BLOG
04/03/2016 09:23 CET | Aktualisiert 05/03/2017 06:12 CET

Es nehmen mehr Politiker Drogen als ihr denkt

dpa

Der eine findet es nicht schlimm, ein anderer ist schockiert und einige reagieren sogar mit Häme: Volker Beck, innen- und religionspolitischer Sprecher der Grünen im Deutschen Bundestag, wurde mit einer geringen Menge harter Drogen erwischt.

Noch bevor sich jemand dazu geäußert hat trat der Politiker zurück. Man muss weder Beck noch seine politischen Überzeugungen mögen, um die BILD-Schlagzeile widerlich zu finden.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

„Grüner mit Hitler-Droge erwischt!" prangt es groß auf der BILD-Titelseite. Darunter wird es detailliert: Der Grüne ist Volker Beck, die „Hitler-Droge" Crystal Meth. Dazu ein Bild. Und Werbung. Und noch mehr Werbung. Und Schalke 04.

Hitler-Droge? Ja, das steht dort wirklich. Was aber bitte ist eine „Hitler-Droge"? Hat Hitler oder das Dritte Reich Methamphetamin als erstes synthetisiert? Nein, das war der Japaner Nagayoshi Nagai im Jahr 1893. Da war Hitler gerade 4 Jahre alt. Im Land der aufgehenden Sonne wurde die Droge auch als erstes auf dem Markt gebracht, sollte gegen Müdigkeit helfen.

Methamphetamin war bis 1988 legal erhältlich

Erst 1938 wurde Methamphetamin als Pervitin in Deutschland auf den Markt gebracht. Auch Hitler soll es genommen haben. Dabei war er aber nicht der einzige, denn allein die Wehrmacht bestellte zwischen April und Juni 1940 über 35 Millionen Tabletten, um die Leistungsfähigkeit der eigenen Soldaten zu verbessern. Später nutzen auch die Bundeswehr und die NVA das Mittel, bis 1988 war es auch noch als Arzneimittel erhältlich.

Erst dann wurde es in Deutschland als „nicht verschreibungsfähig" eingestuft - in den USA wird es bis heute als (S)-Methamphetamin-Hydrochlorid selbst bei Kindern verwendet. Dies hat natürlich mit der illegalen Verwendung von kristallisiertem Methamphetamin weniger zu tun - doch eine „Hitler-Droge" war und ist es nicht.

Crystal Meth ist eine extrem gefährliche Droge

Crystal Meth ist eine gefährliche Droge. Nicht nur die physischen Konsequenzen sind erheblich, sondern auch die psychischen. Die Droge, in der Szene wegen seiner Erscheinungsform auch als „Ice" bekannt, macht sehr schnell abhängig. Das Hunger- und Durstgefühl wird verringert, so dass viele Meth-Abhängigen extrem abgemagert sind und erheblich mangelernährt sind.

Die Nieren werden geschädigt, die Schleimhäute werden zersetzt, Zähne fallen aus und das Karies-Risiko wird erheblich vergrößert. Da das Immunsystem geschwächt wird ist man auch anfälliger für Krankheiten. Zu den psychischen Folgen gehören paranoide Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Aggressivität, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Psychosen, Depressionen und Angststörungen. Ein Meth-Abhängiger geht früher oder später daran kaputt.

Die Rhetorik soll zur Dramatisierung dienen

Warum wird aber eine der gefährlichsten Drogen dennoch nicht einfach benannt, sondern als „Hitler-Droge" bezeichnet? Dies ist ein typisches Stilmittel der Dramatisierung.

Viele Menschen reagieren auf die repressive deutsche Drogenpolitik mit völliger Ablehnung, so dass nicht nur bei eher harmlosen Drogen wie Cannabis, dass höchstens dasselbe Schädigungspotenzial wie Alkohol hat, sondern auch bei harten Drogen nur ein Schulterzucken folgt.

Vielen sind die möglichen Folgen des Meth-Konsums und die schnelle Abhängigkeit gar nicht bewusst - viele meinen wahrscheinlich fälschlicherweise, es sei weiterhin eine bewusste Entscheidung.

