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05/03/2016 11:44 CET | Aktualisiert 06/03/2017 06:12 CET

Doppelmord an den eigenen Kindern: Warum steht „nur" der Vater vor Gericht?

Carola Fuchs

Hand aufs Herz! Würden Sie in ein Flugzeug steigen, dessen diensthabender Pilot geäußert hat, er würde sich oder anderen etwas antun wollen?

Wohl kaum. Und seit dem Absturz der Germanwings-Maschine drehen Sie vielleicht sogar schon um, wenn der Pilot seltsam guckt.

"Auch Gewalttäter können gute Väter sein"

Warum um alles in der Welt, so frage ich mich nun, bekommt ein Vater unbegleiteten Umgang mit seinen Kindern zugesprochen, obwohl die Mutter ins Frauenhaus flüchten musste und er ihr androhte: „Wenn du mit den Kindern gehst, dann gibt es dich nicht mehr und die Kinder kommen ins Heim"?

Der Grund ist ganz einfach. Die zuständigen Richter und SachbearbeiterInnen vom Jugendamt fanden, dass die Behauptungen der Mutter nicht bewiesen werden könnten und daher flossen weder die Gewalthandlungen an der Mutter noch die Drohungen in das Urteil zur Umgangsregelung ein.

Keine Ahnung

Da stellt sich mir die nächste Frage: Würde ich mich von einem Maschinenbauingenieur am Blinddarm operieren lassen?

Natürlich nicht! Er hat davon keine Ahnung.

Aber Juristen und Sozialpädagogen müssen darüber entscheiden, ob ein Vater für seine Kinder und seine Frau eine Gefahr darstellen könnte, oder nicht. Dabei haben diese Berufsgruppen von Psychologie genauso wenig Ahnung, wie der Ingenieur von der Medizin. Nämlich Null. Sie gehen von der psychischen Gesundheit aller Beteiligten aus, weil sie nichts oder viel zu wenig von Persönlichkeitsstörungen und seelischen Erkrankungen wissen.

Hätte Germanwings den Kantinenchef damit beauftragt, die psychologische Eignung der Piloten zu beurteilen, wäre ein Aufschrei durch die Nation, ja durch die ganze Welt gegangen. Köpfe wären gerollt und Germanwings, sowie die Lufthansa wären Vergangenheit.

Warum?!

Aber diese bestialische Tat des Vaters, der im September 2015 bei Dresden seine beiden Kinder gegen den Baum gefahren und getötet hat, ist nicht mal eine Titelschlagzeile der großen Zeitungen wert. Noch schlimmer: In den kleinen Artikeln wird von „Erweitertem Suizid" gesprochen. Dieser Euphemismus für das Schrecklichste, was man tun kann, ist ein Skandal.

Auch seit vorgestern, den 29. Februar 2016, als die Verhandlung gegen den Vater begonnen hat, steht „nur" der Vater vor Gericht.

• Warum müssen sich diejenigen nicht verantworten, die den unbegleiteten Umgang angeordnet haben?

• Warum schließen sich Richter und Jugendamtsmitarbeiter nicht zusammen und fordern fachliche Unterstützung in solch schwierigen Fällen, anstatt Menschenleben durch Unkenntnis zu gefährden?

• Warum fordern die Medien nicht vehement, dass die schwierigen Fälle vor dem Familiengericht von Psychiatern mit mehrjähriger Berufserfahrung unter die Lupe genommen werden?

• Warum erklären die Ministerien Justiz und Familie die Vermeidung solcher Tragödien nicht umgehend zur Chefsache?

Weil zwei Kinder eben nur 1,33 Prozent von 150 Menschen sind?

Aber man kann doch nicht alle Väter wie potentielle Kindsmörder behandeln und ihnen eine derartige Untersuchung zumuten, könnte der ein oder andere im ersten Moment denken. Doch schon im zweiten Moment wird jedem klar, dass das eine mit dem anderen nichts zu hat. Die Piloten behaupten ja auch nicht, dass man sie zu potentiellen Massenmördern degradiert, nur weil sie zu regelmäßigen Untersuchungen über ihre psychologische Eignung zum Dienst verpflichtet sind.

Es ginge auch nicht um eine pauschale Psycho-Eignungsprüfung aller Eltern, sondern nur in den wenigen Fällen, in denen Gewalt im Spiel war, oder einer der beiden Eltern Sorge um die Sicherheit von sich selbst bzw. der Kinder äußert. Diese Befürchtungen müssen ernst genommen und von fachlich kompetenten Berufsgruppen überprüft werden. Dann stellt sich heraus, ob hier ein Elternteil fälschlicherweise bezichtigt wird, oder tatsächlich das Kindeswohl gefährdet ist.

Fragwürdiges Dogma

Das derzeitig beim Familiengericht herrschende Dogma „Ein Kind braucht seinen Vater, und zwar um jeden Preis" wurde den beiden Kindern aus Dresden zum tragischen Verhängnis. Es zeigt wie falsch jene Damen und Herren liegen, die im Brustton der Überzeugung Sätze wie: „Auch Gewalttäter können gute Väter sein" von sich geben.

Traurige Erkenntnis

Somit liegt die traurige Erkenntnis aus dieser Tragödie auf der Hand: Die derzeitige Rechtspraxis zwingt Frauen dazu, in Gewaltbeziehungen zu verharren, weil sie sonst sich selbst und ihre Kinder in Gefahr bringen.

Carola Fuchs

PS: Meine Erfahrungen mit einem Rechtssystem, welches Morddrohungen und sonstige Drohungen als Lappalie hinstellt, sind in meinem Buch „Mama zwischen Sorge und Recht" nachzulesen.

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