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21/01/2016 04:48 CET | Aktualisiert 21/01/2017 06:12 CET

An die Dschungelcamp-Hasser

Foto: RTL / Stefan Menne

Seit Freitag ist der TV-Klassiker "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" im Programm zurück. Ebenso lange - vielleicht auch länger - sind sie auch wieder da: Die Diskussionen, wie man so was nur schauen kann. Und wieso berichten Medien darüber? Auch beliebt: "ICH würde das NIE schauen!"

Liebe Dschungelcamp-Hasser,

ich dachte ja, die Debatte über "Ich bin ein Star" wäre schon längst ausführlichst geführt worden. Schließlich flimmerte die erste Sendung bereits 2004 über die Schirme. Neun Staffeln sollten doch reichen, um alle nur vorstellbaren Argumente auszutauschen, so dass jetzt zum Jubiläum jeder das schauen kann, was er möchte. Aber nichts da - auch die Diskussionen gehen in die zehnte Runde.

Es ist ja schließlich Voyeurismus, sagt ihr.

Darüber muss man nicht diskutieren. Das haben genug Forschungsarbeiten für uns getan. Zudem verstehe ich das Interesse an anderen Menschen. Biografien lesen oder Reportagen verfolgen - da sind doch gerade die Menschen das Faszinierende. Wollen wir nicht wissen, wie andere Menschen denken oder handeln? Ihre Motivation verstehen? Ich schon.

Ihr meint, es sei menschenunwürdig.

Wirklich? Diese Menschen im australischen Busch sind nicht das erste Mal Teil einer Show. Sie kennen den Medienrummel teils länger, als ich überhaupt lebe. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, dann hatten sie neun Staffeln, die sie zur Vorbereitung schauen konnten. Und trotzdem haben diese "Stars" ihre Verträge freiwillig unterschrieben. Jetzt machen sie ihren Job:

  • Der besteht aus Camping unter freiem Himmel (manche nennen das Urlaub).
  • Sie bekommen immer Reis und Bohnen (in vielen Regionen der Welt Hauptnahrungsmittel).
  • Für mehr Essen müssen die Kandidaten Dschungelprüfungen machen. Kurz: Sie "jagen". Das ist nicht immer schön und selten sauber. Das kann auch Angst machen. Zusätzlich gibt es Insekten und rohes Fleisch (in manchen Kulturen Delikatessen).
  • Und währenddessen werden die "Stars" vermutlich rund um die Uhr von Ärzten beobachtet. Wie viele können das von sich behaupten?

Bedient das Dschungelcamp auch unsere niederen Instinkte, Menschen leiden zu sehen?

Vielleicht. Ja, vielleicht schauen manche das nach einem harten Tag in der Arbeit genau deshalb an. Doch ist das verwerflicher als sich über andere zu echauffieren und die Zuschauer vielleicht sogar als ungebildet abzutun, wenn man Reality-TV als "Hartz-IV-TV" oder "Unterschichtenfernsehen" bezeichnet?

Es gibt sicher noch viele weitere Gründe, warum ihr aktuell abends kein RTL schaut, liebe Dschungelcamp-Hasser. Vermutlich schaut ihr sowieso kein Fernsehen und wenn, dann nur öffentlich-rechtliche Sender. Einige von euch geben das - wie so viele andere - auch in Umfragen an. Doch sind wir ehrlich: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Befragte durchaus gesellschaftlich erwünschte Antworten geben.

Auch egal! Letztlich haben wir alle in Deutschland die Freiheit, das zu schauen, was wir wollen, - oder eben nicht. Rund 40 Prozent der Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren schalten derzeit abends "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ein.

Ihr natürlich nicht. Trotzdem wisst ihr Bescheid, weil die anderen Medien darüber berichten - und ihr es dann lest. Um euch zu ägern - zum Beispiel über die Medien im Allgemeinen. Und um ganz einfach mitreden zu können. Der Dschungel ist ein Phänomen, dem ihr euch auch nicht alle entziehen könnt.

Mein Vorschlag für Dschungelcamp-Hasser

Wie wäre es, wenn ihr mal selbst reinschaut (so machen es Wissenschaftler auch), anstatt immer nur alles aus zweiter Hand zu erfahren? Aber dann müsstet ihr vielleicht eure Meinung ändern.

Also lehnt euch doch einfach zurück, lest ein gutes Buch oder trefft euch mit Freunden. Die Gesellschaft wird wegen knapp zwei Wochen Dschungelcamp nicht untergehen. Sie überlebt ja auch Scripted Reality im Tagesprogramm verschiedener Sender. Und der letzte Action-Blockbuster neulich im Kino war ja auch kein Bildungsfernsehen. Und das ist gut so!

Jene, die jetzt erst bemerken, dass das Dschungelcamp "schon wieder?" läuft, denen will ich sagen: Ihr macht vermutlich alles richtig.

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