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11/08/2015 06:30 CEST | Aktualisiert 11/08/2016 07:12 CEST

Generation Z: Ein ungeplantes Kind wird erwachsen

Thinkstock

Zunächst die gute Nachricht: Man braucht keine Zeit mehr damit zu verschwenden, über die Existenz der Generation Z zu spekulieren. Wurden Anfang 2012 Artikel wie der im Wiener STANDARD allenfalls mit höflichem Interesse zur Kenntnis genommen, steht jetzt fest: Die Generation Z ist in unserer Lebenswelt angekommen. Dies belegen empirische Studien ebenso wie die Explosion der Trefferzahl auf Google.

Jetzt die schlechte Nachricht: So richtig umgehen können wir mit der „Generation Z" immer noch nicht. Die Generation Z betrachtet es als schlichtweg anmaßend, wenn wir Älteren sie entschlüsseln wollen.

Gleichzeitig finden ältere Generationen immer weniger Gefallen an der Generation Z, je deutlicher diese sich in ihrer Andersartigkeit bemerkbar macht: Das belegen die zunehmend negativen Schlagzeilen in den einschlägigen Kommentaren.

Dabei hatte es noch vor kurzem alles so schön „passend" ausgesehen, denn Unternehmen haben sich in ihrem gesamten Instrumentarium perfekt auf „die Jugend" eingestellt - dummerweise aber exakt auf das, was man korrekterweise Generation Y bezeichnet (wobei dieses „Y" kein Schreibfehler ist).

Der heimliche Hoffnungsträger: Die Generation Y

Ohne zu stark an Geburtsjahrgängen festzuhängen, sieht man üblicherweise den Beginn der Generation Y um 1980: Die ersten Vertreter dieser Gruppe tauchten also um die Jahrtausendwende in der Arbeitswelt auf und werden dementsprechend „Millennials" genannt.

Diese Generation Y verkörpert vieles von dem, was sich Unternehmen wünschen: Als Mitarbeiter sind sie leistungsbereit, flexibel und mobil. Zudem lieben sie als Digital Natives elektronische Kommunikation rund um die Uhr („24/7"), freuen sich also im Extremfall sogar über eine E-Mail vom Chef am Sonntag Vormittag.

Unser gesamtes personalwirtschaftliches Arsenal ist auf die Generation Y zugeschnitten und basiert letztlich immer darauf, eine Karotte in greifbare Nähe zu positionieren und die Generation Y damit zum Laufen zu bringen. Denn wer möchte nicht Karriere machen und reich und erfolgreich werden?

Deswegen wurden entsprechende Zauberkonzepte entwickelt: Die Suche nach Work-Life-Balance wurde zum Work-Life-Blending, also zum flexiblen Übergang zwischen Berufs- und Privatleben. Hinzu kommt das „Home Office", wo man jederzeit - also selbst nach Dienstschluss - arbeiten darf. Auch leistungsorientierte Entlohnung bis hin zur Definition als hipper Arbeitgeber („Employer Branding") passt zum Slogan der Generation Y „fordern und fördern".

Böse Überraschung: Es kam anders als gedacht

Seit einigen Jahren ändert sich das Bild. Zwar gibt es weiterhin die Generation Y in deutschen Unternehmen - und das ist auch gut so.

Vor allem die jungen Jugendlichen verhalten sich aber anders als erwartet und definitiv anders als erhofft: Sie präferieren Privatleben gegenüber Beruf, suchen klare Arbeitsstrukturen statt offener Flexibilität und ersetzen bei Unternehmen Loyalität durch Nützlichkeit. Um es extrem zu formulieren: Diese Jugendlichen wollen ihr Leben nicht mehr in einem Hamsterrad verbringen und glauben ganz sicher nicht den Werbesprüchen von Unternehmen.

Für diese Gruppe der tendenziell Anfang der 1990er Jahre Geborenen wird inzwischen weltweit der Begriff „Generation Z" verwendet: Das ist zwar etwas phantasielos, passt aber in die Chronologie von Babyboomer (ab 1950), Generation X (ab 1965), Generation Y (ab 1980).

Natürlich kann man „Generationen" nicht einfach an ihrem Geburtsdatum festmachen und auch nicht pauschal mit starren Verhaltensmustern in Verbindung bringen. Und natürlich haben ältere Generationen immer Konfliktpunkte mit jüngeren.

Trotzdem gibt es Trends, die man ernst nehmen muss. Denn während Unternehmen und Politik vollmundig Konzepte wie „Industrie 4.0" verkünden, gibt es eine immer intensivere Gegenbewegung der Jugend: nicht lautstark durch Proteste auf der Straße, sondern ganz einfach still und heimlich durch praktiziertes Verhalten.

Der große Irrtum: Auf einen Typ Z ein Y-Schildchen kleben und sich wundern!

