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27/08/2015 05:10 CEST | Aktualisiert 27/08/2016 07:12 CEST

Warum ich mich in der Flüchtlingsdebatte engagiere

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Ich habe vor ein paar Tagen bei change.org eine Petition gestartet, die Flüchtlingsfamilien in Berlin helfen soll. Außer einer großartigen Welle an Unterstützung erfahre ich natürlich auch Kritik und Gegenwind. Damit meine ich nicht nur die inhaltlich und orthografisch unterhaltsamen Youtube-Kommentare „besorgter Bürger". Sondern vor allem auch die Nachfragen und die Ablehnung der Passiven.

Viele Mitmenschen, auch in dem Entscheidungsgremium, um das es bei der Petition geht, fragen sich, ob der das wohl nur macht, weil er sich irgendwie selbst profilieren will. Warum spielt der sich überhaupt so auf?

1. Ganz persönlich

Ich bin Deutscher. So steht es in meinem Pass. Meine Eltern auch. Und auch die Großeltern. Beide Großväter waren im Krieg. Der eine in Stalingrad. Von dort ist er traumatisiert und am Stock zurück gekommen. Bis zu seinem Tod hat er nie über seine Erlebnisse gesprochen.

Der andere war bei der Marine, ist zweimal "baden gegangen", war wohl in einer ganz abwechslungsreichen Kriegsgefangenschaft in Italien und bis zum Schluss liefen politische Diskussionen mit ihm darauf hinaus, dass "der Jud" an allem schuld sei. Die tätowierte Blutgruppe auf seinem Arm hat die Familie erst auf dem Totenbett entdeckt. Überrascht hat das aber auch niemanden mehr.

Beide Familienteile kommen ursprünglich aus Schlesien, waren Heimatvertriebene. Der Teil

mütterlicherseits ist nach dem Krieg direkt nach Hessen gegangen, der andere hat erst eine Zwischenstation in Sachsen eingelegt. Mein Vater ist noch in Meißen geboren, aber noch vor dem Mauerbau ist der Teil der Familie weiter gezogen in ein kleines Dorf nach Baden-Württemberg.

Beides Flüchtlingsfamilien, die in ihrer alten Heimat alles verloren hatten - große landwirtschaftliche Güter, wie man mir erzählte. Und den ersten Traktor der ganzen Region!

Sie haben ein neues Leben angefangen, hart gearbeitet, wieder etwas aufgebaut, Steuern gezahlt und sind akzeptierte und engagierte Teile der Gesellschaften geworden. Ich selbst bin im Nordosten Baden-Württembergs aufgewachsen und bekomme heimatliche Gefühle, wenn ich den Zungenschlag höre und gute, handgemachte Maultaschen auf dem Teller habe.

Wieso sollten die Kinder von Fatimah und Yussuf aus Syrien also nicht auch zu Spätzle-Fans werden können - und ihre eigene Position in der Glaubensfrage beziehen, ob geschabt oder gepresst besser ist? Ich bin mir sicher, dass auch die Tochter oder der Sohn von Hamad aus dem Irak einmal großartige Königsberger Klopse machen kann, wenn sie oder er das möchte. Oder Lapskaus (mit Humus). Oder eine sächsische Eierschecke.

2. Die Gesellschaft

Ich glaube an die Vorzüge einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Und daran, dass wir sie nur erhalten können, wenn wir sie auch offen lassen, niemanden ausgrenzen, sondern jeden willkommen heißen. Entweder als einen Zuwanderer, der hier einfach nur seine Lebensumstände verbessern und seinen Fleiß, seine Arbeitskraft und seine Ideen einbringen will. Oder als Hilfesuchenden auf der Flucht vor Vertreibung, Tod und Elend ganz selbstverständlich, sogar und aus gutem Grund grundrechtlich verbrieft.

Der Gedanke, dass es hier nur einen Kuchen zu verteilen gibt und die Stücke kleiner werden, wenn es mehr Kuchenesser gibt, ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist. Die Volkswirtschaft ist kein Kuchen, der verteilt wird, sondern eher eine Lunge, die atmet. Sie dehnt sich aus und wird kleiner, ganz abhängig davon, wie viele Menschen an ihr teilhaben.

Es ist hinreichend wissenschaftlich erwiesen, dass Volkswirtschaften überall auf der Welt von Zuwanderung eher profitiert als darunter gelitten haben. Es ist auch bekannt, dass der Anteil der staatlichen Transferempfänger unter den Zuwanderern geringer ist als unter der angestammten Bevölkerung - und der Anteil der Steuerzahler entsprechend höher. Wenn wir also unbedingt über Kuchen reden wollen, dann wächst die Zahl der Konditoren stärker als die derer, die den Kuchen wieder verspeisen.

