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05/12/2015 06:08 CET | Aktualisiert 05/12/2016 06:12 CET

Fallen und Tücken des positiven Denkens

Tara Moore via Getty Images

Wie die Suche nach dem Glück zum Dauerstress wird

Eine Blume kann nicht 1000 Tage blühen. (Chinesisches Sprichwort)

Seit einigen Jahrzehnten erfreuen sich in der westlichen Welt Seminare, Bücher und Videos zum Thema positives Denken immer größerer Beliebtheit. Ein ganzer, sehr erfolgreicher und vor allem lukrativer Industriezweig hat sich entwickelt, dessen Ratgebereinen reißenden Absatz finden und deren Ideologie sich inzwischen als weitgehendallgemeingültige durchgesetzt hat. Eine wahre Flut von Motivations- sowie Mentaltrainern sowie Persönlichkeitsseminare überschwemmen inzwischen den Markt.

Basierend auf den Untersuchungen von Candice Pert entwickelte sich Mitte der 70ziger Jahre ein neuer Zweig in der Medizin, die Neuroimmunologie. Die Neurologin und Forscherin konnte nachweisen, dass Gedanken die biochemischen Abläufe des Körpers beeinflussten und negative Gedanken dabei krebsfördernd sein können. 1 2007 veröffentlichte der Epigenetiker Bruce Lipton sein Buch "Biology of Belief. Unleashing the power of consciousness" 2, in dem er davon spricht, wie stark das Bewusstsein sowie Gedanken und Gefühle auf den Körper und damit auch die DNS beeinflussen. Infolgedessen können sich bei einer Veränderung des Bewusstseins auch die Informationen und Abläufe in der DNS ändern und dadurch Gesundung herbeiführen.

Diese neuen Forschungsergebnisse waren natürlich wie Himmelsmusik für die radikalen Vertreter des positiven Denkens. Kurzum, die Heilung von Krankheiten lag nun in der eigenen Hand, mit dem richtigen Bewusstsein konnten nicht nur alle Krankheiten geheilt werden, auch die eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse waren so steuerbar, man konnte sich beim korrekten Einsatz eine goldene Nase verdienen und sein ewiges Glück sichern. So schoss das positive Denken als goldener Standard jeglicher Konfliktlösung an die erste Stelle.

Auch mich begeisterte diese interessante Entwicklung der modernen Wissenschaft sehr, denn sie bestätigte in vielen Punkten das Wissen von alten Kulturen, wie z.B. aus Indien und China und bestätigten den Zusammenhang von Körper - Geist - Seele. Wurde ich doch oft belächelt, der Naivität oder schlichtweg der Dummheit bezeichnet, wenn ich mit meinem mir angeborenen rheinischen Optimismus nach kreativen Lösungen für verzwickte Probleme suchte. Freudestrahlend unterbreitete ich in den Achtziger Jahren die neuen Forschungsergebnisse meinen Kritikern sowie den Studenten in meinen Ausbildungskursen.

Je mehr sich dann jedoch das positive Denken durchsetzte und verbreitete, desto häufiger bezeichnete man meine Meinungen und Anschauungen plötzlich als negativ, nicht positiv genug. An meinem Optimismus hatte sich jedoch nichts geändert. Was war passiert?? Die Welt hat sich verändert, aber wie?

Optimismus versus positives Denken

Das sagt Wikipedia zum Optimismus: Optimismus (von lat.: optimum, „das Beste") ist eine Lebensauffassung, in der die Welt oder eine Sache von der besten Seite betrachtet wird; er bezeichnet allgemein eine heitere, zuversichtliche und lebensbejahende Grundhaltung sowie eine zuversichtliche, durch positive Erwartung bestimmte Haltung angesichts einer Sache hinsichtlich der Zukunft. 3