In vielen Zeitungen und Interviews gibt es inzwischen böse Beiträge darüber, wie sich die Generation Y (Achtung: Hier steht wieder bewusst Y) verhält, weil sie alles das nicht mehr macht, was die „echte" Generation Y ausgezeichnet hat. Von Leistungsorientierung bis hin zur emotionalen Bindung an das Unternehmen: Alles das, was Unternehmen so dringend zu brauchen glauben, beginnt zu verschwinden.

Dabei wird aber übersehen, dass es weiterhin die Generation Y gibt und weiterhin geben wird. Nur gibt es jetzt in der jüngeren Generation mehr Vertreter vom Wertesystem Z.

Das, was früher aus gutem Grund für die Generation Y galt, ist auch heute noch für die Generation Y gut und richtig. Aber es ist falsch für die Generation Z, die wir als solche in ihrer Andersartigkeit verstehen und akzeptieren sollten.

Durchaus plausibel: Warum die Generation Z so anders wurde

Die Generation Z hat weltweit Finanz-, Wirtschafts-, Europa- und Klimakrisen sowie kriegerische Auseinandersetzungen erlebt. Hinzu kommen lokale Besonderheiten: In Spanien und Griechenland war beziehungsweise ist die Prägung durch die Jugendarbeitslosigkeit besonders stark. In Deutschland gibt es einen spezifischen Bologna-Prozess, der „Bildung" durch industriegetriebene „Higher Education" ersetzt. In den USA kamen die Veränderungen aus den Nachwirkungen von 9/11 dazu, weshalb dort die Generation Z auch als „Generation Homeland" bezeichnet wird.

Die Generation Z gibt sich keinerlei Illusionen hin: Sie weiß, dass Renten und Arbeitsplätze nicht sicher sind. Sie ist kaum empfänglich für platte Botschaften aus dem Employer Branding („Bei uns steht der Mitarbeiter im Mittelpunkt") oder huldvolle Ankündigungen von pensionierten Vorständen („Etwas mehr Demokratisierung erlauben"). Die Generation Z weiß, dass sie von Managern, Politikern und Lehrern praktisch nichts erwarten kann.

Paradox: Die Generation Z ist glücklich

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Generation Z unglücklich ist. Ganz im Gegenteil: Die Generation Z hat gelernt, dass Hochleistung als schwer erreichbares Ziel zu Frustration und gelebte Loyalität zur Enttäuschung führt, wenn eine arbeitnehmerseitige Bindungsbereitschaft durch das Unternehmen nicht erwidert wird. Wer von einer Universität nur noch eine feudalistische Zentralbürokratie erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden, sondern arrangiert sich.

Wer begriffen hat, dass kaum ein Abgeordneter bei der Griechenland-Debatte überhaupt weiß, wozu er/sie im Detail zustimmen muss, wird sich nicht mehr mit Gedanken über Politiker belasten. Gleichzeitig vermeidet die Generation Z vieles, was gesundheits- oder familienschädigend ist - und fährt auch damit besser als die Generationen zuvor.

Die nutzenstiftende Konsequenz: Sich mit der Generation Z auseinandersetzen

Viele Impulse der Generation Z sind wichtig und richtig, beispielsweise für die Weiterentwicklung unserer Arbeitswelt: Nicht jeder muss und will im Hamsterrad der Karriere glücklich werden. Zudem soll die Arbeitszeit zwar wichtiger und lebenswerter Teil der Lebenszeit sein, aber nicht zwingend für jeden in gleicher Form den lebensbestimmenden Zentralinhalt darstellen.

Über andere Punkte werden wir nachdenken und streiten müssen. So ist die Generation Z weitestgehend desinteressiert an allem, was nicht unmittelbar auf ihrem Spielfeld stattfindet. Das gilt vor allem für alle Generationen jenseits von Z. Wir brauchen also einen echten generationenübergreifenden Dialog.

Spätestens jetzt sollten wir aufhören, von der Generation Z als kleine Kinder mit Nachschulungsbedarf zu sprechen. Denn die Generation Z ist inzwischen genauso erwachsen, wie wir Babyboomer oder wie Vertreter der Generationen X und Y.

Und damit dürften wir gut daran tun, zwei Punkte zu akzeptieren:

Zum einen gibt es die „Generation Z" nicht nur als Mitarbeiter, sondern auch als Konsument, als Mitbürger und in vielen anderen Rollen. Hier fangen wir erst an, zu verstehen, wie diese Generation Z in verschiedenen Rollen tickt und wo bisherige Reiz-Reaktionsmuster nicht mehr greifen.

Zum anderen ist die Generation Z alles andere als „nur" eine temporäre Anomalie, die fast schon von der nächsten Generation überholt wird. Sie ist so etwas wie eine „Generation Zeitgeist", die auf uns alle abfärbt. Und das ist durchaus gut so!

Prof. Christian Scholz ist Autor des Buchs Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt

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