BLOG
17/03/2016 10:16 CET | Aktualisiert 18/03/2017 06:12 CET

Cyberpsychologie: Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert.

Sam Edwards via Getty Images

Virtuelle Massenhetze und Hasskampagnen wie Shitstorm oder Flaming und das gezielte Schädigen und Fertigmachen einer Person über Cybermobbing oder Cyberstalking, dies alles sind Verhaltensformen, die wir in ihren digitalen Ausprägungen so noch nicht kannten und die für die Opfer häufig viel schwerwiegendere Auswirkungen haben als zum Beispiel Mobbing und Stalking im realen Leben.

Vor allem Prominente werden Opfer der digitalen Shitstorms

Eines der wohl bekanntesten deutschen Opfer immer wiederkehrender Shitstorm-Attacken, also massenhafter digitaler Stürme der Entrüstung über Blogbeiträge, Kommentare, Twitter Nachrichten oder Facebook-Gruppen, ist der Moderator Markus Lanz. Seit er 2008 "Wetten, dass ..." übernommen hat, ist er häufig die Zielscheibe nicht gerade sanfter Netzattacken geworden.

Es entwickelte sich ein regelrechtes Lanz-Bashing. Im Januar 2014 rangierte der Hashtag #Lanz sogar wochenlang in den Top Ten der Twitter-Charts. Und der Höhepunkt wurde mit der Online-Petition erreicht: "Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr!", die 130.000 Menschen im Netz unterschrieben.

Doch nicht nur Markus Lanz stand schon mehrfach im Kreuzfeuer eines Shitstorms. Auch Politiker und Politikerinnen, und überhaupt Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, werden schnell zu Opfern solcher Cyberattacken, die unsachliche Kritik mit boshaften, höchst aggressiven und beleidigenden Kommentaren vermischen. So erleben auch Bundestagsabgeordnete Hassattacken zum Beispiel über ihre eigenen Facebook-Seiten und sogar Morddrohungen.

Im deutschen Sommermärchen 2014 wollten einige sogar den Gauchotanz der Fußballweltmeister shitstormfähig machen. Auch wenn zahlreiche Netz-User diesen Gaucho-Tanz nicht ganz so toll fanden, für die meisten war der Scherz eher harmlos. Die Mehrheit ergriff sogar Partei für die Weltmeister. So ist #Gauchogate dann auch kein Shitstorm geworden. Die Twitter-Gemeinde kann also auch ein Auge zudrücken.

Auch Ärger über Unternehmen wird in den Social Media Ausdruck verliehen

Doch nicht nur Personen, sondern auch Unternehmen stehen regelmäßig im Mittelpunkt von digitalen Hetzkampagnen. So zum Beispiel die Bank ING Diba. Sie musste sich Anfang 2012 nach einem Werbespot, in dem Basketballer Dirk Nowitzki eine Scheibe Wurst verspeist, mit einer Welle wütender Vegetarier und Veganer auf ihrer Facebook-Seite auseinandersetzen.

Oder Vodafone: Im Sommer 2012 beschwerte sich eine Nutzerin auf der Facebook-Seite des Mobilfunkanbieters über falsche Abrechnungen. Innerhalb weniger Tage klickten 145.000 User auf "Gefällt mir", kommentierten und schimpften über den Kundenservice.

Einige können sich sicherlich an den Skandal um den Nudelhersteller Barilla erinnern. Im Sommer 2014 braute sich ein Shitstorm zusammen, nachdem der Chef des Unternehmens, Guido Barilla, in einem Interview deutlich machte, dass Homosexuelle nicht zur Zielgruppe des Unternehmens gehören.

"Wenn Homosexuellen das nicht gefällt, können sie ja Pasta

eines anderen Herstellers essen", so Guido Barilla. Mit der nachfolgenden Empörungswelle hatte der Konzernchef allerdings nicht gerechnet. Aktivisten riefen zu einem regelrechten Boykott aller Barilla-Produkte auf.

