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12/12/2015 05:23 CET | Aktualisiert 12/12/2016 06:12 CET

Wechselmodell per Gerichtsbeschluss - Ein Paradoxon

Sally Anscombe via Getty Images

Das Pferd von hinten aufzäumen ist ein sehr schönes geflügeltes Wort.

Damit kann man elegant ausdrücken, dass an eine Sache völlig falsch herangegangen wird und die Erfolgsprognosen daher mau sind.

Auf Biegen und Brechen fordern manche Verbände, das Wechselmodell als Standardbetreuung der Kinder im Trennungsfall einzuführen und nähern sich damit dem Pferd recht ungeschickt von hinten.

Ich finde, es lohnt sich, im Vorfeld ein paar wichtige Fragen zu stellen, damit das „Pferd" nicht ausschlägt.

Welche Aufteilung hatten die Eltern VOR der Trennung?

War der Mann der Hauptverdiener während die Frau der Familie zuliebe auf ihre Karriere verzichtete und deswegen mit einem Teilzeitjob vorliebnahm?

Wenn sich beide in guten Zeiten für dieses Modell entschieden haben, warum soll es dann in schlechten Zeit auf einmal falsch für die Kinder sein?

Auch den Preis für die Schmalspurkariere der Frau müssen beide bezahlen.

Nach der Trennung die lange Nase zu drehen und auf Kindergartenniveau zu rufen „Ällerbätsch! Selber schuld, dass du dein Medizinstudium an den Nagel gehängt und dafür unsere zwei Kinder groß gezogen und meine alte Mutter gepflegt hast. Hättest du mal vorher drüber nachdenken sollen!", ist ein Armutszeugnis für denjenigen, dem der Rücken freigehalten und das volle Portmonee ermöglicht wurde.

Will wirklich die Mehrzahl der Männer das Wechselmodell?

Ganz ehrlich, das kann ich mir nicht vorstellen!

Die Männer, die ich kenne, bestätigen die offiziellen Statistiken. Die allermeisten sind die Hauptverdiener der Familie. Das Schöne ist, und darin unterscheiden sie sich von den Vätern früherer Generationen, nach Feierabend nehmen sie aktiver und mit wachsender Begeisterung am Familienleben teil.

Am Montagmorgen jedoch, nach einem Familienwochenende, welches in der Regel nicht der Rama-Werbung entsprungen ist, sondern Trotzanfälle und Geschwisterreibereien auch für Anstrengung gesorgt haben, danken sie allesamt Gott auf Knien, dass sie wieder in die Arbeit gehen und der Frau die zwei Kleinkinder überlassen dürfen.

Die Vorstellung, wochenweise die Kinderbetreuung zu übernehmen löst bei ihnen Schnappatmung aus.

Werden nicht auch die Arbeitgeber bei einer drohenden Flut an Teilzeit-Männern nervös?

Ganz abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Männer ganz bestimmt nicht in Teilzeit arbeiten möchte, schreien auch die Arbeitgeber nicht annähernd so laut Hurra, wie manche Verbände nach dem Wechselmodell rufen.

Das liegt möglicherweise daran, dass auf dem Arbeitsmarkt noch nicht einmal ansatzweise die Bedingungen dafür geschaffen sind, dass eine Vielzahl der Männer in Teilzeit arbeiten könnte.

Wie soll das auch gehen, wenn Frauen genau aus diesem Grunde bisher die mittlere und höhere Führungsebene verwehrt blieb. Denn angeblich sind diese Positionen nicht mit einer zweidrittel Stelle vereinbar.

Sind die gut bezahlten Jobs nun in Teilzeit zu bewältigen, oder nicht?

Wenn ja - wovon ich übrigens ausgehe - sollten erstmal im Zuge der angestrebten Gleichberechtigung die Frauen in den Genuss kommen, trotz Familie einem interessanten Job nachgehen zu können, als im Niedriglohnbereich rumzukrebsen.

„Halt!", ruft jetzt vielleicht der ein oder andere Vorreiter des Wechselmodells. „Von einer Teilzeitstelle war gar nicht die Rede! Ich hab doch meine Mutter!"

Verbringen Kinder im Wechselmodell tatsächlich mehr Zeit mit dem Vater?

