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27/05/2014 03:43 CEST | Aktualisiert 27/07/2014 07:12 CEST

Die Wahrheit über Vorher/Nachher-Bilder

Candice Russell

Ich bin das Mädchen auf der Plakatwand, die unglaubliche Verwandlung auf dem Cover von Frauenzeitschriften, das Vorher/Nachher in der Werbung für Diätpillen, mit einem Sternchen neben meinem Arm, wo im Kleingedruckten „Individuelle Ergebnisse können abweichen" steht. Zu Bildern wie meinen gehört eine Schul-Version von mir, die all ihr Taschengeld für Slimfast ausgab, denn wenn die Frau in der Werbeanzeige es geschafft hatte, konnte ich es doch auch schaffen... oder nicht? Und ich wusste damals, dass alles in meinem Leben einfacher, besser und geradezu perfekt sein würde ... wenn, ja, wenn ich einfach nur nicht mehr fett wäre.

Ich war mir dessen sicher, denn das war, was ich zu hören bekam - nicht von meinem Arzt (denn der war alt und wer musste schon auf ihn hören?), sondern von den wichtigsten Stimmen, die meine Teenager-Ohren zu hören bekamen. Ich war mir sicher, weil Courtney Cox es schaffte, von einem einsamen Mädchen ohne Dates, unter dem Schaukeln zusammenbrachen und mit dem niemand zum Abschlussball gehen wollte, zu einer anmutigen und sexy Männerfresserin in Friends zu werden, die bauchfrei herumlief.

Ich war mir sicher, da Sarah Rue eine meiner Lieblingsschauspielerinnen war, aber erst auf einem Cover landete, nachdem sie fünf Kleidergrößen abgenommen hatte. Ich war mir sicher, da alle meine romantischen Schnulzenromane mir erzählten, dass, obwohl er bemerkt, wie schlau du bist, obwohl er über deine Witze lacht und obwohl er dir vielleicht sagt, wie hübsch dein Gesicht ist, er erst zugeben wird, dass er dich will, wenn du deinen fetten Hintern losgeworden bist. Es ist egal, ob man das Aschenputtel-Märchen über Gewichtsabnahme im Kino oder im Fernsehen, auf dem Titelblatt einer Zeitschrift oder in den Seiten eines Romans sieht, es ist immer dasselbe: Werde dein Fett los - und "hokus-pokus-fiddibus" - wird dein Leben sofort einfach märchenhaft.

Als jemand, der für die letzten drei Jahre als ein solches „Nachher" gelebt hat, kann ich euch versichern, dass dieses Märchen nicht wahr ist. Es wurde nicht plötzlich alles perfekt, nur weil ich 90 kg abgenommen hatte. Ja, ich bin gesünder und glücklicher als vor meiner Abnahme, aber wenn ihr glaubt, dass mein Leben auch nur im Entferntesten dem ähnelt, was ihr im Fernsehen seht, dann habt ihr euch gründlich getäuscht. Wie sieht das Leben als „Nachher" also genau aus? Was ist es, das man auf den glänzenden Werbefotos von The Biggest Loser oder auf den Werbeplakaten für Magenbandoperationen nicht erfährt? Wie sieht die Realität einer Gewichtsabnahme von über 80 kg aus? Sie sieht so aus:

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Ihr könnt also sehen, dass es eine Kunst ist, mit dem Körper zu leben, den man nach einer solchen Gewichtsabnahme hat. Ich beginne jeden Morgen damit, dass ich meinen Körper gründlich nach neuen Wunden oder Ausschlägen absuche - Nebenwirkungen der über 10 kg überflüssiger Haut, die an meinem Körper herunterhängt wie bei einem Shar Pei. Diese Haut ist mit Narben überzogen und wie eine Straßenkarte - weiße und verblichene Dehnungsstreifen von meinen Gewichtsschwankungen über die Jahre, überlagert von den aggressiv-roten Krusten meiner neuesten Infektion.