Trotz ihrer positiven Grundhaltung gehen optimistische Menschen jedoch nicht blind jedes Risiko ein. Obwohl eine Tendenz besteht, mögliche negative Fakten zur Seite zu schieben, werden diese doch in Betracht gezogen und auch der Optimist lernt aus Erfahrungen. Ich z.B. erstelle immer eine Dafür/Dagegen Liste, schiebe zwar die dagegen Punkte gerne beiseite, überlege aber auch immer, was ich dann tun könnte, sollten sie eintreffen. Der Optimist versucht die Realität zu sehen, hält Fehlschläge für möglich und viele haben sogar einen Plan B in petto. Wenn sich Probleme einstellen, werden diese optimistisch betrachtet und somit konstruktiv gelöst. Gefühle der Enttäuschung, der Trauer, des Ärgers etc. werden als normal akzeptiert. Der Optimist kann solche Gefühle nur schneller überwinden und positive Lösungen finden, weil er sich nicht krampfhaft an Wunschvorstellungen klammert, sondern sich flexibel auf den Lösungsprozess einstellt.

Die Ideologie des positiven Denkens basiert jedoch auf anderen Prämissen. Hier geht es darum sämtliche als negativ klassifizierten Gefühle erstens nicht erst zuzulassen, sondern, sollten diese doch an die Oberfläche kommen, sie zweitens sofort mit anderen, glücksbringenden Gefühlen zu ersetzen. Man visualisiere eine positive Lösung und bei richtigem Einsatz sowie richtiger Handhabung stellt sich die Zielsetzung wie von selbst ein, ob der Erfolg im Beruf, die Harmonie in Beziehung und Familie, anhaltende Gesundheit und gar Reichtum. Ja, das permanente Glück ist immer in erreichbarer Nähe und gibt unbegrenzte Hoffnung und Schwung. Denn falls diese Idealzustände nicht sofort erreicht werden, muss weiter geübt werden, um die unbegrenzten Möglichkeiten zu manifestieren. Auf dieser Ideologie basieren letztendlich auch die amerikanischen Ideale: alles ist machbar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Tatsache das man mit Hilfe des positiven Denkens des eigenen Glückes Schmied sein kann, verspricht Freiheit und Kontrolle in der Lebensplanung. Häufig verbirgt sich dahinter jedoch Druck und Zwang alles richtig machen zu müssen damit die Ziele erreicht werden können und falls das nicht geschieht, machen sich Versagensängste breit.

Beispiele der "Tyrannei" despositiven Denkens: Wie ein Allheilmittel soziale Normen bestimmt

Auch bei der Ausübung von Meditationen haben sich westliche Konzepte des positiven Denkens ganz allmählich eingeschlichen. Hier sind einige Beispiele aus meiner Praxis.

Ein mir bekannter Professor für Mathematik mit schwerer Schuppenflechte versprach sich, nachdem alle medizinischen Mitteln versagt hatten, von den Da Silva Methoden die Heilung. Zusätzliche Unterstützung fand er im "Kurs des Wunderns". Eine mir bekannte Führungsperson bei der Deutschen Bahn versuchte ihre Probleme in der Führungsetage mit den täglichen Sprüchen des "Kurs im Wundern zu lösen". Eine Majorin der Bundeswehr, die unfallträchtig war, ging zu einem Kinesiologie in der Bundeswehr, lernte dort positive Mantras zur Bewältigung ihrer Neigung zu Unfällen.

Eine Kurdin in einem meiner Meditationskurse hatte aufgrund ihrer persönlichen Familiensituation Magengeschwüre - ihr Ehemann schlug sie - und versuchte, sich die Magengeschwüre hinweg zu meditieren. Darauf aufmerksam gemacht verließ sie sofort meinen Kurs, denn ich war zu negativ um solche Gruppen leiten zu können - zu dürfen!!! - und fand eine andere Mentaltrainingsgruppe, in der sie unterstützt wurde. Nach etwas 6 Monaten hatte sie einen Magendurchbruch bei dem sie fast starb. Sie war jedoch mutig genug nach ihrer Genesung zu mir zurück zu kommen und versuchte zu verstehen was passiert war, blieb aber nicht in der Gruppe. Ihre Lebensbedingungen waren für sie so schwierig und sie sah keine Möglichkeit diese zu verändern.