Manche Userinnen treten in Foren häufig geschlechtsneutral auf

Im Rahmen des Shitstorm-Phänomens kommt es auch zu einem heftigen Sexismus im Netz, gegen Feministinnen und feministische Organisationen, Politikerinnen oder Internet Managerinnen wie zum Beispiel Anke Domscheit-Berg. Karin Ortner hat an der Universität Linz eine Online-Befragung unter Bloggerinnen, Twitterinnen und Foren-Diskutantinnen durchgeführt.

Die Mehrheit der Frauen ist überzeugt davon, dass Frauen im Netz häufiger angefeindet werden, wenn sie sich politisch äußern, als Männer. Viele äußern, dass sie im Netz sogar stärker sexistisch angegriffen werden als in der physischen Welt, gerade weil es so einfach ist. Im echten Leben können wir uns aussuchen, mit wem wir Kontakt pflegen. Auf Twitter oder in Foren bewegt man sich hingegen in einem anonymen Feld - wen man da kontaktiert, den kennt man nicht wirklich.

Manche Userinnen treten daher in Diskussionsforen häufig geschlechtsneutral auf. Vor allem die Gleichberechtigung der Frau ist Reizthema Nummer eins für viele Männer. Und dabei gibt es auch eine kleine, aber höchst aktive Gruppe von Maskulinisten, die sich auf feministischen Blogs und Foren richtig austoben. Deshalb wurde es von vielen Seiten begrüßt, dass die #Aufschrei-Kampagne gegen Sexismus im Netz im Jahr 2013 den Grimme- Online-Award gewann.

Dadurch wird einem wieder einmal bewusst, dass es eben auch viele positive Möglichkeiten gibt, das Netz zu nutzen und sinnvoll zu instrumentalisieren, so Grimme-Direktor Uwe Kammann.

Solche Angriffe im Netz sind schlimm genug, aber noch größer ist die Gefahr, wenn Aggression und Gewalt aus dem Netz ins reale Leben übertragen werden. So kam es im Herbst 2014 in Rüsselsheim nach der Tötung von zwei Staffordshire-Bullterriern, die zuvor mehrere Menschen angegriffen hatten, durch die Polizei zu einer Shitstorm-Kampagne gegen die beteiligten

Beamten.

Opfer werden zu Tätern

Die Hassattacken beschränkten sich nicht nur auf das Netz, sondern verlagerten sich in den normalen Alltag. Die Beamten mussten sich auf offener Straße beschimpfen und beleidigen lassen, die Familienangehörigen wurden bedroht und Anfeindungen wurden laut, man solle die Polizisten "steinigen" oder ihnen "eine Kugel durchs Hirn schießen".

Mittlerweile laufen mindestens 47 Strafermittlungsverfahren gegen die bis zu diesem Zeitpunkt "unbescholtenen" Mitbürger, die zu derartigen Gewalttaten aufgerufen hatten. Dabei lässt sich noch ein weiteres Netz-Paradoxon erkennen: Opfer werden in die Täterrolle gedrängt. So geschehen im Fall der Sportlerin Ariane Friedrich.

Sie wurde monatelang gestalkt, online und offline, auf ihrer Facebook-Seite sexuell angemacht und vieles mehr. Die Polizei warmachtlos - also machte sie den Namen ihres Verfolgers im Netz öffentlich. Daraufhin passierte etwas Erstaunliches: Nicht Ariane Friedrich erhielt Zuspruch und Anteilnahme, sondern der Täter. Es entwickelte sich in Windeseile ein Shitstorm gegen das eigentliche Opfer Ariane Friedrich, sie wurde zum Täter gemacht - und der eigentliche Schuldige von der Online-Gemeinde zum Opfer stilisiert.

Wie wir sehen, gibt es für die Entstehung von Shitstorms ganz unterschiedliche Auslöser und Motive. Ob gezielt von Kritikern und Gegnern initiiert oder durch eigenes ungeschicktes Verhalten, ein Versehen oder mangelnde Sensibilität ausgelöst oder sogar dadurch, dass man sich gegen unangenehme Zeitgenossen wehrt: Oft reicht ein einzelner Kommentar, Facebook- oder Blog-Eintrag, um die geballte Empörung der Nutzer zu provozieren.

