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01/02/2015 06:11 CET | Aktualisiert 03/04/2015 07:12 CEST

ISIS - Der globale Dschihad: Sklaverei im Kalifat

Drei Tage ist Mariam im Badusch-Gefängnis eingesperrt, und am Abend des ersten Tages kommt der Erste. In der Nacht kommen weitere. So geht das drei Tage lang, Tag und Nacht. Mariam, so sagt das Esther, weiß nicht mehr, wie oft sie von gottesgläubigen Kämpfern vergewaltigt wurde.

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Irgendwann muss Mariam unbemerkt den Rohbau, in dem sie mit all den anderen Flüchtlingen hauste, verlassen haben. Mariam, eine gläubige Christin, wird sich zum Basar geschlichen haben und dort, so ist zu vermuten, hat sie sich das Rattengift und all das andere, was notwendig war, besorgt.

Rattengift ist beliebt unter den jungen Mädchen und Frauen, den jesidischen wie den christlichen, wenn sie tun wollen, was sie glauben tun zu müssen. Heraus aus dem Gefängnis ihres Lebens und ihrer Erinnerungen, hinein in die Freiheit des Todes.

Mariam ist diesen Weg gegangen, hat sich, das haben die Ärzte im Krankenhaus später festgestellt, einen Cocktail aus Rattengift, Insektiziden und Pestiziden gemixt, hat den geschluckt und ist nach einem stundenlangen Todeskampf unter ständigen Krämpfen und unkontrollierbaren Zuckungen ihres Leibes mit blutigem Schaum vor dem Mund elendig verreckt.

Mariam wurde sechzehn Jahre alt.

»Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Wie denn auch, nach dem, was sie ihr alles angetan haben? Wie denn auch, nach all der Verachtung, der Scham und der Schande, die ihr später entgegenschlugen, wegen all dem, was ihr widerfahren ist. In dieser Gesellschaft ist ein Mädchen, eine Frau auf ewig stigmatisiert, wenn sie vergewaltigt wurde. Sie ist ein Paria, eine Unberührbare, sie ist keine Frau mehr, kein Mensch, allen mitfühlenden Worten zum Trotz. Sie wird verachtet, sie hat Scham und Schande über sich und über ihre Familie gebracht. So ist das hier nun einmal, auch bei den Christen.«

So hatte mir Esther im Oktober am Telefon von Mariams Tod berichtet. Die amerikanische Ärztin hatte sich bei meinem Aufenthalt in Erbil im August 2014 bereit erklärt, bei meinen Gesprächen mit Mariam dabei zu sein. Denn es hatte in den Gesprächen mit Mariam einen Punkt gegeben, ab dem Mariam unmöglich hatte weiterreden können, nicht mit einem Mann.

Esther hatte meinen Dolmetscher und mich weggescheucht und die nächsten Stunden mit Mariam verbracht. »Du weißt, dass ich alles wissen will«, hatte ich ihr vor dem Treffen mit Mariam gesagt. Esther hatte die Augenbrauen hochgezogen und nur stumm genickt.

[...]

Esther hatte uns angerufen, und wir trafen uns dann später am Abend ausgerechnet im Deutschen Restaurant. Aus den Lautsprechern drang deutsche Volksmusik, im Hintergrund lief irgendein Fußballspiel. Am Nebentisch konferierten ganz unbefangen auf Englisch deutsche und kurdische Mitarbeiter einer deutschen NGO.

Der wohl eigens aus Deutschland eingeflogene »Leader« referierte über irgendwelche »Gewinnmargen« und »Gewinnmaximierung« und den damit irgendwie verbundenen Einsatz von Hilfsgeldern. Wir waren nur kurz irritiert, aber diese eher seltsame Verquickung interessierte uns an diesem Abend nicht.

Wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen, aber Hunger hatten wir nicht, stocherten in unseren Salaten, den Bratkartoffeln und den Fleischstücken herum. Esther starrte in ihr Bierglas, es brauchte eine lange Zeit, bis sie das Reden anfangen konnte. »Ich glaube nicht, dass sie es schaffen wird«, sagte sie und jeder von uns wusste, was sie meinte. Dann sprach sie darüber, was Mariam ihr erzählt hatte.

Nachdem ISIS auch Mariams beide Schwestern auf die Pritsche des Pick-up-Truck geworfen hatte, waren Mariam und ihre Schwestern nach Mossul gefahren worden. Sie hatten die Mädchen in einer verrotteten Lagerhalle eingesperrt. Keine Toilette, kein Wasser, nichts. Nur nackter Betonboden, das Dach war mit Wellblech abgedeckt. Die Lagerhalle war vielleicht zehn Meter lang und fünf Meter breit.

Mariam und ihre beiden Schwestern standen dicht an dicht gedrängt zwischen etwa einhundertfünfzig Frauen. Christen und Jesiden. Viele der jesidischen Frauen wimmerten vor Schmerzen. Sie hatten Mariam erzählt, dass sie von den ISIS-Terroristen immer wieder als »Teufelsanbeter« beschimpft und geschlagen worden wären. Nie ins Gesicht, so hatte sie erzählt.

In der kleinen Lagerhalle staute sich die Hitze ins Unerträgliche. Sie schrien nach Wasser und bekamen Schläge. Mit der Faust, mit Stöcken, mit Peitsche. Irgendwann hatte Mariam jedes Zeitgefühl verloren. Jedes Gefühl für Schmerz. Nach ein paar Stunden kamen sechs ISIS-Terroristen und führten Mariam, ihre beiden Schwestern und zwei jesidische Frauen weg.

Sie brachten sie in ein Haus, in dem hinter einem Tisch ein Imam saß. Links und rechts von ihm saßen zwei ISIS-Männer. Der Imam fragte Mariam, ob sie Christin sei. »Er hatte es mir nicht geglaubt, er hat gesagt, dass ich lüge, dass ich eine Jesidin sei. Ich habe ihn angefleht mir zu glauben, ich habe ihm die Gebete vorgebetet, aber er hat mir einfach nicht geglaubt«, hatte Mariam Esther erzählt.

Die Schwestern weigern sich, zum Islam zu konvertieren, ebenso die zwei jesidischen Frauen. Sie werden bestraft. Mit Peitschen. »Zuerst haben sie meine kleine Schwester ausgepeitscht, ich weiß nicht, wie lange, es dauerte eine Ewigkeit, bis sie aufhörte zu schreien.« Danach nehmen sich die ISIS-Terroristen die anderen Frauen vor. Eine nach der anderen.

Dann müssen sie sich einen Niqab mit einem Gitternetz überstülpen, werden nach draußen geführt. Auf der Straße stehen Hunderte Frauen, hintereinander aufgereiht. Alle im schwarzen Niqab gefangen, die Köpfe zu Boden gesenkt. Sie waren hintereinander an einer endlos langen Kette gefesselt. Mariam und die vier anderen mussten sich einreihen und wurden angekettet. Dann wurden sie unter dem Johlen und Geschreie, unter Verfluchungen und Beschimpfungen der Menschen am Straßenrand durch die Straßen Mossuls zum Badusch-Gefängnis geführt.

Die Frauen und Mädchen wurden ungeachtet ihres Alters einem Jungfrauentest unterzogen, und Mariam wurde Zeugin, wie sich hin und wieder der eine oder andere der ISIS-Männer einen Spaß daraus machte, ganz einfach eine Frau zu erschießen. Einfach so, weil es ihn wohl prächtig amüsierte. Denn sie lachten dabei. Wie kleine Kinder, die sich freuen.

»Kein Tier verhält sich so«, sagte Esher, »kein einziges.« Drei Tage ist Mariam im Badusch-Gefängnis eingesperrt, und am Abend des ersten Tages kommt der Erste. In der Nacht kommen weitere. So geht das drei Tage lang, Tag und Nacht. Mariam, so sagt das Esther, weiß nicht mehr, wie oft sie von gottesgläubigen Kämpfern vergewaltigt wurde.