Eine Yogalehrerin und Mentaltrainerin wurde von ihrem Lebenspartner nach 18 Jahren verlassen. Das zog ihr völlig den Boden unter den Füßen weg, denn es war schon der zweite Mann, der sie verließ. Die behandelnde Ärztin empfahl ihr einen speziellen Motivationskurs, der ihr Trauma - von Männern verlassen zu werden - auflösen würde. Sie kam von dem Kurs zurück in der festen Überzeugung, dass es die Männer nicht wert waren sie als Frau zu haben. Sie erschien selbstbewusst und positiv, war aber ständig gereizt und zeigte zunehmend gesundheitliche Ausfallerscheinungen wie schwere Vergesslichkeit und Disorientation.

Das sind nur ein paar Beispiele aus meiner langjährigen Berufspraxis. In keinem der Fälle führten die jeweiligen Methoden zum Ziel. Die Ursache dafür liegt jedoch nicht in den Methoden selbst, sondern wie und mit welchem Bewusstsein sie angewandt werden.

Durch die New Age Bewegung verbreitete sich die Ideologie des permanent positiven Denkens so sehr, dass man im Falle von großen Umweltkatastrophen oder Verkehrsunglücken oft hören konnte, dass die Betroffenen unterdrückte Todeswünsche gehabt haben mussten. Immer wieder gab es Aussagen im Sinne von: "Ich schicke Dir Licht, Kraft sowie positive Gedanken" und damit war unausgesprochen gemeint: "damit Du die Negativität aus Deinem Leben verbannen kannst".

Immer ließ ich das Thema in meinen Kursen diskutieren und bezeichnete diese Weltanschauung als Allmachtphantasien sowie Omnipotenz. Denn wie, bitte schön, kann jemand alle Faktoren dieser Erde, der Galaxie etc. unter Kontrolle halten?? Die weitverbreitete akzeptierte Ideologie hieß: Wenn ich eine positive Aura habe, halte ich mir alle negativen Erlebnisse, Erfahrungen, Menschen fern. So können diese keine negativen Einflussmöglichkeiten auf mein Leben haben. Das bedeutet jedoch im Klartext für mich, dass ich mich als immerwährend glückliches Aura-Ei total außerhalb der gesamten Interkonnektivität meiner Umwelt, der Erde, der Galaxie, des Kosmos befinde. Wenn ich diese Einstellung als Basis meines Verständnisses vom Leben habe, dann lebe ich abgetrennt jener Interkonnektivität, die unser Leben im Kosmos bestimmt. Diese positive Welt beruht dann auf Schein und nicht auf Sein.

Meine Argumentation sank ein, aber meistens nur für die Dauer des Kurses, denn außerhalb waren die Teilnehmer wieder ihren Alltagssituationen sowie den allgemeinen Traumwelten ihrer Umwelt ausgesetzt.

Der Slogan: "Wie im Innen so im Außen" war der Standardspruch. Äußere schlechte Bedingungen waren nun eine Widerspiegelung des eigenen Innern. Habe ich in meinem Inneren Unordnung, dann finde ich auch im äußeren Chaos vor. Hier hat sich auch wieder eine Halbwahrheit durchgesetzt. Kein Jude hat den Holocaust gewollt, kein Widerstandskämpfer wollte im KZ ermordet werden. Jeder tödliche Unfall oder tödliche Krankheit darauf zurückzuführen, das die Betroffenen ihr Inneres nicht aufgeräumt oder eine unbewusste Todessehnsucht hatten, ist, meiner Meinung nach schlichtweg Unsinn. Denn folgt man dieser Logik, so gelangt man zu sehr gefährlichen Schlussfolgerungen, wie z.B. das die in Kriegsgebieten lebenden Menschen die Verursacher ihrer eigenen Misere sind. Alle politischen Realitäten wie der Kampf um Rohstoffe, Macht und Weltdominanz werden als Verursacher völlig ausgeblendet. Diese Mentalität zeigt sich auch in den sozialen Medien, insbesondere auf Facebook wo sich regelmäßig Menschen über die bösen Kriegsbilder oder Bilder von ertrunkenen Kindern aus Syrien beschweren. Diese "schlechten" Bilder gehören nicht auf Facebook heißt es immer wiederkehrend, denn Facebook ist ein Medium für gute, positive Informationen. Diese Friede-Freude-Eierkuchen Ideologie macht ihre Anhänger natürlich sehr beeinflussbar. Man muss ihnen nur, wie einem Hund, regelmäßig Leckerlies zukommen lassen und schon sind sie mit ihrem Leben zufrieden. Die wahre Realität - in diesem Falle die des Krieges - wird somit erfolgreich ausgeblendet. Der Vater einer Bekannten war verstorben und hinterließ den Kindern Dokumente aus dem 2. Weltkrieg, an dem er teilgenommen hatte. Die Tochter warf alles sofort in den Müll mit den Worten: "In meinem Haus kommt nichts rein, was mit Krieg zu tun hat. Ich will mein Haus nur mit guten und positiven Dingen gefüllt haben." Solche Reaktionen sind leider nicht die Ausnahme sondern eher die Regel. Dem Vater werden Teile seiner Lebensgeschichte genommen, der Tochter sowie den Enkeln das Verständnis für das Leben des Vaters in seiner Zeit. Die Grausamkeiten eines Krieges werden so völlig ausgeblendet und damit wichtige Teile der realen Welt ignoriert. Man zimmert sich eine gute Welt zurecht, in der die Bösen da draußen sind.