Wenn also die Droge allein nicht mehr zur Schreckensverbreitung reicht muss man das (vermeintlich) harmlose Wort für eine Schlagzeile mit einem weit gefährlicheren Begriff kombinieren - und schon ist die „Hitler-Droge" geboren. "Drogen" ist heute einfach kein ausreichend gefährliches Wort mehr.

Den senfpolitischen Sprecher gibt es bei der FDP

Diese Dramatisierungstechnik ist in einigen Medien verbreiten. Dann wird eine völlig normal aussehende Mietwohnung bei Missbrauchsverdächtigen zur „Pädophilie-Wohnung", denn eine Wohnung nur als Wohnung würde kein Grauen beim Leser oder Zuschauer verursachen. Oder ein Opel Astra wird zum „Räuber-Auto". Manche Medienvertreter beweisen die größte Kreativität dann auch nur beim Erfinden neuer Worte.

Wie reagiert man aber richtig auf Beck's Affäre um die Teufels-Droge (sehen Sie, ich kann das auch!)? Manche verspotten den Menschenrechtspolitiker und gehen dabei auf ein persönliches Level herunter, das einfach nur widerlich ist.

Niveauvoll Witze machte hingegen FDP-Politiker Jürgen Koppelin. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete, auch sonst bekannt für seine durchaus humoristische Sichtweise und seine Liebe zu Südostasien, postete auf seiner Facebook-Pinnwand, dass er selber drogensüchtig sei: Nach Bautz'ner Senf. Dazu postete er ein Bild von sich mit einer großen Menge der sächsischen Spezialität, ungefähr mit dem Wert einer halben Tonne Kokain.

Schädigte sich Beck nur selber?

Man kann das Ganze, neben allen Witzen, aber auch ernst sehen - vorallem weil es immer noch um einen Menschen geht. Man muss weder Beck noch seine politischen Ansichten mögen. Sein Einsatz für LGBT-Rechte oder für die Menschenrechte insbesondere in Osteuropa, wo er oft bei Demonstrationen zugegen war, ringt auch mir als Liberalen einiges an Respekt ab.

Mit vielen seiner Ansichten konnte ich aber gar nichts anfangen. Meine liberale Seele sagt mir dabei, dass eine (hier durchaus mögliche) Drogensucht ein psychisches Problem ist, und keine Straftat.

Zumindest nach den bisherigen Erkenntnissen war Beck allein Konsument und gab es nicht weiter. Er schädigte also erstmal nur sich selber. Das ist grundsätzlich erst mal seine eigene Angelegenheit, die uns nichts anzugehen hat, sofern dadurch sein politisches Mandat nicht beeinträchtigt wird.

Ein positives Vorbild, was ein Bundestagsabgeordneter auch sein soll, kann ein Meth-Konsument hingegen kaum sein. Ob und ab wann aber eine Sucht vorliegt und inwiefern diese zu behandeln ist bedarf keiner politischen Entscheidungen, sondern ist eine alleinige Frage an die richtigen Fachleute.

Wie weit verbreitet ist der Drogenkonsum bei Politikern?

Die Frage nach dem „Warum" ist dennoch interessant - vor allem, wenn man bedenkt, wie oft Rückstände von Drogen im Bundestag gefunden worden sein sollen. Ist der Drogenkonsum in der Gesellschaft, und damit auch im Bundestag, weiterverbreitet als man bisher annimmt, oder gehört „Politiker" zu den Berufen, wo häufiger zu Drogen gegriffen werden? Die zweite Variante klingt wahrscheinlicher.

Warum aber greifen Politiker eher zu Drogen? An moralischer Verdorbenheit wird es wohl meistens weniger liegen. Was wahrscheinlicher ist: Wenn der Abgeordnete nicht im Bundestag sitzt ist er bei Presseterminen, bei Veranstaltungen der Wirtschaft und anderer Lobbyisten, trifft sich mit Politikern aus anderen Ländern, Wählern aus seinem Wahlkreis, oder, oder, oder... 80-Stunden-Wochen sind keine Ausnahme, teilweise geht es auch weit über 100 Stunden. Ganz ohne aufputschende Mittel scheint es da wohl häufiger nicht zu gehen...

Es bleibt aber zu hoffen, dass die meisten dann doch auf Kaffee zurückgreifen.

Auch auf HuffPost:

Video: Meth, Heroin und Co.

Wie schockierend sich Drogen ins Gesicht graben

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.