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21/08/2015 06:21 CEST | Aktualisiert 21/08/2016 07:12 CEST

Til Schweiger und die Flüchtlingsdebatte - Eigen-PR oder echtes Engagement?

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Til Schweiger engagiert sich - alle sind erzürnt

Claus Kleber hat eine Träne im Auge, als er über eine Begebenheit in Erlangen berichtet, bei der ein Busfahrer spontan seine Gäste, die augenscheinlich Flüchtlinge sind, herzlich willkommen heißt und die Nation jubelt und verbreitet seine emphatische Geste millionenfach im Netz; die Journalistin Anja Reschke macht einen Kommentar zur Flüchtlingsdebatte, die Welt stimmt ihr zu und teilt ihr Video millionenfach in den sozialen Medien.

Til Schweiger kündigt an, ein Flüchtlingsheim mit aufzubauen - und die Welt ist erzürnt, sie macht sich lustig über seine Sprache, er wird kritisiert, in Medien, bei Facebook. Spiegel-Online bastelte sogar ein Til-Schweiger-Bullshit-Bingo. Die Kritik: Til Schweiger mache massiv Eigen-PR. Ich frage mich: Geht's noch?

Ach ja, und wer sich dann doch noch für Til Schweiger ausspricht und seine Aktionen und sein Engagement in der aktuellen Flüchtlingsdebatte anerkennt, muss im gleichen Atemzug unbedingt versichern, dass er ja sonst und eigentlich kein Til-Schweiger-Fan sei. Das ist wie Bunte lesen, aber nur beim Frisör.

Was macht Eigen-PR aus?

Muss Til Schweiger wirklich Eigen-PR machen und was ist überhaupt gute Eigen-PR oder Selbstmarketing? Wenn möglich sollte sie strategisch geplant sein und am besten authentisch die eigenen Ziele verfolgen, um sich selbst, sein Produkt, Marke oder seine Themen besser und erfolgreich zu verkaufen.

Angehen kann man Eigen-PR also selbst über soziale Netzwerke wie Facebook, über einen eigenen Blog, man kann Bücher schreiben oder Vorträge halten. Oder man nimmt sich dazu eine Agentur, die einen dabei unterstützt und berät.

Die Person, um die es geht, wird dann als Marke betrachtet. Bei Til Schweiger bedeutet das, ihn als Schauspieler, Regisseur und Produzenten zu positionieren.

Aber hey, das macht er schon perfekt. Er ist der erfolgreichste Filmemacher in Deutschland, als Schauspieler vom „Bewegten Mann" bis zu „Männerherzen", als Regisseur und Produzent bei Filmen wie „Kokowäh" über „Keinohrhase" bis „Honig im Kopf". Und er spielt nun auch einen Kommissar im Glanzstück des deutschen Fernsehens, dem Tatort. Mehr Erfolg geht kaum.

Er ist also bereits ganz oben angekommen. Er könnte sich einfach ausruhen, sein Geld ausgeben und die Beine hochlegen. Und ob ihn das Feuilleton für seine scheinbar belanglosen Filme liebt oder nicht, kann ihm dabei auch herzlich egal sein - der Erfolg an der Kinokasse gibt ihm jedes Mal aufs neue Recht. Braucht Til Schweiger also wirklich noch Eigen-PR?

Flüchtlinge sind kein Thema für Selbstmarketing

Die Frage, die ich mir dabei auch stelle: Warum sollte er sich gerade mit der diffizilen „Flüchtlingsdebatte" in Deutschland beschäftigen, um Eigen-PR für sich zu machen? Denn da bewegt man sich in Deutschland in der Regel leider auf glattem Eis.

Dennoch: Die Reaktionen auf Schweigers ersten Facebook-Post waren überraschend heftig. Der Schauspieler hat aber eben selbst dann nicht klein beigegeben, sondern ist weiter aktiv und hilft mit einem Bau eines Flüchtlingsheimes ganz konkret.

Muss er auf die Facebook-Kritik, die oft unter die Gürtellinie geht, antworten? Ich denke nicht. Und auch wenn er bei der Kommunikation zum geplanten Flüchtlingsheim in Osterode nicht alles richtig gemacht hat, er macht wenigstens etwas.

Til Schweiger redet nicht nur, liked oder kommentiert nicht nur, nein, er nimmt sein eigenes Geld in die Hand, nutzt dabei natürlich auch seine Popularität, und will etwas bewegen. Er engagiert sich. Ihm ist nicht egal, was hier gerade passiert. In einem Land, das scheinbar lieber auf erfolgreiche Menschen verbal eindrischt, sich über ihn lustig macht und ihn der billigen Eigen-PR beschuldigt.

Wenn ein solches Engagement Eigen-PR ist, prima. Diese Aufmerksamkeit sollen alle bekommen, die beim Thema Flüchtlingshilfe nicht nur reden, sondern tun.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Nach Treffen mit Sigmar Gabriel: Til Schweiger rastet wegen Häme auf Facebook aus