Die digitalen Medien erlauben eine neue Zügellosigkeit - Man schreibt Dinge, die man sich so nicht trauen würde zu sagen

Eines scheint dabei klar: Es muss immer jemanden geben, der den Startschuss gibt, bevor andere aktiv mitmachen oder einfach als Trittbrettfahrer, zum Beispiel über reines Liken, dabei sein wollen. Auch etwas anderes wird aber sichtbar - die meisten Shitstormer würden ihrem Zielobjekt, das, womit sie es online attackieren, kaum genauso ins Gesicht sagen. Manche Urheber sind sogar regelrecht geschockt, wenn sie merken, was sie ausgelöst haben.

So auch die Initiatorin des Shitstorms gegen Markus Lanz im Januar 2014. Sie konnte tagelang nicht schlafen und hatte diese extremen Reaktionen vieler Follower so nicht erwartet. Das Phänomen Shitstorm hat viele Facetten. Auf der einen Seite ist die digitale Massenhetze an der Tagesordnung, auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die diese anonymen Meinungsäußerungen und Hasstiraden nicht dulden wollen.

Dies zeigt sich zum Beispiel auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. So werden in der Diskussionssendung "Hart, aber fair" mittlerweile keine anonymen Beiträge mehr in der Sendung aufgegriffen. Die Leute sollen zu dem stehen, was sie sagen, so

die Redaktion.

ANONYMITÄT UND ENTKÖRPERLICHUNG - WIR HANDELN

"DISEMBODIED"

Die Psychologie befasst sich seit jeher mit der Frage, in welchen Situationen Menschen dazu neigen, unkontrolliertes, hemmungsloses oder aggressives Verhalten zu zeigen und die gesellschaftlichen Normen und Regeln vollkommen hinter sich zu lassen. Vor allem suchte man Erklärungen dafür, wie es zu negativem aggressiven Verhalten in Gruppen, also zu regelrechten Mobs auf der Straße kommen kann, so zum Beipiel bei Demonstrationen, die in Gewalt ausarten, oder Ausschreitungen bei Fußballspielen.

Und heutzutage haben wir es eben mit Shitstorms zu tun, den Mobs der Neuzeit.

Eines zeigt die Psychologie sehr deutlich: Die Mitgliedschaft in einer Gruppe oder das reine Dabeisein kann das Verhalten von einzelnen Individuen verändern und durchaus enthemmend wirken. Somit können Gruppeneinflüsse dazu führen, dass wir Dinge tun, die wir normalerweise eben nicht machen würden.

Der Verlust

der eigenen Verantwortung für unser Verhalten führe dazu, dass wir primitiv und zügellos agieren.

Bereits der französische Psychologe Gustave Le Bon hat sich im 19. Jahrhundert mit dem Phänomen des aggressiven, abnormen Massenverhaltens beschäftigt. Vor allem der Verlust der eigenen Verantwortung für unser Verhalten führe dazu, dass wir primitiv und zügellos agieren.

Unser eigener Charakter, unsere inneren Einstellungen und auch Werthaltungen treten innerhalb der Gruppe zurück, und deren Stelle nehmen die Normen der Gruppe ein. Der so entstehende "Group-Mind" ruft dabei die Illusion von einem geteilten, gemeinsamen Glauben oder auch Dogma hervor - wir geben uns somit einer Scheingemeinschaft hin und stellen uns selbst hinten an.

Dieser Effekt auf uns als einzelne Person nennt man De-Individuation. Die Herausbildung, die Emergenz des Gruppen-Mind-Set und das Zurücktreten der individuellen Persönlichkeitsstrukturen können dazu führen, dass wir unsere verinnerlichten (internalisierten) Werte und moralischen Hemmschwellen ausschalten und verlieren.

De-Individuation ist also eine Kombination aus den situativen Gegebenheiten (ich bin Teil einer Gruppe), internalen Faktoren (wir blenden unsere Selbst-Aufmerksamkeit aus) und konkretem Verhalten (Fehlende Selbst-Kontrolle führt zu Handlungen, die wir normalerweise nicht zeigen).

Wir kommen später darauf zurück, dass dies eben nicht nur für enthemmtes, sondern auch für positives, beispielsweise prosoziales (Hilfe-)Verhalten gilt. De-Individuation ist also nicht von vornherein negativ.