Es ist egal, wie oft ich wegen dieser Haut in medizinischer Behandlung bin, meine Krankenkasse weigert sich für ihre chirurgische Entfernung zu zahlen und nennt diesen Eingriff „kosmetischer Natur". Ich teile die Hautfalten dort, wo einst mein Nabel war, bevor er unter dem Gewicht der überflüssigen Haut wortwörtlich eingestürzt ist, und reinige sie mit antibakteriellen Feuchttüchern. Ich stelle sicher, dass ich genug dabeihabe, um durch den Tag zu kommen, da ich diesen Vorgang noch mindestens einmal vor dem Schlafengehen wiederholen muss. Ich verwende nicht weniger als fünf verschiedene Salben, Talkumpuder und Lotionen, die gegen trockene Haut und bei der Reduzierung meiner Narben und der Heilung meiner Druckgeschwüre helfen sollen. Manchmal habe ich Glück und ich habe keine, aber das ist wirklich selten.

Nach dieser anfänglichen Überprüfung und Reinigung meiner Narben beginne ich den Vorgang des Faltens, Stopfens und Bindens meines Körpers, bis er so fest und aufrecht wie möglich aussieht. Ich ziehe Kleider an, die ich sorgfältig ausgesucht habe und von denen 150 kg-Candice nicht zu träumen gewagt hätte. Als ich dick war, war dies der Teil des Märchens, von dem ich am meisten träumte. Jahrelang war ich auf zwei oder drei Läden beschränkt, die auf Übergrößen spezialisiert sind und nicht gerade die neueste Mode anbieten. Die Sache ist die: Obwohl mir jetzt jeder Laden offensteht, ist es auf gewisse Weise schwieriger, für meinen Körper passende Kleider zu finden als vorher.

In einer Zeit, in der extrem tiefsitzende Hüftjeans in sind, ist es sinnlos nach Jeans zu suchen, die an meinen Beinen passen und gleichzeitig bis über meine leere, hängende Haut am Bauch reichen. Shirts mit kürzeren Armen muss ich ein, zwei Nummern größer kaufen, damit meine hängenden Winke-Arme hineinpassen, die nicht verschwinden, egal wie viel Armmuskeltraining ich mache. Dadurch hängt der Rest meiner Kleidung sackartig an meinem jetzt schlanken Körper herab. Alle Hoffnungen, die ich hatte, mich im Sommer endlich wohl zu fühlen, wurden zerstört, als ich zum ersten Mal kurze Hosen anprobierte, die lang genug waren, um die Falten überschüssiger Haut zu verdecken, die sich an meinen Oberschenkeln bilden. Und glaubt mir, wenn ich sage, dass es nichts Frustrierenderes gibt, als zu versuchen, einen Badeanzug zu finden, der weder ein Monsterteil aus der Oma-Abteilung ist, noch von winzigen Schnüren zusammengehalten wird.

Sogar die Unterwäsche, die ich zur Unterstützung und ja, auch aus Eitelkeit trage, hört in Größe 34 auf. Niemand mit meinem Körper braucht Spanx, oder? Als Frau werden die Säume höher, der Stoff dünner und die Hosen enger, je kleiner die Kleidergröße ist, die man braucht. Aber nichts davon hilft, wenn man kiloweise überflüssige Haut zu verstecken hat. Auch wenn ich niemals in einer Million Jahre so tun würde, als wenn ich es noch so schwer hätte, wie damals, als ich noch übergewichtig war, muss ich sagen, dass Shoppen nicht zu der Freude geworden ist, die ich erwartet hatte. Es ist alles nur eine Fassade, und ich behelfe mir mit Taschenspielertricks, in denen ich in den letzten drei Jahren zu einer Meisterin geworden bin.

Aber auch mit diesen Tricks kommt man nur bis zu einem bestimmten Punkt. Als ledige Frau Anfang 30 musste ich die schmerzhafte Erfahrung machen, dass viele Märchenprinzen das Weite suchen, wenn sie erkennen, dass mein perfekt verpackter Körper gar nicht so perfekt ist. Und so geht es bei meinen Dates weniger um die persönliche Verbindung als viel mehr um das Spiel auf Zeit.

Auf wie viele Dates kann man gehen, bevor man eingestehen muss, dass man früher dick war? Wie lange, bevor er merkt, dass sich dein Körper auch durch die Klamotten nicht ganz richtig anfühlt? Wie lange kann ich es hinauszögern, dass er mich nackt sieht?

