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06/06/2014 06:54 CEST | Aktualisiert 24/08/2014 10:48 CEST

Die schlimmste Krise, von der Sie nie gehört haben

Dieser Beitrag enthält leider nur zwei gute Nachrichten.

Die erste hat mit Ihnen zu tun: Für die Kinder in der Zentralafrikanischen Republik ist es schon gut, dass Sie die zehn Sekunden bis zu dieser Stelle weitergelesen haben. Und damit von ihnen und ihrem Leid Notiz nehmen: 2,3 Millionen Mädchen und Jungen durchleben im Herzen des afrikanischen Kontinents einen Alptraum aus Hass, Gewalt, Angst, Flucht, Hunger. Viel zu viele haben das Grauen nicht überlebt. Oder sie sind nur um Haaresbreite davongekommen, verletzt, verstümmelt, mit tiefen Wunden an Körper und Seele.

©UNICEF/PFPG2013P-0445/ LAURENT DUVILLIER

Ihre Aufmerksamkeit ist bitter nötig, denn was sich in Zentralafrika abspielt, ist vielleicht die schlimmste Krise dieser Tage. Und eine, von der Sie vielleicht noch nie gehört haben. Gewiss ist es einer der brutalsten Konflikte in Afrika in den letzten 20 Jahren. Es begann mit einem Staatsstreich der überwiegend muslimischen Seleka-Milizen aus dem Norden, gefolgt von blutigen Kämpfen mit der christlich dominierten Gegenbewegung der so genannten Anti-Balaka. Spätestens seit dem Jahresende 2013 ist die Zentralafrikanische Republik einer der schlimmsten Plätze für Kinder auf der Welt. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht vor der Gewalt, die vor niemandem Halt macht, auch nicht vor Kindern. Im Gegenteil: Kinder geraten nicht nur zufällig ins Kreuzfeuer. Man schlägt ihnen Arme oder Beine ab, entführt sie, missbraucht sie, tötet sie - oder zwingt sie dazu, genau das anderen Menschen anzutun.

Hilfe inmitten der Gewalt

Als sich vor einem halben Jahr diese Hölle der Gewalt auftat, hat UNICEF mit seinen Partnern die höchste Notfallstufe ausgerufen. Wir haben unser Team in der Hauptstadt Bangui und im Land verstärkt. Alles wurde auf Nothilfe für die verzweifelten Familien umgestellt, die am Flughafen, in Notlagern oder irgendwo im Buschland Zuflucht suchen. Was krisenerprobte Mitarbeiter wie der deutsche Kollege Daniel Timme dort von den Kindern erfahren, erschüttert uns. So etwas darf Menschen im Jahr 2014 schlicht nicht mehr widerfahren.

©UNICEF CAR

Vor allem der Bericht über seine Begegnung mit einem zehnjährigen Jungen, nennen wir ihn Felicien, lässt mich nicht los. Was hat dieser Junge erlebt, erst vor wenigen Monaten: Bewaffnete Männer stürmten in der Nacht das Haus seiner Familie, töteten auf der Stelle seine Eltern, hackten mit Macheten seine Geschwister zu Tode. Felicien versteckte sich, überlebte das Massaker hinter einem Schrank, erstarrt in seiner Angst.

Ich denke, wie sicher viele von Ihnen, an die eigenen Kinder im Alter von zehn Jahren, an unser behütetes Aufwachsen. Wie kann ein junger Mensch so viel menschenverachtende Gewalt überstehen? Wie kann dieser Junge lächeln, als ihn Daniel Timme mit unserer UNICEF-Kinderschutzexpertin Marion besucht? Die Antwort findet sich auch nicht in den Bildern, die Kinder wie Felicien in den von UNICEF eingerichteten Schutzzonen zeichnen, wo sie von geschulten Mitarbeitern ein paar Stunden am Tag betreut sind und - in Sicherheit - spielen können. Zeichnungen, die den unglaublichen Ausbruch der Gewalt auf ein rechteckiges Blatt zwingen und in die Ausdrucksformen von Zehnjährigen. Grausame Bilder.

©UNICEF/PFPG2013P-0444/ Laurent Duvillier

Zu viele Feinde für ein Kinderleben

Für viele der Menschen, die verzweifelt Hilfe suchen, spielt keine Rolle mehr, wer aus welchem Grund so erbittert gegen wen kämpft. Sie sehnen sich nach Schutz. Und es sind viele: Zigtausende breiten rings um den Flugplatz der Hauptstadt ihr gerettetes Nichts aus. Allein im Stadtgebiet von Bangui haben sich, wenn diese Schätzung hält, über 130.000 Menschen provisorisch eingerichtet. Gerade für Kinder heißt das nicht, dass sie in Sicherheit sind: Weil sie lange im Busch ausharren mussten, sind viele völlig ausgezehrt. UNICEF schätzt, dass fast 30.000 Mädchen und Jungen der Tod droht, wenn sie nicht therapeutische Nahrung erhalten. Weil Flucht immer heißt, dass es zu wenig sauberes Wasser und kaum Hygiene gibt, leiden viele unter Durchfallerkrankungen. Malaria nimmt zu. Das sind zu viele Feinde für ein Kinderleben.

©UNICEF CAR/Roger LeMoyne

Daniel Timme berichtet, wie sie in der Notaufnahme der Pädiatrie von Bangui alle zusammenkommen: die schlimmsten, oft hoffnungslosen Fälle, Kinder mit schweren Schussverletzungen oder Brandwunden, die akut mangelernährten Kleinkinder. Die Schwestern und Ärzte wie die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen arbeiten bis zur Erschöpfung. Während gleichzeitig immer neue Kinder zu Opfern werden. Und immer weitere rekrutiert werden, um selbst zu kämpfen, zu vergewaltigen, zu brandschatzen. Auf mindestens 6.000 ist die Zahl der Jungen und Mädchen in den bewaffneten Gruppen inzwischen gestiegen, befürchten die UNICEF-Kollegen.

Ein Gebot der Menschlichkeit

Spätestens hier schulde ich Ihnen eine zweite gute Nachricht: Wir können etwas tun für diese Kinder. Wir müssen etwas tun, die Regierungen, wir alle, als Gebot der Menschlichkeit. Jeden Tag gilt es, die schwer mangelernährten Kinder zu versorgen, Medikamente bereitzustellen. Wir können Notschulen für Kinder wie Felicien aufbauen und Zentren, in denen die Kinder spielen und Sport treiben und so für einen ersten Moment ihren furchtbaren Erfahrungen davoneilen können. Das ist eine gute Nachricht - für die Kinder in Bangui.

©UNICEF/PFPG2014P-0190/Ryeng

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