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13/06/2015 06:53 CEST | Aktualisiert 13/06/2016 07:12 CEST

Marktgerecht studieren: Das kann auch daneben gehen

Die Entscheidung für ein Studium ausschließlich an Vernunftfragen auszurichten ist so eine Sache. Meist bedeutet das entweder in Richtung Mangelberufe zu marschieren oder sich auf ein vermeintliches „Universalfach" wie BWL zu stürzen. Damit kann man ja schließlich alles machen. Toll!

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Die Entscheidung für ein Studium ausschließlich an Vernunftfragen auszurichten ist so eine Sache. Meist bedeutet das entweder in Richtung Mangelberufe zu marschieren (Stichwort MINT) oder sich im Zweifelsfall auf ein vermeintliches „Universalfach" wie BWL und Co. zu stürzen. Damit kann man ja schließlich alles machen. Viele Möglichkeiten = kann nicht schief gehen. Toll!

Studienentscheidungen die so getroffen werden basieren oft auf Arbeitsmarkchancen (Finde ich einen sicheren Job?), Karriereerwartungen (Kann ich aufsteigen?) und finanziellen Erwägungen (Wo verdiene ich möglichst viel?). Klingt vernünftig. Keine Frage.

Das Problem: Viele vergessen in der Gleichung zu berücksichtigen, dass sich Arbeitsmarktbedingungen schnell verändern können und ortsabhängig grundverschieden ausfallen und zweitens, dass die persönlichen Chancen aus dem kraft-, zeit- und geldaufwändigen Studium auch den gewünschten „Profit" zu ziehen mit dem passenden Einsatzfeld stehen und fallen. Ingenieur ist eben nicht Ingenieur und BWLer schon gar nicht gleich BWLer.

Soweit zu den Ausgangsfragen der vermeintlich vernünftigen Studienentscheidung. Und vom Befriedigungspotential des Jobs haben wir dabei noch nicht mal gesprochen.

Bevor wir uns einige typische Fallstricke ansehen: Nein, ich bin kein Verfechter von weltfremden Selbstverwirklichungspredigten. Realitätssinn ist eine super Sache, die so manchen Fehlgriff verhindern kann. Nur, wie realistisch und vernünftig kann eine Entscheidung sein, bei der 2/3 der Fragen nicht gestellt werden?

Fallstrick 1: MINT - Wann greift der Schweinezyklus?

Kaum vorstellbar, aber es gab mal Zeiten, da konnte man mit arbeitslosen Ingenieuren die Straßen pflastern. Von Mangelberuf keine Spur. Ergebnis: Kaum jemand wollte mehr Ingenieur werden.

In den letzten Jahren hat sich das Bild umgedreht. Die Wirtschaft rief nach qualifizierten Technikexperten. Nach einigen Jahren reagierten Politik und Hochschullandschaft mit neuen Studiengängen. Die Presse folgte brav und schwärmte von den glänzenden Zukunftsaussichten für Ingenieure. Sicherheitsorientierte Schulabgänger sehen solide Perspektiven, die Studentenzahlen steigen. Soweit so gut.

Wo ist das Problem? Stellen wir uns den ganzen Prozess einmal als behäbigen Zug vor. Schleichende Beschleunigung quälend lange Bremszeiten. Zwischen dem Abfahrtssignal der Wirtschaft (Alarm! Uns geht das Personal aus!) und dem Zeitpunkt an dem Maßnahmen richtig greifen - Maximalgeschwindigkeit (neue Studiengänge, steigende Studentenzahlen) vergehen schnell Jahre. Abiturienten, die frühzeitig auf den Zug aufspringen, haben das Glück die Hochschulen zu einem Zeitpunkt zu verlassen, an dem der Mangel in der Wirtschaft noch sehr drängt und wenige Konkurrenz unter den Absolventen herrscht.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem „theoretisch" ausreichende Studentenzahlen die Hochschulen verlassen. Hier ist schon das Verhältnis aus Absolventen und Arbeitsplätzendeutlich ungünstiger als zu Anfang. Im Normalfall müsste man annehmen, dass jemand „Halt!" ruft, bevor es zu einem Überangebot kommt. Nur: Das passiert nicht. Zumindest nicht so schnell.