Man kann sich mit diesem Geheimnis nie ganz wohl fühlen, es ist wie die Zeitbombe, die jederzeit alles zerstören kann. Wo ich mich selbstbewusst und sexy fühlen könnte, nestele ich jetzt verlegen an meinen Klamotten und bin überkonzentriert darauf, meinen Körper zu verstecken, so dass ich den Moment gar nicht richtig genießen kann. Natürlich sagen einem manche Männer, dass es nicht wichtig ist. Sie sagen, dass sie mich mögen wie ich bin, dass ich schön bin, unabhängig davon, was unter meiner Kleidung ist.

Aber das hält mich nicht davon ab, auch nur das kleinste Zögern in ihrer Berührung oder den leisesten Zweifel in ihrem Gesicht zu bemerken. Und wenn eine Beziehung auseinandergeht, wie es bei so vielen der Fall ist, fragt man sich: „Was wäre wenn?". Was, wenn ich einen normalen Körper hätte? Was, wenn ich die Frau gewesen wäre, mit der er basierend auf seinen vorherigen Erfahrungen gerechnet hatte? Vielleicht hat er nicht mehr angerufen, weil er nicht mochte, dass ich die ganze Zeit über Politik geredet habe oder vielleicht weil er nicht mochte, dass ich wie ein Bierkutscher fluche. Vielleicht stimmte die Chemie einfach nicht. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf weiß ich - oder glaube zu wissen -, dass es nichts von alledem war.

Das Leben als ein „Nachher" ist nicht perfekt. Man findet nicht plötzlich seinen Traummann, bekommt nicht die Beförderung und ist nicht plötzlich beliebter, nur weil man dünn ist. Wenn ihr nach einem Ende á la „... und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage" sucht, werdet ihr es nicht finden, egal wie viel ihr abnehmt. Und wenn ihr nur auf die Ästhetik bedachtseid, werdet ihr nie am Ende eurer Reise anlangen. Wieso? Weil ihr nicht plötzlich ein Selbstbewusstsein entwickelt, nur weil ihr 10 Hosengrößen weniger habt oder S tragen könnt.

Es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich lerne, mit dieser Tatsache umzugehen. Ich lerne, mich nicht für die körperlichen Manifestationen meiner harten Arbeit zu schämen. Ich lerne, darauf zu vertrauen, dass irgendwo da draußen jemand ist, der mich liebt, egal ob ich es mir jemals werde leisten können, für die Wiederherstellungsoperation zu bezahlen, die ich so dringend benötige.

Ich behaupte nicht, dass mir das zu jeder Zeit perfekt gelingt oder dass ich nicht manchmal vor dem Spiegel stehe und mich frage, wieso ich mich jeden Tag so für Ergebnisse abmühe, die ich niemals vollständig sehen werde. Aber dann steige ich eine Treppe hoch, ohne stehenbleiben zu müssen, um nach Luft zu schnappen oder ich binde meine Schuhe selber, weil ich an meine Füße komme. Und dann erinnere ich mich daran, was die Motivation hinter meiner Gewichtsabnahme war. Es ging nicht um einen Mann oder eine Gehaltserhöhung oder um ein gesellschaftliches Schönheitsideal, sondern um meine Gesundheit.

Das ist das Problem unserer Besessenheit mit den „Vorher/Nachhers". Sie helfen, das Märchen zu verkaufen, in dem alles mit ein bisschen Magie perfekt gemacht werden kann - solange das Kleid nur gut sitzt. Es geht dabei nur darum, was die Menschen sehen und nicht darum, was wirklich zählt. Sie erzählen nicht die Wahrheit: Dass egal, was die Monica Gellars und alle Schnulzenautorinnen der Welt uns zu verklickern versuchen, unser Selbstwertgefühl nicht von der Nadel der Waage oder der Größenangabe im Cocktailkleid abhängt.

Ihr seid immer noch die gleiche Person wie vorher, nur in einer etwas anderen Verpackung. Und wenn ihr nicht lernt, die Person zu lieben, die ihr „Vorher" wart, wird niemand euch als „Nachher" akzeptieren - nicht einmal ihr selbst.

Candice Russell ist eine Aktivistin und Freiberuflerin, die in Seattle lebt. Mehr über sie, finden Sie auf ihrem Blog www.dear-internet.com


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