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18/08/2014 05:01 CEST | Aktualisiert 18/10/2014 07:12 CEST

Der Hunger wartet nicht auf Kameras

UNICEF

Für Zehntausende Kinder in Südsudan gibt es in diesen Tagen nur ein Gefühl. Ein Gefühl, das meiner Generation hierzulande und auch meinen Kindern bis heute erspart geblieben ist: Hunger. Hunger, der weit über das Fehlen einer Mahlzeit hinausgeht. Hunger, der lebensbedrohlich ist.

Tag für Tag sterben Kinder

Dieser Hunger wartet nicht auf eine offizielle Verkündung einer „Hungersnot". Er wartet auch nicht auf die Fernsehkameras, die erst dann in der südsudanesischen Hauptstadt Juba auftauchen werden, wenn es soweit gekommen ist. Denn Tatsache ist schon jetzt: Tag für Tag sterben Kinder.

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Aus der Krise am Horn von Afrika lernen

Tief sitzt bei den UNICEF-Helfern und Kollegen anderer Hilfsorganisationen die Erfahrung der Krise am Horn von Afrika, als viele Warnungen zu lange ungehört verhallten. Als endlich umfangreiche Hilfe (sprich: Geld) gewährt wurde, konnten UNICEF und Partner viele Kinder noch retten. Aber viel zu viele überlebten nicht. Nach letzten Schätzungen starben zwischen 2010 und 2012 nur in Somalia 260.000 Menschen an den Folgen des Hungers.

50.000 Kinder vom Tod bedroht

Nun sind es die Kinder in Südsudan, deren ausgezehrte Gesichter spät die Welt erreichen. Immer wieder musste UNICEF die Zahl der akut stark mangelernährten Kinder nach oben korrigieren, auf jetzt 235.000. Jedes einzelne braucht therapeutische Betreuung, Zusatznahrung. Bekommt es sie nicht, stirbt es.

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UNICEF fürchtet, dass bis zum Jahresende 50.000 Jungen und Mädchen sterben werden, wenn der Wettlauf im Kampf gegen den Hunger nicht massiv unterstützt wird. 50.000, das sind etwa so viele wie alle Kinder unter sechs Jahren in der Stadt Köln. Die Welt darf nicht warten. Das ist unser dringender Appell zum morgigen "Tag der humanitären Hilfe".

Der Frieden - vertrieben

Wie konnte es so weit kommen? 2010, ein Jahr vor der Staatsgründung, konnte ich in Juba und anderen Orten die Hoffnung der Menschen auf den ersehnten (und lange umkämpften) Neuanfang in Südsudan buchstäblich greifen. Eine Generation junger Erwachsener wuchs im Krieg auf, der die Region mehr als zwei Jahrzehnte im Griff hatte. Die Kinder auf dem Weg zur Schule, oft noch mit Unterricht unter Bäumen, waren für mich Symbol dieser Hoffnung. Heute ist für die Kinder dieser friedliche Alltag wieder weit entfernt.

Die Kleinkinder im Lager von Bentiu können sicher nicht verstehen, warum die Erwachsenen in ihrer Heimat Südsudan wieder zu den Waffen gegriffen haben. Sie werden von dem Konflikt, der zwischen dem Präsidenten und seinem Rivalen, zwischen ihren Anhängern und damit zwischen den Ethnien der Dinka und der Nuer tobt, so wenig begreifen wie Sie und ich. Wenn man Krieg überhaupt verstehen kann.

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Mehr als eine Million Menschen mussten im jüngsten Staat der Erde seit dem letzten Dezember ihr Zuhause verlassen - weil ihre Dörfer verwüstet wurden, weil die Kämpfe immer näher kamen, weil sie ihre Felder nicht mehr bestellen konnten.

Eine Katastrophe, die wir verhindern können

Jetzt, und das ist gilt wörtlich, steht der Südsudan an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe. Einer Katastrophe, die Kinderleben kosten wird. Die wir verhindern müssen. Und wir dürfen nicht warten, bis ein Frieden verhandelt ist.

UNICEF-Mitarbeiter sind auch ohne die Aufmerksamkeit von Kamerateams unermüdlich im Einsatz, um Kinder vor dem Hungertod zu retten. Aber wir brauchen dringend die Hilfe der Regierungen wie die Hilfe der privaten Spender - Ihre Hilfe.

Denn der Hunger quält die Kinder jetzt. Heute Abend, bevor sie sich - hoffentlich in Sicherheit - auf einer Matte im Flüchtlingslager zum Schlafen einrollen. Und er wird morgen früh wieder da sein. Hunger, nicht nur ein Hungergefühl.

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