Das gefühl der Anonymität senkt das Schuldbewusstsein

Dabei fördert vor allem der Aspekt der Anonymität den Prozess der De-Individuation. Sobald wir in einer Gruppe agieren, fühlen wir uns als einzelnes Individuum unsichtbar. Dies versetzt uns psychologisch in eine Situation, die uns das Gefühl vermittelt, als handelten wir anonym. Man empfindet sich als Teil der Masse. Gerade in solchen Momenten sinkt unsere Selbst-Aufmerksamkeit (self-awareness).

Bei antisozialem und kriminellem Verhalten spielen die situativen Bedingungen, also das tatsächlich Unsichtbar-Bleiben, das hinter einer Maske agieren Können, eine wichtige Rolle. Die persönlichen Wertvorstellungen und das moralische Bewusstsein sind unter diesen Umständen also nicht unbedingt geeignet, Verhaltensweisen vorherzusagen. Das Verhalten kann hin und her switchen, von normkonformen zu abweichenden Tendenzen - genauso wie es zwischen Real Life und Cyberspace stattfindet.

In solchen Momenten verlieren wir die Verbindung zu unserer eigenen individuellen Identität, aber auch zu unserem sozialen Kontext. Wir lösen uns von unseren "real" gültigen Wertvorstellungen, reagieren unkontrolliert und blenden Bewusstsein und Gewissen einfach aus.

Dieser Zustand des gefühlt anonymen Handelns ist gerade im Cyberspace durch die Abwesenheit von Face-to-face-Situationen gegeben. Man hatet mit im Netz, weil man nicht erkennbar ist. Auch Statusunterschiede sind online nicht mehr sichtbar. Was uns im realen Alltag gegenüber unseren Vorgesetzten zur Zurückhaltung drängt, verliert sich im Netz, meint auch der Psychologe John Suler.

Der Kriminologe Sameer Hinduja bestätigte die Bedeutung der De-Individuation im Bereich der Software-Piraterie als einer der Ersten. Und Studien aus der Zeit vor Facebook und Instagram zeigen, dass Flaming, also das Veröffentlichen von gemeinen, bösartigen Mitteilungen in Chatrooms und bei Instant Messaging, ansteigt, sobald man unter einem Pseudonym, also unerkannt, agiert.

In solchen Situationen verlieren wir unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Dabei treten Selbstbeurteilungen und Selbstkategorisierungen zurück. Wir nehmen uns nicht mehr als rücksichtsvolle Mitbürgerin wahr, sondern nur als wütende Wetten-dass-Zuschauerin, die ihren Frust rauslassen möchte.

De-Individuation führt also auch zu Kontrollverlust. Die realen Hemmschwellen existieren online einfach nicht mehr. Wir geben schneller Impulsen nach und vergessen moralische, gesamtgesellschaftliche Standards. Und je größer zum Beispiel die Shitstorm-Gruppe ist, deren Teil wir sind, umso stärker wird dieser Effekt.

Dies kann man auch an der Entwicklung vieler Shitstorms sehen. Je mehr Aktive teilnehmen, umso aggressiver und fäkallastiger wird die Sprache. Wir können also auch eine dynamische Entwicklung verbaler Grausamkeiten feststellen. Dabei entsteht eine eigene Gruppendynamik. De-individuiertes Handeln verändert nämlich nicht nur unser individuelles Empfinden, auch die Gruppeneinflüsse wirken direkt auf unser Verhalten.

Wir fühlen uns nicht verantwortlich für das, was innerhalb der Gruppe geschieht. Denn alle sind daran beteiligt.

Gerade das Einswerden mit der Gruppe, die Immersion, führt dazu, dass wir deren Regeln verstärkt annehmen. Man spricht hier auch von Gruppenkohäsion. Dieser Zusammenhalt unter den Mitgliedern kann sich dabei zu einer extremen Konformität und Uniformität entwickeln, auch um nach außen die Zugehörigkeit sichtbar zu machen.

Dabei kommt es häufig auch zu einer Verantwortungsdiffusion, sobald man sich selbst weniger als einzelnes Individuum, sondern stärker als Element des Gruppenverbandes wahrnimmt. Wir fühlen uns demnach nicht mehr verantwortlich für das, was innerhalb der Gruppe geschieht. Denn alle sind daran beteiligt.

