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08/12/2015 06:23 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Er hat Afghanistan überlebt, dann strandete er hilflos in Berlin

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Wie geht es Deutschland? Das war die Frage der Huffington Post. Ich wollte eigentlich keine Interviews dazu führen. Schon gar nicht mit dem Handy als Video. Ich wollte und will beobachten und berichten. Aber dann habe ich heute Nacht einen getroffen, der es wissen muss, wie wir drauf sind: weil er auf uns angewiesen ist.

Egal ob seine Geschichte erfunden oder wahr ist - die entscheidenden Frage ist: Hilft Deutschland, wenn jemandem, der nicht unsere Sprache spricht, vor uns steht und sagt, dass er in der Klemme steckt?

Es ist nachts, ich bin auf dem Weg zum Hotel. Ich überlege an meinem Text, den ich noch für die HuffPo schreiben will. Es soll ums Zuhören gehen, das wir vielleicht verlernt haben. Ich gehe gerade an einem Straßenmusiker vorbei, um noch ein Stück Video für diese Serie zu machen - da spricht mich einer an.

Ob ich englisch kann. Ja. Ob ich helfen würde, ein kleines Weihnachtswunder wahr zu machen? Äh... wie jetzt?

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Eine Weihnachtsgeschichte Anfang Dezember

Seine Geschichte - er erzählt sie auch im Video - ist denkbar einfach: Er ist Daniel. Kommt Anfang Dezember nach Berlin, passt kurz nicht auf sein Gepäck auf - und alles ist weg. Geld, Papiere, Laptop. Handy. Aber vor allem sein Flugticket nach Hause. Nach Salt Lake City. Der Ort von dem er vor einigen Monaten aufgebrochen ist, nachdem ihn seine Frau mit seiner vierjährigen Tochter verlassen hat.

Was für eine bescheuerte Geschichte? Ja - schon irgendwie. Unglaubwürdig? Ja - stimmt irgendwie. Aber ich hab trotzdem beschlossen zuzuhören.

Er sammelt also Wechselgeld für ein Busticket. Hat eine Menge Münzen in der Hand. Sein Bus nach Hannover geht heute, um 1 Uhr nachts. Von dort ein Flieger - zunächst nach Paris.

Es fehlen ihm für das Bus-Ticket noch 7 Euro, als er mich anspricht. Und Ludwig, ein Berliner Architektur-Student, der zwar kein Geld hat, aber ihm eine Couch zum schlafen angeboten hat, hat ihm gesagt: „Du verpasst den Bus und damit den Flieger. Das Geld kriegst Du nicht zusammen..."

Jetzt steht er vor mir und fragt, ob ich etwas dazu gebe. Helfen will bei seinem kleinen privaten Weihnachtswunder.

Okay: Warum ausgerechnet erstmal nach Hannover? Von dort bekommt er den billigsten Flug nach Paris. Dann weiter nach New York. Mit den paar Papieren die er durch die Botschaft und die Polizei in Deutschland bekam (ich darf sie fotografieren), wird man dort - so erzählt er mir - bestätigen, was auch die hiesige Botschaft schon herausgefunden hat.

Ob seine Geschichte wahr ist?

Dass er wirklich Amerikaner ist. Geboren in Salt Lake City. Mit italienischen und deutschen Wurzeln. Dass er im Kriegseinatz in Afghanistan und im Irak war. Dann - nach Verwundung und nach der Scheidung - vor einigen Monaten in Amerika aufgebrochen ist, mit der Idee Europa zu besuchen. Und Berlin zu sehen - die Stadt aus der der Großvater ist. Und ausgerechnet da passiert es: Er wird beklaut, alles weg.

Polizei, Botschaft, Papierkram - und eine Familie in den USA, die nur ein bisschen dazugeben kann, damit er sich den billigsten Flug leisten kann, um rechtzeitig zu Weihnachten wieder bei seinen Eltern zu sein.

Der Vater eine entlassener Ölarbeiter. Die Mutter: Hausfrau. Schlechte Karten. Der Bruder: erschossen in Afghanistan. Die Schwester: naja, eine komplizierte Geschichte. In allen Fällen: Geld knapp. Was sie konnten, haben sie geschickt. Den Rest muss er in ein paar Tagen selbst schaffen. Also spricht er Passanten an.

Die Berliner, so sagt er, haben ihm geholfen. Im Video könnt ihr hören, was er von uns hält. Was er findet, wie Deutschland ist und damit ein stückweit erfahren, wie es Deutschland geht.

Das passiert einem amerikanischen Touristen in Deutschland

Ich möchte ihm helfen

Ich gebe ihm Geld. Mehr als er braucht, aber weniger als ich will. Denn die Vernunft fragt mich: „Ist das alles wirklich wahr?" Mein Bauch sagt: „Keine Ahnung, aber eine gute Geschichte, oder?" Als ich ihn noch auf ein Bier einlade, bevor er los muss sagt er:

„Du arbeitest für die Medien? Weißt Du: Wenn Du die Medien siehst, Fernsehen schaust, Zeitungen aufschlägst, durchs Netz surfst... Alles scheiße. Alles schlecht. Aber wenn Du selber in der Scheiße steckst und hier auf die Menschen zugehst und fragst: Könnt ihr mir helfen, dann merkst Du hier in Deutschland ist es nicht so, wie es in den Medien steht. Es ist gut in Deutschland."

Und dann verabschieden sich der vielleicht wirklich gestrandete Amerikaner und ich. Er will mir eine Mail schreiben, wenn er wieder daheim ist. Und ich denke: Wäre schön, wenn die Geschichte stimmt. Wäre einfach eine Weihnachtsgeschichte. Aber auf jeden Fall ist es eine Geschichte die zeigt: So geht es Deutschland, oder?

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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