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10/11/2015 11:31 CET | Aktualisiert 10/11/2016 06:12 CET

Unfassbar, dass mir diese Frage als frischgebackene Mama gestellt wurde

Tara Moore via Getty Images

Seit ich vor 8 Monaten mein erstes Baby zur Welt gebracht habe, muss ich viele Fragen beantworten, auf die ich mich bereits vorher schon eingestellt hatte.

„Schläft er nachts durch?" (Fast.)

„Wem schaut er ähnlicher?" (Seinem Vater.)

„Kann er sich umdrehen/sprechen/krabbeln?" (Ja, ja und Gott, steh uns bei, ja.)

Und dann kam die Frage, die ich niemals erwartet hätte: „Stillst du ihn?"

Diese Frage wurde mir zum ersten Mal bei einem Termin beim Kinderarzt gestellt. Wir waren gerade frisch aus dem Krankenhaus entlassen worden und mein Sohn hatte noch ganz rote Haut und war mir fremd. Damals überraschte mich diese Frage nicht, denn es gab keinen Grund dafür.

Ob ich mein Baby stille oder nicht, ist eine wichtige medizinische Information, die sein Arzt auf jeden Fall erhalten muss. Doch es ist keine Information, die praktisch jeden etwas angeht. Und deshalb überrascht es mich auch, wie viele Leute sich dafür interessieren: Freunde, entfernte Verwandte, Arbeitskollegen und sogar eine Fremde, die ich auf einer Party kennenlernte.

Mein Sohn war damals 3 Monate alt und ich war nervös, weil wir an diesem Abend zum ersten Mal wieder richtig ausgingen. „Ein hübscher Junge", sagte sie freundlich, als ich ihn in sein Tragetuch steckte und dabei versuchte, ein paar Schlucke Wein zu trinken, bevor ihn erneut eine Kolik zum Schreien brachte.

„Stillen Sie ihn?" Ich bin mir nicht sicher, wann „Stillen Sie ihn?" zu einer Standardfrage an frischgebackene Mütter wurde, doch diese Frage ist nur in den seltensten Fällen - falls überhaupt - angebracht.

Ich frage mich ernsthaft, warum Leute das wissen wollen? Wollen sie Ratschläge erteilen? Anekdoten erzählen? Oder suchen sie nach Hinweisen, um meine Eignung als Mutter beurteilen zu können? (Als ich meinem Schwager davon erzählte, dass ich über dieses Thema schreiben will, meinte er scherzhaft, dass er gerne immer gleich auf den Punkt kommt und Frauen direkt fragt, ob sie gute Mütter sind.)

Die meisten Menschen wollen vermutlich, dass ich ihre Frage mit „Ja" beantworte. Doch warum fragte mich dann kürzlich eine Frau, die ich kaum kenne: „Du stillst ihn doch nicht etwa immer noch, oder?"

Selbstverständlich werden Eltern alle möglichen persönlichen Fragen gestellt, und ich freue mich auch, wenn sich andere für meine Erfahrungen als Mutter interessieren. Doch „Stillen Sie?" ist kein harmloser Gesprächseinstieg.

Stillen ist sowohl eine private als auch eine öffentliche, ja sogar eine politische Angelegenheit. Stillen hat weltweit gesundheitspolitische Priorität und wird in einigen feministischen Kreisen debattiert.

Stillen ist eine emotionale und intime Handlung und ich glaube, es ist genau dieser letzte Punkt, der mich so aufregt. Auch wenn man in unserem Kulturkreis den Bauch einer Schwangeren anfassen darf und endlos über die Figuren frischgebackener Mütter diskutieren darf, sind die Körper von Schwangeren und Frauen, die gerade ein Kind zur Welt gebracht haben, kein öffentlicher Bereich.

Ich kann keinerlei Verständnis dafür aufbringen, dass manche Menschen meinen, mich nebenbei fragen zu dürfen, was ich mit meinen Brüsten anstelle oder eben auch nicht.

Zur Info: Ich stille meinen Sohn mit achteinhalb Monaten tatsächlich noch und außerdem füttere ich Babynahrung zu. Wie Millionen anderer Frauen auch erfahren mussten, ist es nicht so einfach.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, waren meine Brustwarzen so rissig und blutig, dass ich eine Infektion bekam. Nachdem sie wieder verheilt waren, musste ich sehr darum kämpfen, dass immer genug Milch kam. Doch irgendwann spielte sich bei mir und meinem Sohn alles ein und in den letzten Monaten läuft es eigentlich ziemlich reibungslos. Es funktioniert. Und wir sind sehr froh darüber.

Ich finde es gut, dass Stillen immer mehr zum Thema wird. Mütter sollten verdammt nochmal ihre Babys genau so füttern dürfen, wie sie es eben können und sie sollten selbst über diese Erfahrungen bestimmen können - ob das nun bedeutet, dass sie ein Kleinkind öffentlich stillen oder einem 2 Monate alten Baby Säuglingsnahrung geben.

Und Außenstehende sollten niemals vergessen, welch persönliche Erfahrung es für diejenigen ist, die das alles gerade durchmachen. Stillen ist nur ein kleiner Teil meiner (bisher noch) wenigen Erfahrungen als Mutter, doch sie ist mir heilig.

Hierbei geht es sowohl um meine allgemeine Einstellung zur Erziehung, als auch um Hunderte Alltagssituationen, in denen ich Teile meiner Milchpumpe abgewaschen habe oder in denen ich mein süßes Baby mit den großen Augen an meine Brust gelegt habe.

Eltern sollten dazu ermutigt werden, diese Geschichten mit anderen zu teilen, wenn sie das Bedürfnis danach haben. Aber bitte warten Sie, bis wir solch ein Gespräch beginnen.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

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Video: Smartphone statt Baby: Das passiert, wenn Mütter ihre Kinder vernachlässigen

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