In einer Gesellschaft mit zunehmenden sozialen Unsicherheiten, wie die Bankkrise der westlichen Welt, Arbeitslosigkeit, Verarmung, der Flüchtlingsstrom von fast biblischen Ausmaßen, Kriege und Terroranschläge weltweit sowie ein Verlust an spirituellen Werten, erscheint das positive Denken als die Universalmethode und Ausweg aus allen sozialen, körperlichen wie seelischen Problemen, da sie - so die Ideologie -wenn richtig angewendet, die Lösung bietet.

Somit ist der Einzelne für sein persönliches Glück einzig und allein verantwortlich. Er muss nur in der Lage sein, seine negativen Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu halten und ausreichend Energie und Kraft in die Visualisierung seiner Wünsche und Träume zu investieren und Nirvana steht ihm offen. Zudem verspricht diese Ideologie auch dass man sich mit der Ausübung zum besseren Menschen entwickelt und damit den anderen überlegen ist, wie sich dann in vielen Äußerungen zeigt: "Ich schicke Dir positive Gedanken damit Du die Kraft aus dieser Situation herauszukommen findest". Das heißt im Klartext oft auch: "Ich habe die Kraft und kann Dir sogar noch was, denn Du hast sie nicht!!! Auch hier hat die Schwarz-Weiß Ideologie gewonnen.

Natürlich sollte das eigene Innere nicht ignoriert werden, denn es ist wichtig das Innere aufzuräumen, um eine stabile innere Balance zu finden mit der sich die Widrigkeiten des Lebens leichter anpacken und lösen lassen.

Es gilt jedoch immer die Eigenverantwortung zu übernehmen, positives Denken kann dann dabei unterstützend wirken. Wenn sich jedoch Gefühle der Überlegenheit entwickeln oder die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln an positives Denken abgegeben wird, sitzt man in der Falle, wie die angebenen Beispiele zeigen.

Die Verlockungen der Scheinwelt

Innerhalb unser persönlichen, weltlichen sowie kosmischen "Matrix" ist jegliche Realitäthochkomplex und birgt ständig unvorhersehbare Situationen sowie Gefahren. Der große Strom des Lebens, in dem wir uns befinden, bewegt sich mit uns sowie mit allen und allem anderen in die eine oder andere Richtung. Wenn auch jede positive und flexible Herangehensweise an Lebensumstände von großem Vorteil ist, wie viele wissenschaftliche Studien beweisen, bestehende schwierige Realitäten ausschließlich durch positives Denken zu ersetzen, birgt in sich das Risiko in eine Scheinwelt abzurutschen und führt letzendlich zu noch größeren Problemen. Denn Gefahren werden unterschätzt, Krankheiten und ihre Ursachen weggeblendet, menschliche Konflikte werden schön geredet. Die eigene Kraft wird dazu verwendet sich die ideale Welt, die in unserem Sinne beste aller Lösungen vorzustellen.

Einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat zu empfehlen sich was Schönes vorzustellen, ist nicht nur völlig ignorant, sondern erlaubt demjenigen auch nicht, sich mit der Trauer, Enttäuschung und all den widersprüchlichen Gefühlen, die mit einem schweren Verlust einhergehen, auseinanderzusetzen bis er die Kraft findet nach vorne zu schauen und zu gehen.