Man entledigt sich der Verantwortung. Die Gruppe, die die Führungsrolle innehat, trägt damit die Konsequenzen der Taten. Dieser Effekt spielt auch bei der Entstehung des öffentlichen digitalen Mobs, bei den Shitstorms, eine wichtige Rolle.

Die Gruppe, die Shitstorm-Gemeinschaft, fungiert als psychologischer Selbstschutz: Mein Schuldbewusstsein und mein schlechtes Gewissen werden ausgeschaltet - es sind ja die anderen, durch die ich dazu fähig werde. Die Situation der De-Individuation kann also in extremer Weise dazu führen, dass wir unsere Selbstkontrolle und damit auch unsere Hemmungen verlieren, Dinge zu tun, die wir im normalen Alltag unterlassen würden.

Und auch die Sprache ändert sich online, wird härter, fäkallastig oder sexistischer. Gleiches gilt auch für die Internetphänomene Cybermobbing oder Cyberstalking. Die Aspekte De-Individuation, Anonymität und Enthemmung spielen auch hier eine entscheidende Rolle. Doch bedeutet De-Individuation nicht automatisch, dass man deviantes, bösartiges oder hemmungsloses Verhalten zeigt.

Es spielt eben auch eine Rolle, welche Werte in der Gruppe gelten, der ich hier online angehöre, also welche soziale Identität ich annehme oder annehmen will (siehe auch die Affiliations- oder Anschlussmotivation).

Positives Handeln in Form von Candystorms

So bestätigen neue Forschungen, dass die Prozesse der De-Individuation nicht nur negatives Verhalten fördern, sondern auch positives Handeln, Helfen, Beistand leisten oder Unterstützung - denken wir auch an das Phänomen des Candystorms oder Smilestorms.

Eine große Gruppe kann uns also auch an gesamtgesellschaftliche Werte und moralisch-ethische Verhaltensstandards erinnern. So war die im Frühjahr 2014 gelaunchte Aktion der Zeitschrift Glamour, einen Smilestorm auszulösen, ein voller Erfolg, den bekannte Blogger wie Fabian Hart und prominente Schauspieler und Künstler wie Nova Meier-Heinrich oder Cro tatkräftig unterstützten.

Wir werden nicht automatisch zum Flamer, Hater oder Troll, der absichtlich Gespräche innerhalb einer Online-Community stört, nur weil wir online sind. Auch wenn De-Personalisierung, Nicht-Erkennbarkeit, die Ablösung von Gefühl, mentales Agieren und körperliche Anwesenheit eine klare Rolle bei negativen digitalen Verhaltensphänomenen spielen. Es kommt doch entscheidend auf das virtuelle Umfeld an, in dem wir uns bewegen.

In Blogs zu Online-Games, die brutal und aggressiv sind, agieren wir anders als in solchen, bei denen es strategisch um das reine Denken geht. In Porno-Chatrooms, die Hardcore-, Sadomaso-Sex und anderes propagieren, oder auf rechtsradikalen Seiten wird es eine andere Sprache, einen roheren Umgangston geben als in einem Koch-Blog.

Das heißt, wir müssen auch Gruppennormen beachten, die sich unter Umständen erst im Netz neu konstituieren. Man bezeichnet dies auch als "emergent norm" (Turner & Killian, 1987). So werden die in einem bestimmten Gruppenkontext, beispielsweise einer Facebook-Gruppe, entstehenden Normen wie Fäkalsprache, Judenhetze, Ausländer- oder frauenfeindliche Sprüche und so weiter von den teilnehmenden Usern akzeptiert und übernommen. Und diese werden dann aus Sicht der Mitglieder zum sozialen Standard mit Allgemeingültigkeit - auch über die Gruppe hinaus.

Gerade extremistische Gruppen nutzen das Internet, um desillusionierte Jugendliche zu ködern

Die Konformitätsforschung sagt, dass wir unter bestimmten Umständen bereit sind, uns mit der Gruppe homogen zu verhalten und deren Normen und Verhaltensregeln anzunehmen. Dabei werden auch Rechtsbrüche nicht mehr als solche wahrgenommen, beispielsweise Vandalismus und Gewalt, die gegen Recht und Gesetz und auch gegen moralische Grundsätze verstoßen, von der Gruppe aber als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele akzeptiert werden.

