Trauer nicht vergessen. Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass ihr Leben wieder in normale Bahnen gerät und sie in ihre Heimat zurückkehren können. Die Kämpfe und Bombardements gehen weiter.

Die Nachbarländer Syriens sind hoffnungslos mit den Flüchtlingsströmen überfordert. Daher muss international mehr dafür getan werden, dass Flüchtlinge in diesen Ländern gut versorgt werden. Aber auch die einheimische Bevölkerung darf nicht vergessen werden, da die Belastungen für sie enorm sind.

Die Bundesregierung plant offenbar, ihre Mittel für die Syrien-Hilfe zu kürzen. Das darf nicht geschehen, und wir appellieren an die verantwortlichen Politiker, weiterhin in großem Umfang Hilfe zu leisten. Über 10 Millionen Syrer - die Hälfte der Bevölkerung - sind in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Wir fordern daher von den Konfliktparteien, den ungehinderten Zugang für Hilfsorganisationen zu allen Betroffenen in Syrien sicherzustellen. Außerdem sollten im Land besondere Orte festgelegt werden, wo Zivilisten sicher vor den Kämpfen sind.

Als internationale Kinderhilfsorganisation wiederholen wir hier die Forderungen der Kinder: Der Krieg in Syrien muss sofort beendet werden. Deutschland kann eine wichtige Rolle spielen und sich als Mittler zwischen den Konfliktparteien engagieren.

Die Situation der Kinder ist in jedem Konflikt ähnlich. Auch die Gründe gleichen sich. Anhaltende Armut und Ungerechtigkeiten werden auch in Zukunft dazu führen, dass Menschen aufstehen und sich wehren.

Auch in Süd-Sudan findet seit Monaten ein grausamer Krieg statt, und wir wissen sehr genau, dass der jüngste Staat der Erde, der sich vor etwa drei Jahren vom Norden löste, voraussichtlich schon im kommenden Monat eine katastrophale Hungersnot erleben wird. Schon jetzt sind vier Millionen Menschen auf gespendete Nahrungsmittel angewiesen, darunter eine Million Kinder unter fünf Jahren. Und die Lage wird sich weiter zuspitzen. In weiten Teilen des Landes wurden vor der Regenzeit die Felder nicht bestellt.

2014-08-19-SitzendesMdchen14.jpg

Der Hilfsaufruf der Vereinten Nationen für Süd-Sudan in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar ist bisher nicht einmal zur Hälfte finanziert. Diese Gelder müssen sofort zur Verfügung gestellt werden. Wir appellieren auch an das Auswärtige Amt, seine Hilfszusagen für das Land jetzt aufzustocken und entschiedener auf Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien zu dringen. Der Süd-Sudan steht am Abgrund.

Die Katastrophe im Süd-Sudan ist von Menschen gemacht, weil sich zwei machtgierige Männer nicht einigen können: auf der einen Seite Präsident Salva Kiir und auf der anderen Seite Rebellenführer Riek Machar. Die Bevölkerung muss in ihrer Gesamtheit in die Friedensbemühungen einbezogen werden, so dass es zu einer wirklichen Aussöhnung zwischen Dinka und Nuer kommen kann. Der vormalige People-to-People-Friedensprozess zwischen den beiden Ethnien muss daher wiederaufgenommen werden, sowohl auf lokaler, wie auch auf nationaler Ebene.

Wir fordern international eine neue und vorausschauende Ausrichtung der Friedenspolitik. Neue Ansätze müssen gefunden werden, um Konflikte in einem sehr frühen Stadium zu erkennen und vermittelnd eingreifen zu können. In Krisenländern sollten die nationalen Regierungen ein Frühwarnsystem aufbauen, welches auf Regierungsebene angesiedelt ist.

Die Europäische Union und Deutschland sollten zivile Experten vorhalten, die die jeweiligen Autoritäten in guter Regierungsführung beraten. Regierungen müssen frühzeitig in die Pflicht genommen werden und ihren Auftrag erfüllen, damit der jeweilige Reichtum der Länder der ganzen Bevölkerung zugute kommt.

Friedensdiplomatie muss zur europäischen Daueraufgabe werden. Aber auch nach militärischen Einsätzen muss es konkrete Wiederaufbaupläne und Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung geben. Wir dürfen Menschen nicht im Chaos allein lassen.

Die Vielzahl der derzeitigen Konflikte bringt uns als Hilfsorganisation und unsere Mitarbeiter besonders in den Krisenländern an unsere Grenzen. Wir bitten daher die Bevölkerung dringend darum, uns weiter zu unterstützen und wir danken allen, die dies schon getan haben.

Dieser Artikel ist ein Teil unserer neuen Reihe HuffPost Impact. Dort lesen Sie Texte von Menschen, Unternehmen und Organisationen, die dabei helfen, die großen Probleme dieser Welt zu lösen. Wenn Sie auch etwas zu dem Thema beitragen wollen, schreiben Sie uns unter blog@huffingtonpost.de.