Warum?

  • Weil Überangebote für die Arbeitgeberseite oft komfortabel sind. Man kann sich die „perfekten" Arbeitnehmer aussuchen und ggf. die Vergütung im Rahmen halten. Kein Grund sich zu beklagen also.
  • Hochschulen investieren erheblich in die Entwicklung und Vermarktung ihrer Studiengänge. Das soll sich lohnen. Und welcher Professor stampft schon nach 4 oder 5 Jahren seinen Studiengang - sein Baby - freiwillig wieder ein?

Bis sich verschlechterte Berufschancen wieder bis zu den Abiturienten herumgesprochen haben vergehen so wieder einige Jahre in denen munter neue Absolventen „produziert" werden, die sich von Jahrgang zu Jahrgang schwerer tun vernünftige Jobs mit brauchbaren Perspektiven zu ergattern.

Fallstrick 2: BWL - Aus der Masse ragen!

Nichts gegen die Wirtschaftswissenschaften. Ehrlich! Wir brauchen qualifizierte Wirtschaftsexperten. Heute und morgen auch noch. Nur habe ich den Eindruck, dass gerade BWL für viele Ratlose, die auf Nummer Sicher gehen wollen, nach wie vor den Rang einer Universalwaffe hat. Hauptsache studiert, mit BWL kann man dann ja alles machen.

Wenn es jemals so gewesen sein sollte, dann sind diese Zeiten schon lange vorbei.

Wer sich auf tendenziell unbeliebte Schwerpunkte wie Steuern stürzt, der dürfte noch einen nicht unerheblichen Marktvorteil haben. Dumm nur, dass gerade die Ratlosen eine Vorliebe für Personal und Marketing haben. Bedeutet: Viel Konkurrenz!

Wer unter Konkurrenzdruck erfolgreich sein will braucht hervorstechende Qualitäten. Voraussetzungen, die wir bei den Leuten finden, die sich aus echter Überzeugung für ihr Fach entschieden haben. Und eher selten bei denen, die einfach keine bessere Idee hatten.

Fallstrick 3: Anspruch vs. Wirklichkeit

Die Politik hat viel dafür getan das Studium als erstrebenswerte Zukunftsperspektive für alle in die Köpfe zu pflanzen. Wer studiert hat macht eine kometenhafte Karriere, hat immer einen spannenden und abwechslungsreichen Job, verdient grundsätzlich mehr und hat den 100% sicheren Arbeitsplatz. Also alles viel besser als, wie Papa, Leitungen zu verlegen, wie Opa am Fließband zu stehen oder wie Mutti als Bürokraft am Schreibtisch zu sitzen. Jetzt wird alles easy! Nur: So pauschal funktioniert das nicht!

Statistisch mag das zwar irgendwie hinhauen mit den globalen Vorteilen eines Studiums, aber damit noch lange nicht im Einzelfall. Viele realisieren zu Anfang des Studiums nicht, dass zwischen einem Studium und der späteren Berufstätigkeit keine 1:1 Verbindung besteht. In keiner Hinsicht.

Wie zu Anfang: Ingenieur ist eben nicht Ingenieur und BWLer nicht gleich BWLer.

Fast egal was studiert wird: Am Ende steht immer ein weites Feld an Perspektiven - von sachbearbeiterischen Routinejobs, über kreative Spezialistentätigkeiten oder kommunikativ-aussenorientierte Aufgaben bis zum Top-Management. Da ist alles drin, auch vergütungstechnisch. Aber eben nicht für jeden und vor allem nicht in Kombination mit gleichzeitig hohen Erwartungen an Sicherheit, kreativer Entfaltung und tolle Gehälter.

Aufstieg und Weiterentwicklung sind an viele Faktoren gebunden. An fachliche Expertise, Engagement, Flexibilität, Leistungswillen, Soft Skills, Wechselbereitschaft usw. (und ja, auch Glück). Einen Automatismus gibt es im Normalfall nicht.