De-Individuation begünstigt also auch die Annahme von Einstellungen und Normen, die über das Internet verbreitet werden. Denken wir an rechtsradikale oder salafistische Plattformen, die Wertvorstellungen vermitteln, die unserer deutschen Rechtsstaatlichkeit deutlich widersprechen, aber von Mitgliedern, Bewunderern oder Aspiranten ohne Zögern oder kritisches Hinterfragen angenommen werden.

Gerade extremistische Gruppen nutzen das Internet, um ihre Ansichten und Weltanschauungen real, überzeugend und demagogisch darzustellen und darüber neugierige oder desorientierte, desillusionierte und chancenlose Jugendliche zu ködern.

Hierbei spielen natürlich auch Attraktivität beziehungsweise Anziehungskraft der Gruppe eine besondere Rolle sowie der soziale Zusammenhalt, den eine Gruppe aufweist. Je stärker der Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören, und je stärker die Bindung innerhalb der Gruppe ist, umso stärker wirkt auch der Druck auf das einzelne Mitglied, den Erwartungen der Gruppe

zu entsprechen.

Einmal Teil der Gruppe, ist man dem Gruppendruck ausgeliefert und findet kaum mehr heraus

Wer dann mitmacht, kommt aus dem Teufelskreis kaum mehr heraus, denn je mehr man sich als Teil einer Gruppe sieht, umso stärker wirkt auch der Gruppendruck, den gültigen Handlungsvorschriften und Werten zu entsprechen. Auch Sanktionen und Strafen verstärken den Gruppendruck auf einzelne Mitglieder.

Eines zeichnet sich ab: Für sämtliche Entwicklungen, ob Handeln im Darknet oder abweichendes Sozialverhalten wie Shitstorm und Co, können wir niemals eine einheitliche Erklärung finden. Auch wenn die Besonderheiten des Internets, Anonymität und Entkörperlichung bei allen Phänomenen eine ganz entscheidende Rolle spielen, muss De-Individuation eben nicht bedeuten, dass man automatisch zu deviantem Verhalten neigt.

Es ist auch davon abhängig, welche Wertvorstellungen zum Beispiel in meiner Online Gemeinschaft, ob Blog, soziales Netzwerk oder Chatroom, gelten, welche soziale Identität ich im Netz annehme oder annehmen will.

Zum anderen müssen wir bei kriminellen Aktivitäten wie auch bei Mobbing- oder Stalking-Aktivitäten persönliche Faktoren miteinbeziehen. Dabei gibt es bestimmte Risikofaktoren, die die Möglichkeit deutlich erhöhen, zum Täter zu werden. So sind Cybermobber häufiger als Nicht-Täter delinquent, klauen, zerstören fremde Sachen oder halten sich nicht an Regeln. Auch haben sie eine positive Einstellung gegenüber Gewalt und suchen online gerne radikalere, gewalthaltige Orte auf.

Die fehlende Sichtbarkeit der echten Emotionen führt zu einer geringeren Fähigkeit, Empathie zu spüren

Insgesamt gilt: Die Mehrheit der Menschen handelt im Netz genauso wie im realen Leben. Der Mobber bleibt ein Mobber, der Pädosexuelle bleibt pädosexuell. Der good guy mutiert also nicht automatisch zum bad boy.

Wenn wir allerdings eine dunkle Seite haben, dann macht es das Internet leicht, sie auszuleben. Das Internet kann dann zum Beispiel zum Testgebiet für Mobbing-Verhalten werden, das bei Erfolg in das analoge Leben übertragen wird.

Und es kommt im Netz noch ein weiterer Aspekt hinzu: die Unsichtbarkeit der Opfer. Die fehlende Sichtbarkeit der echten Reaktionen und Emotionen führt zu einer geringeren Fähigkeit, Empathie und Mitgefühl zu spüren. Auch muss eine Reaktion ja nicht sofort erfolgen. Dadurch entsteht beim Täter eine gewisse Distanz zum Online-Geschehen. Und auch dies fördert eine emotionale Abstumpfung und Desensibilisierung.