Am Abend des dritten Tages öffnet sich die Tür ihrer Zelle. Ein Wärter zerrt sie heraus, prügelt sie über den Zellenflur und stößt sie in einen Raum, in dem sich etwa zwei Dutzend Männer unterschiedlichen Alters befinden. Sie sieht ihre kleine Schwester inmitten der Frauen, die an der Wand des Raumes aufgereiht sind. Alle im Niqab. Das Gitterfenster ihres Umhangs ist hochgeklappt. Auf ihrer Brust ist ein Stück Papier angebracht. 500.000 irakische Dinar steht dar auf.

Mariam bekommt einen Zettel angeheftet. 100.000 irakische Dinar steht darauf geschrieben. Mariam ist keine Jungfrau mehr. Dann beginnt das Bieten. Die Bieter lachen und scherzen. Sie freuen sich an ihren Kommentaren. Mariams kleine Schwester geht für 750.000 irakische Dinar weg. Im August 2014 erzielten Sklavinnen noch Höchstpreise. Mariams Preis bleibt konstant auf 100.000 irakischen Dinaren stehen.

Ein alter Mann, weit über siebzig Jahre, nimmt sie mit. An diesem Tag sieht Mariam ihre kleine Schwester das letzte Mal. Auf ihre Frage, was mit ihr geschehe, kichert der Alte. »Saudi-Arabien«, sagt er nur. Die nächsten zwei Tage im Leben Mariams gleichen sich. Prügel, Vergewaltigung, Prügel, Vergewaltigung. Der Alte brüstet sich, wie jung er noch sei. Als der Alte am dritten Tag das Haus verlässt, kann Mariam fliehen.

An diesem Tag schützt sie der Niqab. Niemand kann ihr Gesicht sehen, das von den Faustschlägen des Alten entstellt ist. Niemand, so hofft sie, wird darüber Fragen stellen oder herausbekommen, dass sie eine entlaufene Sklavin ist. Sie irrt stundenlang durch Mossul, weiß nicht, wo sie ist, weiß nicht, wohin sie soll. Dann gibt sie sich auf. Kauert sich am Boden an eine Hauswand und wartet. Auf nichts.

Sie hat Glück. Der Zufall rettet sie. Ein Mann spricht sie an, nimmt sie mit. Mariam hat keine Angst mehr. Wovor denn auch, sie hat alles hinter sich. Zwei Tage später besteigen der Mann, seine Frau, zwei seiner Töchter und Mariam seinen alten Kleinbus. Die Frauen tragen alle einen Niqab. Sie fahren los. Sie passieren alle Kontrollpunkte von ISIS. Einfach so. Sie haben Glück. Der Mann war ein Sunnit und froh, so erzählte Mariam es Esther, dass ISIS die Armee aus Mossul vertrieben hatte.

»Er hat mich gerettet.« Er bringt sie nach Erbil zur St. Joseph-Kirche, wo christliche NGOs sich um sie kümmern. Dort findet sie ihren Vater. »Aber der konnte ihr nicht helfen«, so meinte Esther. »Er weinte, aber nicht um Mariam. Sondern um sich, seine verlorene Ehre, darüber, dass Mariam Schande über ihn gebracht hat, durch dass, was ihr widerfahren ist. So ist das hier bei den Vätern, wenn ihre Töchter vergewaltigt werden, auch bei den christlichen Vätern.«

Dann meinte sie nur, sie glaube nicht, dass Mariam es schaffen würde. So weiterleben zu können. Wir hörten ihr zu. Wir waren verstummt. Was hätten wir auch sagen können.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch ISIS - Der globale Dschihad: Wie der "Islamische Staat" den Terror nach Europa trägt

2015-02-01-isis.jpg

336 Seiten

ISBN-13 9783430201933

Econ Verlag


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