Wir werden also nicht nur unseren Fachkräftemangel decken können, sondern auch unser Kultur um neue Dimensionen bereichern, wenn wir unsere Grenzen öffnen.

Asyl und Zuwanderung sind grundsätzlich zwei unterschiedliche Dinge. Dass wir den Menschen, die aus Angst um Leib und Leben zu uns geflohen sind, mit aller Gastfreundschaft ein sicheres Dach über dem Kopf bieten, versteht sich von selbst. Dass wir aber auch alle davon profitieren, wenn unsere Gäste anschließend bleiben wollen, dürfen wir dabei nicht vergessen.

3. Mein Handlungsrahmen

Diese Überzeugungen leiten mich, wenn ich mich zivilgesellschaftlich engagiere, wie zum Beispiel ehrenamtlich als gewähltes Mitglied der Vollversammlung der IHK Berlin. Schon vor Jahren habe ich mitbekommen, dass die Kammer es nicht auf die Reihe bekommt, das riesige Wohnheim zu verkaufen, das sie seit den 60er Jahren besitzt. Angesichts der zu Beginn des Jahres schon dramatischen Zustände bei der Erstaufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen habe ich vorgeschlagen, das Wohnheim dafür zur Verfügung zu stellen.

Was ich in den folgenden Monaten seitdem erlebt habe, war ein Trauerspiel aus Beharrungsvermögen, Desinteresse, Formalismus und blankem Unwillen. Immer wieder habe ich nachgehakt, gebohrt und bin auf die Nerven gegangen, ohne dass etwas geschah.

Nach einer Sondersendung im RBB-Fernsehen ist mir dann angesichts der Berliner Flüchtlingskatastrophe der Kragen geplatzt. Ich konnte mir nicht mehr ansehen, wie auf der einen Seite hunderte Menschen - Familien mit Kindern, unbegleitete Minderjährige, Kranke und Verwundete - auf der Straße schlafen müssen. Und auf der anderen Seite blieben die Türen des Hauses und seiner 67 möblierten Wohnungen mit Küchen und sanitären Einrichtungen für die Hilfesuchenden verschlossen.

Also habe ich kurzerhand bei change.org eine Petition gestartet. Was danach passiert ist, hat mich überwältigt: 15.000 Unterzeichner innerhalb einer guten Woche, eine Vielzahl von persönlichen Mails von Unternehmerinnen und Unternehmern, die meine Aktion unterstützen, Journalistenanfragen der regionalen und überregionalen Presse und eine unglaubliche Reichweite in den sozialen Medien. Zu einer sofortigen Reaktion seitens Geschäftsführung oder Präsidium der Kammer hat das nicht geführt - eher im Gegenteil zu einer Kaskade an Abwehrreaktionen.

Das Zwischenergebnis ist, dass es in der nächsten Plenarsitzung am 16.9. eine Debatte und einen Beschluss geben wird, weil ich das mittels Antrag erzwungen habe. Bis dahin möchte man im Hause IHK aber bitte keine Diskussionen haben. Eine schnelle Hilfsentscheidung vorab oder eine eigene Initiative des Präsidiums wird es entsprechend nicht geben.

Die breite Öffentlichkeit und die massive Unterstützung haben also zumindest dafür gesorgt, dass man das Thema hinter der Glasfassade des Ludwig-Erhard-Hauses nun endlich ernst und wichtig nimmt. Von einer empathischen Reaktion und angemessenen Problemlösung sind wir aber noch weit entfernt.

4. Der größere Blickwinkel

Die Sache bestätigt: Engagement in Politik und Zivilgesellschaft kann wirklich etwas bewegen. Doch dafür braucht es Beharrlichkeit und die Bereitschaft, sich auch einmal mit Leuten anzulegen, Rückgrat zu zeigen. Und es braucht vor allem die richtigen Verbündeten:

Engagierte, reformorientierte Macherinnen und Macher, denen es um mehr als den persönlichen Vorteil geht. An denen fehlt es in der IHK momentan noch. In Berlin und andernorts genauso.

Wenn Sie IHK-Mitglied sind - und wenn Sie einen Gewerbeschein haben, sind Sie das in der Regel zwangsläufig - dann denken Sie doch einmal darüber nach, bei der nächsten Wahl zur Vollversammlung selbst zu kandidieren.

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