So bestätigt eine Studie der University of Michigan einen drastischen Rückgang der generellen Empathie-Fähigkeit in den letzten 30 Jahren. Gerade junge Menschen zeigten heute weniger Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, als das früher der Fall war. Dabei stellten die Forscher die größte Abnahme an Einfühlsamkeitsvermögen nach dem Jahr 2000 fest. Also ab jenem Zeitpunkt, als der Weg in unser heutiges WorldWideWeb begann und wir nach und nach anfingen, die Welt des Chattens, Postens und Sharens zu bevölkern.

Auch weisen erste Forschungen darauf hin, dass die zunehmende Gewalt in den Online-Medien für das Leid anderer gleichgültiger machen kann. Wir kommen darauf später noch einmal zurück. In diese Richtung weist auch folgende Entwicklung: Gerade die Gewaltbereitschaft der Mädchen hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich gewandelt.

So war Cybermobbing zu Beginn (wohlgemerkt vor Facebook und Co) eher ein Jungenphänomen, ähnlich wie wir es vom klassischen Mobbing her kennen. Mittlerweile können wir in einigen Ländern, auch in Deutschland, eher eine stärkere Beteiligung von Mädchen feststellen, gerade in puncto Beleidigung, Hänseln, Verleumdungen und Lügen verbreiten.

Nur bei eher techniklastigem Cybermobbing, beim Herstellen und Veröffentlichen von Fotos und Videos, haben die Jungs aktuell noch die Nase vorn. Das immer intensiver werdende "Leben im Netz" zeigt seine Wirkungen. Die negativen Folgen aggressiver Medieninhalte sind ja schon seit den fünfziger Jahren ein Diskussionsthema.

Das Internet als Spielwiese für Jugendliche, um herauszufinden, wie böse man eigentlich ist

Einig ist sich die Forschung darüber, dass insbesondere das soziale Lernen an Vorbildern und Rollenmodellen, die in den Medien vermittelt werden, eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Auf diese möglichen Folgen inflationärer Nachrichten über Kriegsschauplätze und Terroraktionen werden wir später noch näher eingehen.

Ein Faktor wird im Zusammenhang mit dem Internet immer wichtiger: Das Internet entwickelt sich zu einer Spielwiese, zu einem Tummelplatz für Austesten, im guten wie im schlechten Sinn. Es gibt Netz-Mutige, die sich für andere einsetzen und es unter normalen Umständen niemals machen würden.

Gleichzeitig gibt es jugendliche Cybermobber, die nur online böse und gemein sind und im realen Alltag nicht. Das sind Test-Mobber, die nach dem Motto handeln: Wie böse und gemein kann ich wirklich sein, wie komme ich damit an, oder wie schnell komme ich damit zum Ziel? Gerade hier können eben auch Lernprozesse einsetzen.

Wir werden uns deshalb in Zukunft stärker mit der Frage auseinandersetzen müssen: Wo tritt das boshafte, gewalttätige Verhalten zum ersten Mal auf? Das heißt, in welchem Umfeld lernen wir, aggressiv, böse und gemein zu sein?

Es ist nicht immer klar, von wo aus man den ersten Schritt macht. Wir haben es eben nicht mit einem Einbahnstraßen-System zu tun, sondern mit einem Mechanismus wechselseitiger Rückkopplungsprozesse. Bei Shitstorms und auch bei Cybermobbing kennen wir bereits solche Fälle auch in Deutschland, die im Netz anfingen und mit realer Gewalt auf der Straße endeten.

Eines scheint sich somit mehr und mehr zu bestätigen: Wir lernen heute immer häufiger im Netz - eben von den Menschen, den Peers, die wir online treffen, und den digitalen Gruppen, deren Teil wir sind.

Heute kann der Weg in die kriminelle Laufbahn also auch

über das Internet beginnen - manchmal sogar in ganz kleinen

Schritten. Dessen sollten wir uns bewusst werden!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert."

2016-03-14-1457975664-5434148-cyberpsychologie9783423260923.jpg

Catarina Katzer: Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert.

© 2016 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: