BLOG
05/02/2017 06:21 CET | Aktualisiert 06/02/2018 06:12 CET

Kinderarbeit bei der Kakaoproduktion: Schokolade mit schlechtem Gewissen?

2017-02-03-1486126557-615232-Bild_Schokolade_essen.jpg

Bild: Schokoladenzweifel, Fotolia/pathdoc

Schokolade zählt zu den beliebtesten Süßigkeiten in Deutschland. Etwa 10% der weltweiten Kakaoernte wird hierzulande meist zu Schokolade verarbeitet. Schokolade zählt zu den beliebtesten Süßigkeiten in Deutschland. Etwa 10% der Schokolade besteht vor allem aus Kakaobutter, Kakaomasse und Zucker - oft werden die Mischungen aber variiert. Im Zentrum der Schokolade steht jedoch stets der Kakao.

Er wird in über 30 Entwicklungsländern entlang des Äquators angebaut, besonders in Westafrika und Lateinamerika gibt es große Plantagen. Etwa 70% der weltweiten Kakaoernte stammen aus nur zwei Ländern: der Elfenbeinküste und Ghana. Deutschland importiert 74% seiner Kakaobohnen aus diesen westafrikanischen Ländern.

Deutschland profitiert von Kinderarbeit

Doch auf dem braunen Gold liegt seit Jahrzehnten ein finsterer Schatten: Kinderarbeit. 2013/14 arbeiteten alleine in der Elfenbeinküste und in Ghana 2,26 Mio. Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren in der Kakaoproduktion, 443.000 mehr, als fünf Jahre zuvor.

Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal und gefährlich: viele Kinder werden gar nicht bezahlt und mit Gewalt zur Arbeit getrieben. Etwa 200.000 Kindersklaven soll es weltweit auf Kakaoplantagen geben, in Westafrika werden z.B. viele Kinder aus Mali verschleppt und in die Elfenbeinküste verkauft.

2017-02-03-1486126592-7362710-Bild_Kakao.jpg

Bild: Kakao, Fotolia/dule964

Ein Drittel der Kinder wird schwer verletzt

90% der Arbeiten auf den Plantagen sind für die Kinder gesundheitsgefährlich, etwa das Abschlagen der Kakaoschoten mit Macheten, das Schleppen der schweren Kakaosäcke oder der Wassereimer für Insektizide, nicht zuletzt die ungeschützte Arbeit beim Pestizideinsatz. Etwa ein Drittel der Kinder wird durch Wunden und Schnitte durch die harte Arbeit verletzt, 18% der Kinder leiden unter Insektenstichen, etwa 10% unter Muskelschmerzen.

Dass so viele Kinder in der Kakaoproduktion arbeiten, hat einen einfachen Grund: Geld. Erwachsene Arbeiter wären bei den niedrigen Kakaopreisen zu teuer und die armen Kakaobauern sind auf jede Hand angewiesen.

Schokoladenkonzerne versprechen seit Jahrzehnten Besserung

Der Skandal ist kein Geheimnis und seit Jahrzehnten ist die Kinderarbeit auch in Europa und den USA bekannt. Die amerikanische Schokoladenindustrie hatte sich 2001 verpflichtet, gegen Kinderarbeit vorzugehen, 2010 wurde eine Reduzierung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen von der Elfenbeinküste und Ghana bis 2020 beschlossen.

Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. bekennt sich ebenso halbherzig zu den gleichen Zielen:

Kinderarbeit trägt in Westafrika zum Einkommen der Familien bei und kann nur dann gerechtfertigt werden, wenn Schulbesuch, ausreichende Ernährung und Gesundheitsversorgung gewährleistet sind und die Kinder keine gefährlichen Tätigkeiten ausüben.

Das heißt: Die Süßwarenindustrie wehrt sich gegen Sklaverei und gefährliche Tätigkeiten für Kinder und sie unterstützt die Schul- und Ausbildung von Kindern mit einzelnen Projekten. Dafür verarbeitet sie weiterhin Kakao, der mit Kinderarbeit produziert wurde.

2017-02-03-1486126632-4961390-Bild_Schokolade.jpg

Bild: Schokolade, Fotolia/Alex Staroseltsev

Kinderarbeit wächst weiter

Allerdings belegt eine Studie der Tulane University, dass sich Kinderarbeit und Bildung nicht ausschließen: in der Elfenbeinküste gingen 2008/09 59% der Kinder zur Schule, 2013/14 waren es 71%, in Ghana stieg die Vergleichszahl von 91 sogar auf 96%. Trotzdem stieg die Kinderarbeit in der Elfenbeinkiste um 59%, während sie in Ghana leicht abnahm. Es ist eine Frage der sozialpolitischen Rahmenbedingungen vor Ort und eines verantwortungsbewussten Welthandels, die Kinderarbeit in der Kakaoproduktion vollständig zu beenden.

Jenseits einer untätigen Politik und zynischen Schokoladenproduzenten haben Verbraucher in Europa aber durchaus die Möglichkeit, durch ihr Kaufverhalten Einfluss auf die Kakaoproduktion zu nehmen: mit ihrem Geld. Denn Kakao und Schokolade sind zu billig, als dass die Produzenten in Würde davon leben könnten. Fair Trade ist beim Kauf von Schokolade ein wichtiges Kriterium, um Kinderarbeit auszuschließen. Ob zudem Bio oder vegan mag jeder selbst entscheiden. Gehen Sie aber davon aus, dass die Schokolade für einen Euro aus dem Supermarkt nichts von alledem ist.

Die Alternative: Fair Trade und ökologisch produziert

Aber es gibt sie, die leckeren Schokoladen aus gesunder Produktion, von kleinen Kooperativen fair gehandelt, mit edlen Kakaosorten und bis zu 100% Kakaoanteil. Vorwiegend in Südamerika, in Peru, Ecuador, Venezuela oder Kolumbien - aber nicht die Länder sind wichtig, sondern die verlässlich kontrollierte Produktion und deren faire Handelswege.

Dafür sollten Schokoladenliebhaber allerdings bereit sein, das 3-4fache des Supermarktpreises für eine leckere Tafel auszugeben. Spezialisten wie MemorySweets bieten im Internet ausgewählte Schokoladen etwa des österreichischen Chocolatiers Josef Zotter an, der wirklich weiß, wo und wie seine Criollo-Bohnen wachsen und bearbeitet werden.

Ein anderes Beispiel ist der Italiener Claudio Corallo, der in westfrikanischen Sao Tomé et Principe eine vorbildliche Schokoladenproduktion betreibt.

2017-02-03-1486126682-8231013-Bild_Fair_Trade.jpg

Bild: Fair Trade, Fotolia/Visions-AD

Die Kunden haben die Wahl

Dabei geht es für den Schokoladenfreund nicht nur ums gute Gewissen. Schokolade aus gesunder Produktion, oft nach alten Traditionen hergestellt, schmeckt einfach auch viel besser. Mit seiner Kaufentscheidung zeigt der Konsument, dass dies möglich ist. Und vielleicht lernen langsam die großen Schokoladenproduzenten, dass auch mit Qualität Geld zu verdienen ist.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.