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10/12/2015 06:55 CET | Aktualisiert 10/12/2016 06:12 CET

In Sekunden war mein Handy geklaut - aber das Unglaubliche ist, wie ich es zurück bekam

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Wenn Du Hilfe willst, weil man dir was geklaut hat - frag den Dieb. Das habe ich heute gelernt, und noch was über Hilfsbereitschaft in Deutschland. Dafür konnte ich aber meinen geplanten Text zum Thema "Wie geht es Deutschland?" schon wieder nicht schreiben, weil ich diese Geschichte loswerden muss, die ich selber noch nicht ganz glauben kann.

Zivilcourage? Nö - Zugucken geht leichter...

Wie geht es Deutschland? Wenn es um Zivilcourage geht würde ich sagen: nicht so gut. Zumindest habe ich das heute so erlebt. Ich war mit dem Handy auf dem Weg zum Termin beim Bundesverkehrsministerium. Wir wollten über Mobilität der Zukunft reden. Was heißt mit dem Handy auf dem Weg? Naja - weil ich mich in Berlin nicht gut auskenne und ein geographischer Volltrottel bin, benutze ich gerne mein Handy zum Navigieren.

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Keine 300 Meter von da weg wo mich gestern der in Deutschland gestrandete Amerikaner ansprach, stürmen heute fünf bis sieben jüngere Menschen - Frauen und Männer - auf mich zu. Woher die waren? Keine Ahnung - nicht aus Deutschland. Sie halten mir Stifte und auf Pappe geklebte Listen zum Unterschreiben entgegen. Sieht alles arg selbst gebastelt aus. Groß auf den Papieren: irgendein Zeichen, dass einen guten Zweck symbolisieren soll oder so.

Ich steck mein Handy weg, überlege mal zu gucken worum es geht - aber als sie mich alle zusammen bestürmen, als wäre ich Helene Fischer die Autogramme gibt, mache ich deutlich: ich unterschreib hier gar nix. Lasst mich vorbei. Locker zehn oder mehr Passanten schauen zu. Sehen, dass da was nicht stimmt. Dazu kommen, helfen, tut keiner. Okay - es ist keine harte Bedrohung, aber erkennbar unangenehm.

Warum rempeln und schubsen die mich? Alter Trick!

Ich mach mich von der rempelnden und schubsenden Gruppe los, die geht - auf mich schimpfend - ab nach hinten. Da fällt es mir siedend heiß ein: Was ist da eigentlich passiert? Warum waren das so viele? Warum die unnötige Rempelei...? Ein alter Trick! Ich greife instinktiv in meine Taschen: Geldbörse - uff! Ist da! Aber mein Handy, dass ich in die Jacketinnentasche gesteckt habe: weg...

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Das kann doch nicht sein? Zwei so kuriose Nummern an nur zwei Tagen? Gestern der nette Obdachlose Amerikaner, heute ein paar Meter weiter die böse Ausländerbande? Und mein Handy...

Ein paar Passanten die vorher schon da gestanden sind und zugeguckt haben, stehen immer noch da und gucken mich an. Erkennen: da stimmt was nicht und warten auf die Fortsetzung der Geschichte. Die Gruppe die mich angerempelt hat, ist vielleicht 50 Meter entfernt. Keiner der Passanten fragt, ob er helfen kann, ob was fehlt. Die gucken nur. Was soll ich tun? Das Handy abschreiben?

Es war völlig bescheuert - aber was Anderes fiel mir nicht ein...

Handy adieu? Neues kaufen? Nö - so auch nicht. Entschlossen drehe ich mich um, gehe der Gruppe nach und auf den ältesten zu. Es ist eigentlich völlig bescheuert - und auch eine harte Unterstellung. Aber ich sage: „Wo ist mein Handy?" Er guckt mich an. „Was?" „Ich hätte gerne mein Handy wieder... Jetzt..."

Wieder schauen Passanten zu. Wieder regt sich keiner... Okay - wäre auch zu schön gewesen... Aber plötzlich beginnt zu meinem Erstaunen der Typ, den ich angesprochen habe, laut in einer Sprache, die ich nicht verstehe, über die Straße zu brüllen... Ein ganz junger, Unauffälliger steht da auf der anderen Seite. Der Ältere brüllt den anderen an - offensichtlich was in der Art wie „Komm her..." Der junge Typ kommt zögernd über die Straße... Die Passanten um uns herum betrachten die Szene neugierig. Aber keiner tut was - außer gucken.

Der Junge kommt näher - ich sehe tatsächlich mein Handy in seiner Hand. Das muss er während der Rempelei aus meiner Innentasche gezogen haben und war schon auf dem Weg nach irgendwo damit. Ich hatte in dem Moment nichts davon bemerkt - rein gar nichts. Der Ältere sagt was zu dem Jungen. Der gibt ihm mein Handy. Der Ältere gibt es mir. Der Junge kriegt, zumindest vom Tonfall her (die Sprache verstehe ich ja nicht) nochmal einen Anschnauzer...

Ich kann gar nicht verstehen, dass ich mit der Nummer durchgekommen bin...

Dann ein paar Sätze an alle - und die ganze Gruppe löst sich blitzschnell auf. Binnen Sekunden sind sie in alle Himmelsrichtungen verschwunden... Ich stehe völlig verdattert mit meinem zurückeroberten Handy da und kann gar nicht verstehen was passiert ist.

Und dass ich wirklich mein Handy wieder habe. Zurückgegeben offenbar von den Dieben selbst! Denn sonst hat ja keiner was unternommen. Dabei sind wir keine 10 Meter vom Westin Grand weg, am helllichten Tag...

Wie ein Spuk ist alles vorbei. Die Passanten um mich herum scheinen genau wie ich irgendwie aufzuwachen. Es kommt Bewegung in die Leute. Und sie gehen schweigend weiter. Nur einer sagt: „Ist alles in Ordnung?" Ich nicke. „Ach - bei sowas lohnt es sich nicht mal die Polizei zu rufen..." „Ne, wohl nicht...", sage ich und denke: „Helfen hätte man können!" Aber: Hätte ich es getan? Ganz ehrlich. Ich weiß es nicht. Zum Gaffen stehen geblieben wäre ich nicht. Dazu bin ich zulange bei der Freiwilligen Feuerwehr - und ich hasse Gaffer. Aber hätte ich was unternommen?

Wie geht es Deutschland? Das ist ja die Frage. Naja - an diesem Tag hatte Deutschland nicht seinen besten Tag in Sachen Zivilcourage...

Hoffentlich habe ich morgen nur einen ganz normalen Tag auf dem Weg nach Köln. Dann kann ich wenigsten für die HuffPost die Geschichte schreiben, die ich heute schreiben wollte...

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Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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