BLOG
04/02/2016 06:33 CET | Aktualisiert 01/03/2017 06:12 CET

Achtsamkeit: Ein Phänomen zwischen Hype und Seelenheil

myshkovsky via Getty Images

Mit jeder Gabel das Essen bewusst schmecken? Unseren Körper spüren, unsere Gedanken betrachten, ohne sie zu bewerten? Eine Rosine als Objekt, das hilft, unsere Wahrnehmung (wieder) zu entdecken?

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Überall in Deutschland werden mehr und mehr die Yogamatten ausgerollt - Ziel all der meditativen Übungen ist heute meistens eins: Achtsamkeit - ein Zustand des wachen entspannten Seins in der Gegenwart.

Der Boom der Achtsamkeit


1200 wissenschaftliche Studien zum Thema Achtsamkeit wurden 2015 veröffentlicht - im Jahr 2010 waren es nur 400 - und 14 Prozent aller neu erschienenen Bücher zu Gesundheitsthemen befassten sich mit Achtsamkeit, Yoga und Meditation.

Der Begriff Achtsamkeit ist aber längst nicht nur in der Gesellschaft angekommen. Als Expertin für Change Management sehe ich in den letzten zehn Jahren die wachsende Bedeutung ganz unterschiedlicher Methoden, die allesamt der persönlichen Entwicklung und Entfaltung zugutekommen. Die Basis dafür ist - wenn auch nicht immer populär - Achtsamkeit.

Für meine Arbeit in Unternehmen und mit Managern stellt sich dieser geplante Rückzug in Reflexionszeiten schon länger als elementar dar - und ist deshalb seit Jahren mein Thema in Beratungen und Coachings.

Achtsamkeit ist heute ein Begriff der Wirtschaft. Ein Begriff, der zum digitalen Zeitalter dazugehört, zum modernen Leadership, zu einer innovativen Unternehmenskultur. Stellt Achtsamkeit damit letztlich, zusammen mit den digitalen Möglichkeiten, auch nur ein weiteres Mittel zur Selbstoptimierung dar? In gewisser Weise, ja.

Die vielfältigen an uns gerichteten Anforderungen durch globale Komplexität und digitale Transparenz sind für den Menschen in diesem Ausmaß neu. Und viele Manager empfinden sie als Dauer-Anforderung oder gar Dauer-Stress, dem man immer weniger entgehen kann - jedenfalls im Außen.

Nun also Achtsamkeit - ist sie tatsächlich die Chance, uns selbst und unsere Umwelt neu zu erfahren und zu gestalten?

Achtsamkeit - ein Kernaspekt der buddhistischen Lehre


Neu ist die Entdeckung der Achtsamkeit keinesfalls. Vipassana heißt die ursprüngliche Achtsamkeitsmeditation aus der buddhistischen Lehre und ist eine 2500 Jahre alte Methode, mit der Menschen lernen, in der Gegenwart zu bleiben, ohne zu bewerten und vor allem ohne konstant aus der Vergangenheit zu schöpfen oder die Zukunft zu planen, zu fürchten, herbei zu sehnen. Denn genau das bedeutet Achtsamkeit.

2016-02-03-1454489520-6249522-achtsamkeitphaenomenzwischenhypeundseelenheil.jpgFoto: © Gajus @ Shutterstock

Vor einigen Jahrzehnten gewannen die Übungen auch im Westen an Bedeutung, zunächst bei Ärzten und Psychotherapeuten, und schließlich bei gestressten Großstädtern.

Kein Wunder also, dass Achtsamkeit als Training auch die Unternehmen erreicht hat, deren Mitarbeiter immer häufiger an durch Stress verursachten Krankheitsbildern wie Burn-Out, Überforderung oder Depressionen leiden.

Google ging 2007 auch in diesem Bereich in den Lead und startete vom Sillicon Valley aus das Achtsamkeits-Programm „Search-Inside-Yourself", das der Konzern seinen Mitarbeitern für deren persönliches Wachstum anbietet. 

Die beste Suchmaschine sei unser Geist, sagt Chade-Meng Tan, der den Anstoß zu diesen Acht-Wochen-Kurs gab - und diesen gemeinsam mit renommierten Wissenschaftlern wie Jon Kabat-Zinn und Daniel Goleman entwickelte. Der US-Professor und Molekularbiologe Krabat-Zinn startete bereits in den 70er-Jahren das bekannte Achtsamkeitstraining „Mindfulness-Based-Stress-Reduction" (MBSR).

Search inside yourself" bietet ein Achtsamkeitstraining, um emotionale Intelligenz zu erlernen, mit dem Ziel, zufriedener, gelassener, kreativer und schließlich auch erfolgreicher zu werden.

Es umfasst Übungen und Meditationen, um die Konzentration zu verbessern, die Selbstwahrnehmung zu erhöhen und nützliche mentale Gewohnheiten zu entwickeln. Bei Google ist dieses Trainingsprogramm äußerst beliebt und nachgefragt.