Dasselbe gilt für jedem, der gerade seinen Job verloren hat. Gut gemeinte Ratschläge wie: "Du musst einfach nur einen guten Job realisieren", sind oft nur hinderlich. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Betroffenen, die sich auf die Wirkung des positiven Denkens verlassen, weniger aktiv nach einem neuen Job suchen. 4

Fallen und Tücken: wenn Halbwahrheiten zur Norm werden

Aus den positiven Lebenseinstellungen der Optimisten, den Forschungsergebnissen der Psychoneuroimmunologie sowie der Epigentik, die nachwiesen, das sich mit einer optimistischen Persönlichkeitsstruktur Lebensumstände besser bewältigen lassen, wurde im Allgemeinverständnis der westlichen Gesellschaften ein Dogma, welches sich aus Halbwahrheiten zusammengesetzt und sich als gesellschaftlichen Norm durchsetzte.

Die Debatte, die ich gerne anregen möchte, ist hinzuschauen, wann positives Denken umschlägt und in eine Scheinwelt führt, die letztendlich destruktiv ist.

Zunächst stellt sich die Frage was sind denn in den Augen der positiven Denker negative Gedanken und Gefühle? Ärger wird an erster Stelle genannt, Enttäuschung, Angst, Misstrauen aber auch Trauer, Verzweiflung, Depressionen. Kurzum: alles was nicht glücklich macht erhält den Makel des Unerwünschten. Dazu gehören dann auch Bilder von Kriegen oder hungernden Menschen etc.

Aber was macht denn glücklich??? Charlie Brown von den Peanuts sagt: "Glück ist eine wärmende Decke" oder "Glück ist ein Tag im Schnee" oder ein "Küsschen auf die Nase". Hier sind es die Kleinigkeiten des Alltags die den Peanuts das Gefühl von Glück geben. Ist nun eine Blume nur glücklich wenn sie blüht? Und weniger glücklich wenn sie verblüht, in den Winterschlaf geht und wird sie erst wieder glücklich wenn der "Blühungsprozess" beginnt??

Die (hochkomplizierte) moderne westliche Glücksforschung spricht ganz allgemein von der Freiheit von Leid und Mangel als Zustand des Glückes. Und hier haben wir den Kern des Übels: nicht der Prozess des Lebens in dem wir uns befinden wird als Glück bezeichnet, mit den dazugehörigen Auf und Abs, sondern nur das Auf: also wenn wir ganz oben auf der Welle stehen. Keine Welle bleibt jedoch immer oben sowie keine Blume immer blüht. Die kleinen glücklichen Momente des Alltags zu sehen, die zählen und geben uns Stabilität und Energie die Dinge zu verändern. Snoopie ist da ein sehr gutes Beispiel.

Das Sprichwort der Chinesen: "Eine Blume kann nicht tausend Tage blühen" oder den Rat meiner rheinischen Mutter, dass man ab und zu in seinem Leben das "arme Dier" hat und das dieses erstens zum Leben dazu gehört und zweitens man da schnell wieder heraus wächst, wenn man es zulässt und nach konstruktiven Lösungen sucht.

Jedes Gefühl hat seinen Platz und seine Dauer: verärgert, enttäuscht, betroffen zu sein oder auch Angst haben, sind gesunde Reaktionen auf Gefahr bzw. emotionale Verletzungen. Diese Gefühle schulen das Immunsystem genauso wie Kinderkrankheiten. Ein Mensch, der bereit ist, die "negativen" Erfahrungen und Gefühle, die uns im Leben begegnen zu akzeptieren und als vorübergehend betrachten kann, ist in der Lage nicht nur flexibel auf Ereignisse in seiner Umwelt zu reagieren, sondern findet auch schneller realistische und konstruktive Lösungen.