Wer überdurchschnittlich verdienen möchte, Wert auf flexible Arbeitsinhalte legt und dann auch noch etwas zu sagen haben will, der wird seinen Sicherheitsanspruch zurückschrauben und den Kopf aus dem Fenster halten müssen.

Je dynamischer, verantwortungsvoller und besser bezahlt, umso unbequemer und risikoreicher die Beschäftigung. Ein Vertriebler der seine Zahlen nicht bringt oder ein Manager der seinen Laden nicht im Griff hat landet nun mal schneller auf der Straße als der stille und unauffällige Routinearbeiter aus Zimmer 43A. Dafür gibt's dann aber auch meist mehr Geld und Freiraum. Irgendwie logisch.

Was ist eigentlich so schlimm daran, der Routinearbeiter aus Zimmer 43A zu sein? Vielleicht einige Euro weniger, aber dafür ein Job der passt!

Ich habe in meiner Arbeit als Personaler unzählige Menschen kennengelernt, die sich mit Verweis auf Studium und Betriebszugehörigkeit Stunden über ihre ungerechte Vergütung und fehlende Aufstiegschancen beschweren konnten, aber gleichzeitig keine Voraussetzung für eine andere Entwicklung mitgebracht haben. Weder seitens der Einstellung, noch der fachlichen Qualifikation.

Parallel ist dann mehr als einmal der Industriekaufmann oder der Meister karrieretechnisch locker am Akademiker vorbeigezogen. Warum? Weil Leidenschaft drin steckt.

Oft kommt nicht an, dass ein Studium für sich keine Leistung darstellt, die ein Arbeitgeber honorieren müsste. Warum auch? Entscheidend ist, was man draus macht.

Und jetzt kommts: Es ist natürlich schwierig in einem Bereich gut zu sein, wenn keine Begeisterung aufkommt.

Da prallen Welten aufeinander. Und im Ergebnis fühlen sich viele um ihr „Recht" auf Karriere und Traumvergütung betrogen. Immerhin haben sie ja wertvolle Lebenszeit geopfert und etwas studiert, was sie nicht im Geringsten interessiert hat, nur um eine super Zukunft zu haben - und jetzt sowas! Mit - und das meine ich sehr ernst - oft dramatischen Auswirkungen auf Motivation und Lebenszufriedenheit.

Viele realisieren erst nach Jahren, dass sie auf ein völlig falsches Pferd gesetzt haben. Jetzt noch Veränderungen einzuleiten ist machbar, aber eine Herkulesaufgabe. Schade.

Zum Schluss

Berufschancen sind eng mit den Einstellungen verwoben, die dem eigenen Job entgegengebracht werden.

Studienentscheidungen die mehr auf individuelle Talente und Interessen abzielen und realistisch mögliche Berufsprofile berücksichtigen, anstatt ausschließlich auf vermeintliche Markterfordernisse und wirklichkeitsfremde Aufstiegsgarantien zu setzen, schaffen die Grundlage für dauerhafte Leistung und Chancen.

Kurz: Die Mischung machts!

Wenn es hart auf hart kommt, der Job verloren geht, sich eine große Konkurrenz bei der Stellensuche die Klinke in die Hand gibt, dann werden die einen Vorsprung haben, die im Studium und Beruf Top-Leistungen gebracht haben.

Und Top-Leistungen sind nur dann zu erwarten wenn Menschen mit Herz, Hirn und Leidenschaft einer Arbeit nachgehen. Das gilt eben nicht nur für den Managementnachwuchs, sondern auch für den Ingenieur, der als unauffälliger CAD-Konstrukteur glücklich ist oder für den BWLer, der darin aufgeht im stillen Kämmerlein Excel-Listen zu entwickeln und eine erstklassige Arbeit auf die Straße bringt. Die gibts nämlich auch! Und sie werden als akademisch qualifizierte Sachbearbeiter angesichts sinkender Ausbildungszahlen immer wichtiger werden. Soviel ist sicher.


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