BLOG
06/09/2015 06:58 CEST | Aktualisiert 06/09/2016 07:12 CEST

Es gibt nur einen Fakt über Flüchtlinge, der wirklich relevant ist

Getty

Fakten über Flüchtlinge hören wir so einige. Die einen behaupten, dass es zu 95% Männer seien, und es verstehe sich ja von fast allein, dass die alle kriminell sind. Und Bayerns Innenminister, Mr. „wunderbarer Neger!" Joachim Herrmann, sieht die Gefahr von Schlägereien auf dem Oktoberfest, wenn dort Flüchtlinge auftauchen.

Gut, dass die jährlich tausenden Polizeieinsätze auf der Wiesn einzig allein dafür sind, um CSU-Ministern Hilfestellungen zu geben, die nach zwei Maß Bier zwar noch Auto fahren können, dieses aber einfach nicht mehr finden...

Aylan zeigt uns das einzig wichtige

Derweil sehen wir Aylan (✝3) am Strand, tot, ertrunken auf der Flucht vor Krieg und Terror. Er zeigt uns, was der einzig wirklich wichtige Fakt zum Thema „Flüchtlinge" ist. Er zeigt es uns wie sein großer Bruder Galip (✝5), und er zeigt es uns wie seine Mutter Rehan (✝35).

Aylan, und Galip, und die vielen anderen, deren Namen wir niemals erfahren werden, die für viele in Europa nur Zahlen sind, während woanders Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Tante, Onkel, Schwager, Freunde trauern wie um Aylan. Oder wo niemand mehr zum Trauern da ist, weil alle tot im Mittelmeer schwimmen, von Granaten zerstückelt oder von Terroristen auf brutalste Art ermordet. Sie haben ihre Augen für immer geschlossen.

Das Essen in der Kantine schmeckt einfach nicht...

Auch ich werde heute Abend meine Augen schließen. Aber ich werde sie, aller Voraussicht nach, morgen früh wieder öffnen. Ich werde mich über den verspäteten Bus aufregen, ich werde auf Arbeit sitzen, mich über manche Kunden ärgern, mit anderen lachen, und dann werde ich mal wieder über das schlechte Essen in der Kantine meckern, die halbrohen Kartoffeln und das zerkochte Gemüse.

Und dann werde ich mich wieder über Kunden ärgern, mit Kunden lachen, dann habe ich Feierabend, eigentlich etwas schönes, aber ich werde mich wahrscheinlich wieder ärgern, weil ich den Bus verpasse, weil er diesmal mal pünktlich kam, ich aber nicht pünktlich raus gekommen bin.

... aber meine Probleme sind in Wirklichkeit keine

Zu Hause werde ich mich wieder ins Bett legen, und ich werde wieder meine Augen schließen. Und dabei denke ich an Aylan, der auch die Augen geschlossen hat, der sie aber nie wieder öffnen wird. Und ich werde mich eines fragen: „Warum habe ich dieses Recht? Warum darf ich meine Augen wieder öffnen, Aylan aber nicht?"

Und meine Probleme werden klein. Klitzeklein. Ach was, es sind gar keine Probleme. Es sind Dinge, die gut sind, die einfach toll sind. Ich kann mich über unpünktliche Busse und schlechtes Essen beschweren. Aylan wird dies nie können. Und das alles nur, weil er in Syrien geboren wurde.

Der gefährdete Wohlstand?

Derweil stehen in Heidenau, Freital und anderswo „besorgte Bürger", die ihren Wohlstand gefährdet sehen. Einen Wohlstand, für die sie meistens wenig bis gar nichts beigetragen haben. Während sie sich selber mit ihren 500 Euro teuren Smartphones bei ihren Hasstiraden filmen und ich ihnen das derweil in meinem Büro erarbeite, sterben im Mittelmeer Väter, Mütter und Kinder.