Chris Hedges, der amerikanische sozialkritische Journalist und Kolumnist spricht in einem Artikel davon, dass Amerikas Manie für positives Denken und Verleugnung der Realität der Untergang des Landes sein wird. 5 Er spricht von einer kollektiven Selbsttäuschung welches die Menschen nicht nur in ihrem Aktionradius behindert, sondern sie vor allem in ein falsches Gefühl der Sicherheit wiegt. Das trifft natürlich für große Bereiche unserer westlichen Kultur zu. Aus dieser Scheinrealität erwachen zu müssen, wird viele überfordern und aus dem Gleichgewicht werfen.

Für den Sozialwissenschaftler Christian Girschner ist das positive Denken ein "Schmiermittel der Unterwerfung". 6 Denn in dieser Ideologie, so argumentiert er, werden alle persönlichen Probleme auch die, die auf gesellschaftliche Krisen bzw. Ungerechtigkeiten beruhen als die Unfähigkeit des Einzelnen gesehen. Dieser wird damit entpolitisiert, denn die äußeren Umstände sind gegeben. Man hat sich IN ihnen erfolgreich zu bewähren, "indem man das positive Denken unbeirrt praktiziert".

Obwohl sich im Spektrum der unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen sicherlich nicht alle Menschen klanglos ein- und unterordnen lassen, wie Christian Girschner es beschreibt, ist seine Kritik im Kern jedoch sehr treffend. Es sei noch zu wiederholen, dass das was glücklich macht in der Regel ebenfalls gesellschaftlich vorgeprägt ist und je nach Kulturkreis variiert.

Weitere Fallen, in die man durch das positive Denken tappen kann

Wer das positive Denken als zentrale Leitlinie in seinem Lebens anwendet und mit allen Mitteln versucht, sogenannte negative Gedanken und Gefühle zu verdrängen, muss mit folgenden Entwicklungen in seiner Person rechnen, um nur einige zu nennen: Faulheit, wenn er sich darauf verlässt, das die visualisierten Lösungen auch eintreten. Oberflächlichkeit, denn er geht nicht auf die Suche nach den wirklichen Gründen der Situation. Mittelmäßigkeit, denn er akzeptiert die gegebenen Bedingungen. Isolation, denn er lebt mehr und mehr in seiner eigenen Welt und arbeitet vor allem nicht an einer aktiven Veränderung seiner Umwelt mit. Individualismus, der einsam macht, denn er hat nicht die kollektive Verantwortung für sein Leben und das seiner Mitmenschen im Blick. Blindfür reale Gefahren, denn er geht davon aus, das ihm als immerwährend glückliches Aura-Ei nichts Negatives passiert. Mangelnde Authentizität, denn jemand, der nicht in Kontakt mit seinem ganzen Wesen ist, hat natürlich auch nur einen begrenzten Reaktionradius zur Verfügung. Er weiß nicht, wie es in ihm wirklich aussieht und so ist es auch für andere sehr schwierig ihn einzuschätzen. Arroganz, insbesondere dann, wenn man sich für besser hält als die anderen und auf andere herab sieht, die sich abrackern, um ihre Probleme realistisch zu lösen. Zudem kann sich ein Verlust der Kommunikationsfähigkeit herausbilden, da das Interesse am Austausch auf der Basis des Lernens nachlässt. Die Schwarz-Weiß Mentalität überwiegt, die Welt wird unterschieden in Gut und Böse. Das Gute hat über das Böse zu siegen, das rechtfertigt völlig unreflektiert viele Methoden.

Individualismus als höchstes Ziel im 21. Jahrhundert

Individualismus versus kollektive Verantwortung

Der Individualismus, ein Gesellschaftsbild indem das Individuum, also der Einzelne im Zentrum des Geschehens und der Betrachtung liegt, entwickelte sich verstärkt durch den Liberalismus, den Einzelnen aus den Fängen enger sozialer Strukturen zu befreien, um ihm damit mehr Entwicklungsmöglichkeiten einräumen zu können. Damit verschiebt sich das Gefühl von einer kollektiven Verantwortung zur einer Verantwortung ausschließlich für sich selbst bzw. seinen eigenen kleinen Lebensbereich. Die Ideologie des positiven Denkens hat hier natürlich eine gute Nische gefunden.