Wenn die Kinder nachmittags bei der Oma geparkt werden, ist DAS Argument für die Einführung des Wechselmodells ad absurdum geführt.

Oder geht es etwa gar nicht darum, dass es für die Kinder so wichtig wäre, die Hälfte der Zeit beim Vater zu verbringen, sondern vielmehr darum, der Ex-Frau eins auszuwischen?

Das ist zumindest laut Brigitte Schwoerer, Richterin in Paris, ein Motivationsgrund für das Wechselmodell: „Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass wir feststellen mussten, dass die Forderungen eines Vaters nach einer abwechselnden Unterbringung, oder auch nach der alleinigen Unterbringung des Kindes, bei ihm, dem Vater, was es ja auch gibt, aus dem Wunsch heraus geboren wurde, die Ehefrau oder die Partnerin weiterhin in gewisser Weise terrorisieren zu können. Die Angst, mit der früher geherrscht wurde, wird also kultiviert.

Nach dem Motto: Ich werde das Kind schon kriegen. Du nicht! Du wolltest unser gemeinsames Leben ja beenden. Das hast du dir selbst eingebrockt."

Fühlen sich Kinder im Wechselmodell wohler als im herkömmlichen Residenzmodell?

Und damit lande ich wieder einmal bei dem berühmten gesunden Menschenverstand, der scheinbar leicht verloren geht, wenn Unterhalt bezahlt werden soll.

Wie kann man Kindern allen Ernstes zumuten wollen, dass sie alle paar Tage ihre Koffer packen und das „Zuhause" wechseln müssen? Welcher Erwachsene würde das wollen?

Richtig. Niemand. Deshalb ist das Nestmodell auch nicht en vogue, denn dann wären es die Erwachsenen, die ständig umziehen müssten.

Dr. Lothar Unzner schreibt dazu: „Kinder brauchen die Lebensform, die sozial, zeitlich und örtlich möglichst große Stabilität gewährleistet. Je jünger das Kind ist, desto stressvoller erlebt es wiederholte Trennungen und Wechsel der Betreuungspersonen; es braucht ein eindeutiges Zuhause." (1)

Gott sei Dank ist der gesunde Menschenverstand aber nur vereinzelt abhandengekommen.

Sehr beruhigt zitiere ich daher Ulrich Witzlinger, Familienrichter am Amtsgericht Waiblingen, aus einem Artikel der Stuttgarter Nachrichten (2):

„Das Modell funktioniert auch dann nicht, wenn es ein Elternteil als Mittel zum Zweck benutzt: um sich Zugang zum Ex-Partner zu verschaffen, der ihm ansonsten verwehrt wäre, um den anderen zu disziplinieren oder gar um Unterhaltszahlungen zu vermeiden.

Das Wechselmodell setzt großes gegenseitiges Vertrauen voraus. Das kann ich als Richter nicht erzwingen."

Er warnt aber auch davor, dass den Kindern im Wechselmodell viel abverlangt wird: ‚Sie müssen an zwei Stellen Wurzeln bilden und später von zwei Startplätzen abheben. Und wenn sich ein Kind nicht traut, zu sagen, dass es gern einen Schwerpunkt hätte, zieht es eventuell früher als gut aus.'"

FAZIT

Es ist gut möglich, dass das Wechselmodell im Trennungsfall durchaus eine ideale Lebensform sein kann. Nämlich dann, wenn sich Vater, Mutter UND Kinder darin einig sind.

Ist dies aber nicht der Fall, dann ist es gut zu wissen, dass an entscheidenden Stellen trotz der vehementen Forderungen einzelner Verbände nach einem "Wechselmodell per Gerichtsbeschluss" das Paradoxon erkannt bleibt.

(Auch auf Huffington Post)

So reagieren Väter, als sie sehen, wie ihre Töchter auf der Straße belästigt werden

Quellen:

(1) Dr. Lothar Unzner, Erding: Bindungstheorie und Wechselmodell, FPR 2006, S.275

(2) Stuttgarter Nachrichten, 13.10.15; „Eine Woche Mama - eine Woche Papa!" - Ein neuer Weg zum Wohle des Kindes nach einer Trennung?

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