Sie sterben, weil so viele in Europa den Wohlstand gefährdet sehen. Diese Flüchtlinge aufzunehmen, wenn sie denn ihre Flucht überlebt haben, ist für viele das Höchste, was man machen darf. Weder geht jemand effektiv vor, um die Probleme vor Ort zu lösen, noch engagieren wir uns, diesen Flüchtlingen eine sichere Passage für die Flucht zu ermöglichen.

Die Schuld der internationalen Gemeinschaft

Völkerrechtlich zum Eingreifen verpflichtet sind wir bei einem Völkermord. Wie schon in Ruanda wollen viele dieses Wort lieber gar nicht erst in den Mund nehmen. Doch eigentlich ist jedem klar, dass überall, wo der IS und die verbündeten islamistisch-faschistischen Terrorbestien wüten, ein Völkermord im Gange ist.

Wie in Ruanda werden dabei die perfidesten Mittel eingesetzt, denn nicht nur Mord gehört dazu, sondern auch Versklavung und Vergewaltigungen. Die Zerstörung von Kulturdenkmälern ist ein weiteres Zeichen dieses Völkermordes. Die Peschmerga und die anderen tapferen Verteidiger gegen den IS müssen trotzdem um jede einzelne Kugel betteln, und auch die Flüchtlinge werden von der Weltgemeinschaft nicht effektiv verteidigt.

„Nie wieder, nie wieder"

Wegen dem Bild von Aylan wird es nicht mehr lange dauern, bis irgendein Staatschef sich erhebt und die Sätze sagt, die wir schon so oft hören konnten. „Nie wieder, nie wieder" wird es heißen, wie in Ruanda, und wie wir auch später sicher noch oft hören müssen. Den Glauben daran darf man schon lange verloren haben.

Generalmajor Romeo Dallaire, Oberbefehlshaber der UN-Truppen in Ruanda 1994, versuchte trotz der misslichen Lage, den Völkermord zu verhindern. Dabei setzte er sich auch mehrfach über direkte Befehle hinweg. Später wird er sagen, dass er den Völkermord hätte verhindern können. Mit wenig mehr gut ausgerüstetem Personal hätte es keine Millionen Tote geben müssen.

Die UN-Truppen bestanden aber hauptsächlich aus Soldaten aus Bangladesch, schlecht ausgebildet und noch schlechter ausgerüstet, dafür aber deutlich billiger. Man hat beschlossen, wie viel die Verteidigung von Millionen Menschenleben wert ist, und viel ist dabei nicht heraus gekommen.

Das einzig wichtige über Flüchtlinge

Dallaire machte was er konnte, auch wenn er der Meinung ist, dass dies zu wenig gewesen sei. Einige zehntausend Ruander, Tutsi und oppositionelle Hutu, konnte er so in Sicherheit bringen. Auch viele andere Befehlshaber setzten sich, zumindest teilweise, über Vorgaben hinweg.

Generalmajor Dallaire musste deswegen nicht nur mit hohen Strafen rechnen, sondern begab sich auch immer wieder selber in Todesgefahr, um Personen in Afrika zu retten, mit denen der Kanadier eigentlich gar nichts zu tun hatte.

Später, er war inzwischen Abgeordneter der Liberalen Partei und setzte sich vor allem gegen den Einsatz von Kindersoldaten ein, begründete er dies mit einem einfachen Satz, den viel mehr Deutsche und Europäer verinnerlichen sollten: „Für Dein Menschsein macht es keinen Unterschied, wo Du geboren wurdest."

Mich kosten Flüchtlinge auch Geld, das ich (im Gegensatz zu vielen „besorgten Bürgern") selber erarbeite. Das Geld gebe ich gerne, über den Staat wie privat, mit mehreren Patenschaften und eine Dauerüberweisung an „Wasser für Kurdistan".

Warum? Weil Flüchtlinge zwar nicht mehr, aber auch nicht weniger wert sind als Europäer und Deutsche. Es ist der einzig wichtige Fakt, neben dem alles andere zweitrangig ist: Sie sind Menschen.

2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

"Refugees Welcome": Leipziger Bar heißt Flüchtlinge in einer Stellenanzeige willkommen