Wohin diese zunehmende Fokussierung auf das eigene Glück, den eigenen Reichtum geführt hat, sehen wir in den globalen Entwicklungen: die zunehmenden Umweltkatastrophen wie Hochwasser, Überflutungen, Feuersbrünste, Dürre bis hin zur wüstenähnlichen Landstrichen, Entforstung ganzer Gebiete, insbesondere auch des Amazonas, Verseuchung der Weltmeere und Flüsse und damit Massensterben der Fische, Aussterben der Bienen sowie vieler anderer Tierarten, wachsende Müllberge nicht nur in den Städten, sondern auch in den Meeren sowie im All, um nur einiges zu nennen.

Wir befinden uns in einem enormen gesellschaftlichen Wandel, bei dem die Fokussierung auf eine kollektive Verantwortung für den Lauf der Dinge sowie unserer Heimat, der Erde UND dem Weltall immer mehr in den Blickwinkel der Menschen rückt.

Lösungsmöglichkeiten

Wir brauchen deutlich mehr kritische Denker, die die Strukturen unser Gesellschaft analysieren und vor allem dem Mann und der Frau auf der Straße auf diese Zusammenhänge aufmerksam zu machen und versuchen die Mehrheit zur Mitarbeit an unserer neuen Gesellschaft zu bewegen. Wir brauchen eine wahre Demokratie, das bedeutet die Mitarbeit von großen Teilen der Bevölkerung an politischen Entscheidungen, im öffentlichen Wesen, in den Medien etc., um sich nicht nur den verlockenden Versprechungen des positiven Sogs zu entziehen, sondern neue ganzheitliche Denkstrukturen zu fördern.

Wir brauchen eine flächendeckende Aufklärung über die Fallen und Tücken des positiven Denkens in den Medien, in Seminaren, Schulungen etc., die darauf hinweisen, dass das positive Denken dann eine gute Sache ist, wenn es nicht als Ideologie die Überhand im Denken und Handeln gewinnt.

Wir benötigen eine breite Aufklärung über die Hintergründe dieser Ideologie und vor allem ein Bildungs- sowie Ausbildungssystem welches auf Teamarbeit fokussiert und kritisches sowie unabhängiges Denken und Handeln fördert. Im Fokus der Lebensgestaltung sollte sowohl die Eigenverantwortung im Rahmen des Teams stehen, eingebunden in eine gesellschaftliche Verantwortung. Dazu gehört natürlich auch ein übergeordnetes ganzheitliches Verständnis für unser Handeln in der Natur, denn wir Menschen sind ein Teil der Natur.

Der hier verwendete Begriff der Ganzheitlichkeit umfasst den gesamten gesellschaftlichen Bezug und somit auch ein ökologisches Bewusstsein als auch politisches Verständnis und daraus resultierendes ökologisches und politisches Handeln.

Wir haben gesehen, wie die Information der Lebenserfahrungen und erlebten Traumen unserer Großeltern sich bis in die dritte, möglicherweise sogar in die vierte Generation übertragen. 7 Das macht uns sehr deutlich wie weitreichend unsere Verantwortung hinsichtlich der Gestaltung unseres eigenen Lebens, der Gemeinschaft in der wir leben, unserer Gesellschaft, Kultur, der Natur ist. Jeder Einzelne zählt in diesem Prozess, jeder Einzelne spielt im globalen Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn wir alle wollen unseren Nachfahren eine Welt übergeben können, in der sie eine Zukunft haben.

1. Pert Candice: Moleküle der Gefühle, Reinbeck 1999

2. Lipton Bruce: Biology of Belief. Unleashing the power of consciousness, Carlsbad 2007

3. https://de.wikipedia.org/wiki/Optimismus

4. Oettingen, Gabriele (2014). Rethinking positive thinking: inside the new science of motivation. New York: Current. ISBN 9781591846871.

5. http://www.alternet.org/news-amp-politics/chris-hedges-americas-mania-positive-thinking-and-denial-reality-will-be-our-downfall

6. https://kritischepolitik.files.wordpress.com/2012/11/positives_denken.pdf

7. https://www.huffingtonpost.de/christa-muths/krieg-spaetfolgen-vererbung_b_7115396.html

Muths, Christa: Der (Un)Vergessene Widerstand. Die Helden des Alltags. Das alltägliche Überleben im antifaschistischen Widerstand. Tredition 2014

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