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29/09/2015 06:39 CEST | Aktualisiert 29/09/2016 07:12 CEST

Wie mutige Frauen den Terrorismus bekämpfen

FADEL SENNA via Getty Images

Die Tragödie in der Ferienanlage im tunesischen Sousse und die Angriffe im Bardo-Museum in Tunis sind schlimme Erinnerung daran, dass Terroristen unsere Bemühungen, eine stabile und friedliche Demokratie aufzubauen, ablehnen. Wie auch andere Länder der Region sieht sich unsere Nation mit außergewöhnlichen Bedrohungen konfrontiert.

Doch wir Tunesier sind entschlossen, nicht nachzugeben, wie auch der vom Präsidenten erklärte Ausnahmezustand belegt. Wir werden uns mit den Lücken in der Sicherheitsinfrastruktur, wie auch mit den wirtschaftlichen Herausforderungen befassen. Jedoch wird dabei bisher ein entscheidendes Element vernachlässigt - die Potenziale und Teilhabe der Frau.

Weibliche Terroristen sind seltener

Wir Frauen zählen zu einer Gruppe, die weniger wahrscheinlich terroristische Anschläge verübt, allerdings unverhältnismäßig stark von diesen betroffen ist. Dabei können wir einen kritischen Beitrag beim Kampf gegen gewaltbereiten Extremismus spielen.

Weltweit gestalten Frauen Familien und damit das soziale Umfeld. Wir prägen unser kulturelles Gefüge. Wir helfen dabei, frühe Zeichen von Extremismus zu erkennen und gegen ihn vorzugehen. Wir setzten uns wirksam für Friedensstiftung und Mediation ein.

Frauen bei der Terrorismusbekämpfung nur eine Nebenrolle

Eine Studie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) unterstreicht das Potenzial von Frauen effektiv gewaltsamem Extremismus und terroristischer Propaganda entgegenzuwirken.

Trotzdem wird Frauen bei der Terrorismusbekämpfung nur eine Nebenrolle zugeteilt. Dies führt dazu, dass soziale, wirtschaftliche und politische Dimensionen der terroristischen Bedrohungen gegenüber rein militaristischen Ansätzen vernachlässigt werden.

Tunesien ist dabei das Bild von muslimischen Frauen in der Welt zu verändern. Unsere weiblichen Führungskräfte sind in der Regierung, im Justizwesen sowie in der Zivilgesellschaft aktiv. Bei den Wahlen des Jahres 2014 registrierten sich mehr Tunesierinnen als Erstwähler denn Tunesier und 47 Prozent der Kandidaten, die sich zur Wahl ins Parlament stellten, waren Frauen.

Weibliche Abgeordnete

Im tunesischen Parlament sind 31 Prozent der Abgeordneten Frauen, was einen höheren Anteil als in den gesetzgebenden Organen der USA sowie Großbritanniens darstellt. Weibliche Abgeordnete von Ennahdha, der islamisch-demokratischen Partei der ich angehöre, spielten eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung der tunesischen Verfassung, die als progressivste in der arabischen Welt beschrieben wird. Diese garantiert allen Tunesiern Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit.

Nichtsdestotrotz werden Frauen in Tunesien, dem Nahen Osten und in der ganzen Welt weiterhin bei Debatten zur nationalen Sicherheit kaum berücksichtigt, da dies noch immer als Männerdomäne betrachtet wird.

Kritische Zeiten

In diesen kritischen Zeiten braucht Tunesien alle verfügbaren Ressourcen, um gewaltbereiten Extremismus anzugehen und seinen demokratischen Übergang erfolgreich fortzusetzen. Eine intelligente Terrorismusbekämpfung muss ein integratives Konzept für Sicherheit haben, das die Grundursachen des Terrorismus' löst.

Abschreckung allein kann vielleicht kurzfristige Erfolge bei der Eindämmung von gewalttätigem Extremismus erzielen. Dieser Strategie folgten die meisten ehemaligen Diktatoren in der Region. Aber es war eine kurzsichtige Taktik, die stattdessen den Nährboden für weiteren Extremismus schuf.

Ohne eine wirklich demokratische Gesellschaft, die starke Institutionen aufbaut und eine aktive Beteiligung der gesamten Gesellschaft ermöglicht, einschließlich der Frauen, werden Sicherheitsmaßnahmen ineffektiv und auf lange Sicht kontraproduktiv sein.

Positive Werte

Die Fähigkeit von Frauen, positive Werte zu kommunizieren und diese den Jugendlichen in ihrem Umfeld zu vermitteln, sollte sinnvoll genutzt werden. Graswurzelbewegungen, die hauptsächlich von Frauen getragen werden, müssen gefördert werden. Sie können als Brückenbauer zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und als Verbindungselement zwischen Familie und Gesellschaft fungieren.

In der Tat ist die Bekämpfung von Extremismus von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung, da Chancenlosigkeit Frustration erzeugt. Der öffentliche Sektor in Tunesien ist überlastet und kann zusätzliche Anforderungen nicht bewältigen.

Privates Unternehmertum

Wir fördern deswegen insbesondere den Aufbau von privatem Unternehmertum, da dieser Bereich Wachstumsmöglichkeiten bietet. Universitätsabsolventinnen, die heute 60 Prozent aller Studierenden ausmachen und ihr Studium mit einem besseren Abschluss als Ihre männlichen Kommilitonen absolvieren, können Motor für die wirtschaftliche Entwicklung Tunesiens sein.

Dafür müssen wir allerdings soziale und wirtschaftliche Hindernisse für ihre Unternehmungen aus dem Weg räumen. Den Unternehmergeist von Frauen zu fördern wird einen Domino-Effekt auslösen. Es wird die wirtschaftlichen Chancen von Männern wie Frauen gleichermaßen ausbauen und damit auch Tunesiens Fortschritt und Stabilität erhalten.

Raum für Frauen

Das arabische Erwachen schuf Raum für Frauen, ihre Rechte auf Freiheit und Würde einzufordern. Die jüngsten Anschläge haben die Entschlossenheit der tunesischen Frauen gestärkt, weiterhin einen Beitrag zu unserem fortschrittlichen Model der Inklusion, Freiheit, Gerechtigkeit und Konsensdemokratie zu leisten. Aber echte Veränderung verlangt Einheit, Weitblick und kontinuierlichen gesellschaftlichen Wandel.

Sowohl in Tunesien als auch in der MENA-Region ist es an der Zeit, dass Frauen eine größere Rolle bei der Debatte aller Politikfelder, die sie betreffen, einnehmen - inklusive Sicherheit und Wirtschaft. Wenn wir eine echte nachhaltige Veränderung in unseren Gemeinden erreichen wollen, dürfen wir Frauen nicht länger an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden - wir müssen zentraler Bestandteil der Lösung werden.

Dr. Ben Boutheina Yaghlane Ben Slimane (Ennahdha-Partei) ist Tunesiens Staatssekretärin für Finanzen und Gründerin der NGO Tounissiet, die weibliche Führungskräfte stärken soll. Sie leitet auch ein Projekt, das von der UNDP unterstützt wird, mit dem Titel „Frauen gegen politische Gewalt und Verstößen bei Wahlen".

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