Tan machte es 2010 öffentlich zugänglich und kooperiert mittlerweile mit den Fortune 100 - in Deutschland offiziell mit SAP.

Ähnlich wie Yoga hat auch die Achtsamkeits-Praxis von ihrer ursprünglich buddhistischen Form etwas eingebüßt, um bei uns, in den Fitness-Studios, zu Hause, in den Unternehmen praktikabel zu werden. Achtsamkeit ist heute natürlich auch ein Dienstleistungsprodukt, das schnelle und einfache Linderung gegen den Alltagsstress verspricht.

Tiefes Bewusstsein als schnelles Produkt?


Es herrscht derzeit ein Hype der Achtsamkeit. Wie gut das Zeitalter der digitalen Transformation mit der Sehnsucht nach Stille und Bewusstsein kombiniert werden kann, zeigen uns Achtsamkeits-Apps, die kurze Pausen im Alltag und Meditationsübungen im Büro erlauben sollen.

Dabei stellt Achtsamkeit tatsächlich einen Gegenentwurf zu unserer Multi-Tasking-Gesellschaft dar. Es geht darum, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Es geht um die Wahrnehmung unserer Umgebung, unseres Körpers und Geistes und darum zu akzeptieren, was dort, hier und jetzt, vor sich geht, ohne es zu bewerten.

Denn genau das fällt uns doch so schwer. Wir leben in einer vernetzten, komplexen Welt, die uns kontinuierlich Reize und Impulse sendet, die wir verarbeiten und - jawohl - beurteilen müssen, um auszusortieren.

Wir müssen in kürzester Zeit einordnen, was uns wichtig ist, was uns unbedeutend vorkommt, damit wir uns fokussieren und nicht an den massenhaften Eindrücken zugrunde gehen. Unsere Aufmerksamkeit nicht teilen zu wollen, sondern Prozesse und Abläufe bewusst wahrzunehmen, um sie verarbeiten zu können, ist eigentlich eine menschliche Grundeigenschaft, die wir heute neu erlernen müssen.

Mehr zum Thema lesen Sie in meinem Artikel „Effektivitäts-Booster Achtsamkeit - wie Sie über Ihre tägliche Routine zu mehr Führungskompetenz gelangen"

Der Kampf der Aufmerksamkeit


In den letzten Jahrzehnten haben wir konsequent daran gearbeitet, die Besten und auf vielfältigen Bühnen erfolgreich zu sein - „always on" versteht sich. Wir wollten glauben, dass Karriere Priorität genießt - die Arbeit ist heute für viele Menschen sinnstiftender als zum Beispiel ihre Beziehungen zu Freunden. Die technischen Hilfsmittel unterstützen unseren Wahn, immerwährend zu kommunizieren, zu vereinen, zu kombinieren. Alles zu entdecken, außer uns selbst.

Die technische Zivilisation gaukele uns ständig vor, wir könnten Bindung durch Technologie ersetzen, sagt Zukunftsforscher Mathias Horx. Achtsamkeit heißt, in einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt lernen zu müssen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen. Achtsamkeit öffnet die Tür zur Erkenntnis, dass die Welt gar nicht wirklich über-füllt, über-reizt, über-komplex sei, schreibt Horx in einem seiner Zukunftsausblicke.

Achtsamkeit heißt Erfolgsdenken


Schluss mit diesem Überfluss, mit der Gleichzeitigkeit, mit dem Alles-Wollen lehrt uns die Achtsamkeit - und das nicht nur in kurzen regelmäßigen Stopp-Zeiten im Büro, sondern als ernsthafte, innere Haltung.

Nachdem wir uns die letzten Jahrzehnte also dem Höher, Schneller, Weiter verschrieben haben, holt uns jetzt die Idee der Achtsamkeit ein - fast schon als notwendiges Hilfsmittel, unser berauschtes Dasein überhaupt zu bestehen.

Die Achtsamkeits-Praxis eignet sich nicht nur hervorragend zum Stressabbau, insgesamt erhöht sie die Konzentrationsfähigkeit, erlaubt ein effizienteres und zielgerichtetes Arbeiten, sie macht uns widerstandsfähig.

Und damit ist sie auch wieder ein Weg, unseren Wunsch nach Erfolg zu befriedigen. Achtsamkeit ist also tatsächlich ein Mittel der Selbstoptimierung, die uns zu starken Führungspersönlichkeiten, zu selbstbewussten Mitarbeitern und smarten Managern machen soll.

Ja, Achtsamkeit entspricht einem Erfolgsdenken. Wenn Selbstwirksamkeit als Erfolg definiert wird, auf jeden Fall. Achtsamkeit macht uns langfristig glücklich, zufrieden und gesund - in Körper und Geist. Und das ist Erfolg.

Informieren Sie sich im folgenden Video über Leadership und Transformation im digitalen Zeitalter:

Auch auf HuffPost:

Zwei Männer schleichen sich in eine Yoga-Klasse. Was sie dort sehen, verschlägt ihnen die Sprache

Yoga Lunch Break with the "Sexiest Guru Alive"

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: