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27/10/2015 16:06 CET | Aktualisiert 27/10/2016 07:12 CEST

Dieser Mann kennt Putins größtes Geheimnis - jetzt bricht er erstmals sein Schweigen

Reitschuster

Der Petersburger Journalist Dmitri Sapolski kennt viele Geheimnisse des russischen Präsidenten und seines Ziehvaters Anatoli Sobtschak. Und so kann Sapolski Fragen wie diese beantworten:

"Wie und warum kam der russische Präsident an die Macht? Wer traf aus welchen Gründen die Schlüsselentscheidungen der 1990er-Jahre, die in vielem den Verlauf der aktuellen Entwicklung Russlands bestimmen?

Jetzt hat Sapolski erstmals darüber gesprochen - und gibt erschreckende Einblicke.

Erschreckend ist auch: Kurz nach dem Interview wurde Sapolski Opfer eines Überfalls. Ein Unbekannter, der eine Machete in den Händen hielt, brach auf dem Hausboot, auf dem Sapolski mit seiner Familie lebt, ein und schrie: "Für Putin! Ich vernichte dich auch ohne Polonium".

Dmitri, warum sind Sie ausgewandert?

Dies ist eine schmerzhafte Frage für mich. Im Jahr 2011 hatte ich vor dem Hintergrund der bekannten Ereignisse in Moskau eine Gruppe von Petersburger und zum Teil Moskauer Journalisten gegründet, eine Initiativgruppe für die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wir gaben eine Pressekonferenz, die eine große Resonanz hatte, es kamen die Vertreter des Smolny, der Administration des Präsidenten.

Und bald kam von der Administration des Präsidenten eine Empfehlung, sich mit mir zu treffen und um ein Gespräch zu führen. Ich fuhr in den Smolny, sprach mit dem damaligen Vorsitzenden des Ausschusses für Pressearbeit, und dann - mit dem Vize-Gouverneur.

Ich stellte meine ziemlich harte Position dar, die Position der Journalisten, die bereit waren, nach den Grundsätzen der BBC zu arbeiten: mit großen Gehältern, aber nur mit festen Verträgen, bei absoluter Objektivität und Chancengleichheit für alle Akteure - alle Akteure des politischen Prozesses. Wir haben ein solches Konzept vorgeschlagen (ich werde jetzt nicht die Leute nennen, mit denen wir es vorgeschlagen haben, damit ihnen kein Schaden entsteht).

Einer der Vertrauten von Wladimir Putin traf sich mit mir und sagte im privaten Gespräch: "Und dir und deiner Familie ist nichts passiert hier?"

Man hörte mir aufmerksam zu, machte sich Notizen. Man forderte mich auf, alles aufzuschreiben und ich tat es. Und dieses Schreiben schickte man irgendwohin nach oben.

Es vergingen zwei, drei Monate, und man begann wirklich damit, ein öffentlich-rechtliches Fernsehen zu schaffen. Unsere Vorschläge wurden gehört, sie wurden in irgendwelche Konzeptionen für ein öffentlich-rechtliches Fernsehen aufgenommen.

Dann, im Frühjahr 2012, traf sich einer der Vertrauten von Wladimir Putin mit mir und sagte in einem privaten Gespräch: "Dima, für dich gibt es eine Information. Es wird kein öffentlich-rechtliches Fernsehen geben. Dort, wo es sein muss, wird eine Fiktion gemacht, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen imitieren wird. So wie du dafür gebrannt hast (und du bist ein hartgesottener abgebrühter Kerl und das weiß man dort), denke daran, dass dir und deiner Familie hier nichts passiert, Du musst hier raus, weil du jetzt damit beginnst, zu 'zucken'" und alles verderben wirst. Und es wird sicher sehr schlecht für dich, für deine Familie und für deine Freunde enden."

Hier hatte ich in der Tat keine andere Wahl, als innerhalb von zwei Wochen zu packen und auszureisen. Seitdem bin ich nicht in Russland gewesen. In naher Zukunft werde ich nicht dorthin zurückkehren, ich verstehe die ganze Gefährlichkeit dieser Situation.

Sie waren ein Zeuge dessen, wie Wladimir Putin auf der politischen Bühne erschien. Wie konnte das passieren?

Ich war Zeuge dessen, wie er am politischen Horizont erschienen - zunächst als Berater des Vorsitzenden des Leningrader Stadtrates Anatoli Sobtschak. Das war im Jahr 1990. Vladimir Churov, so glaube ich, stellte uns einander vor, wir saßen gemeinsam auf einer Bank im Leningrader Stadtrat. Wladimir Putin machte auf mich den Eindruck eines vollkommen normalen Universitätsspitzels vom KGB.

Es gab nichts Besonderes an ihm. Es gab viele von ihnen, man sah viele davon. Wir waren uns bewusst, dass Anatolij Sobtschak einen solchen Berater brauchte, weil Sobtschak als Vorsitzender des Leningrader Sowjets (und später - als der erste Bürgermeister der Stadt) keine wirkliche Macht besaß. Er hatte keine wirklichen Hebel der Macht, und dann, wie mir die Leute erzählten, die zur selben Zeit dort waren -die Abgeordneten des Leningrader Stadtrates- (und später erzählte mir auch selbst Lyudmila Narusova davon), wurde es notwendig, einen Pool von Beratern zu schaffen.

Hier werde ich mich nicht auf Ljudmila Narusova beziehen, da das Schaffen eines Pools von Beratern schon recht eigenartig war. Aber noch einmal, für alle war es zu dieser Zeit offensichtlich, dass es drei Linien, drei starke Säulen der wirklichen Macht in der Stadt und ja sogar im Land gab.

Der erste Vektor - eine Nomenklatura, die nicht gegen die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung war, die erfreut war und die sogar um die Gunst Sobtschaks buhlte, aber einfach nicht wusste wie. Sobtschak sprach eine Sprache, und sie - eine andere. Wir brauchten einen Mediator, der irgendwie vermitteln konnte, wenn auch nicht offiziell.

Und zu einer solchen Person wurde Herr Valery Pavlov bestimmt, der ehemalige Sekretär eines Rote Garde- Kreiskomitees des Komsomol oder von noch irgendetwas. Kurz gesagt, dieser Perestroika-Junge des Komsomol, begann etwas plump und wie ein Anfänger. Sich in diesen Nicht-Komsolol-Kreisen zu bewegen, er zeigte sich plötzlich als ein sehr religiöser Mensch, sehr orthodox, sehr gefühlvoll. Pavlov wurde zum Kommunikations-Berater für Komsomol und Partei ernannt, und so wurde er hier und da empfangen.

Der zweite Vektor sind, wie es jetzt in ist zu sagen (aber damals wurde dieser Begriff nicht verwendet), die sogenannten Silowiki, also Militär, die Polizei, die Sicherheitsdienste. Für diesen Bereich wurde ausgewählt, ganz klar, die einzige Person, die mit Sobtschak gearbeitet und kommuniziert hat und Offizier des KGB war - Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Es gab keine Zweifel über seine Kandidatur, auch deshalb nicht, weil er von einigen Universitäts-Interna wusste, von einigen nicht erfolgreichen ausgefallenen Forschungsarbeiten Anatoli Sobtschaks, der aber eine monströse Dissertation vorgelegt hatte. Und das "Wirtschaftsrecht", das er an der Universität unterrichtete, war ganz merkwürdig, wie auch seine wissenschaftliche Tätigkeit als Jurist.

Unter anderem denke ich, dass Anatoly Sobtschak mit Wladimir Putin auch informelle Beziehungen informativen Charakters hatte, da alle Lehrer dieser Ebene informelle Kontakte mit dem KGB hatten, was in der Regel keine Schande war. Ich wage zu behaupten, dass Anatoli Sobtschak in gewissem Maße als Mitarbeiter der Universität, ein Agent mit Verbindung zu Wladimir Putin war, einem, natürlich, aktiven Offizier des KGB. In allen Hochschulen, in den großen Unternehmen, in allen Forschungsinstituten gab es Spitzel des KGB.

Der dritte Berater, der dritte Vektor, den wir heute als informell, autoritär und kräftig bezeichnen würden, war erforderlich, um es einfach auszudrücken, als Verbindung zu den Banditen und Dieben. Als dieser Mann wurde Yuri Shutov, gewählt, jetzt tot, zerkleinert und zerstört. Dies war jemand, der wirklich von den Banditen als Politiker und von den Politikern als Bandit wahrgenommen wurde.

Dmitri, Sie haben viel mit Anatoli Sobtschak geredet. Worin bestand die Tragik dieses Mannes?

Anatoly besaß einen Background. Er war Professor der Rechtswissenschaft. Zu dieser Zeit erschien der Film „Das Hundeherz." Er war so wie der Professor Preobraschenski - ein wenig arrogant. Ein wenig nicht von dieser Welt. Er war ein wahrer Leningrader. Obwohl er, natürlich, zu Leningrad, zu St. Petersburg, eher eine indirekte Beziehung hatte.

Aber darum geht es nicht. Zu dieser Zeit gab es dort einen Streit, einen Kampf unterschiedlicher Kräfte. Die eine Richtung vertrat die Gruppe, die sich um Marina Sale gebildet hatte, die entgegengesetzte Pjotr ​​Filippov, die dritte die kommunistischen "roten" Direktoren, die nur ihrem Namen nach kommunistisch waren.

Alle hatten bereits verstanden, dass man in dieser Situation etwas an sich reißen oder irgendwie etwas voranbringen bzw. vorantreiben kann. Es war klar, dass keine Koalitionen entstehen würden. Der Leningrader Stadtrat/Stadtverwaltung bestand aus mehr als 400 Menschen, von denen nicht alle geeignet waren, aber diejenigen, die geeignet waren, haben eine wichtige Rolle gespielt, hatten politische Ambitionen und wollten führen, sich weiter bewegen. Diese Menschen konnten sich aber auf nichts einigen.

Sobtschak war standardmäßig eine Integrationsfigur für viele Gruppen, einschließlich der kommunistischen. Er war auf der einen Seite Parteimitglied, auf der anderen - Professor, ein intelligenter Mann. Er trug saubere Schuhe. Während dieser Zeit gab es im Leningrader Stadtrat Menschen, die in der Kantine Brötchen stahlen, monatelang ihre Hose nicht wechselten. Es gab sie. Wirklich.

Anatoli Sobtschak war die einzig mögliche Figur eines Kompromisses. Eine andere Sache war die, dass um ihn herum sehr negative Kräfte waren. Neben diesen Beratern, hatte er noch eine Familie, und außerdem entstanden bei ihm, sagen wir mal so, kommerzielle Interessen.

Von Anfang an war er ein Bewohner des St. Petersburger Stadtrandes. Wenn er weiter in einem Haus am Prospekt der Komponisten in einer bescheidenen Wohnung gewohnt hätte, mit seiner Tochter, die zur Schule ging, mit seiner Frau, die an der Akademie der Kulturgeschichte der Dekabristen unterrichtete, wäre das sehr rührend gewesen. Es war ein bewegendes Bild und dieses Bild endete buchstäblich innerhalb von nur Tagen, Wochen, Monaten, als Sobtschak Vorsitzender des Leningrader Stadtrates wurde.

Zu Beginn hatten wir ihn ausgewählt. Die Wähler mussten überzeugt werden. Und wir alle gingen durch die Häuser und baten die Wähler darum, für Sobtschak zu stimmen, und zu uns wurde gesagt: "Warum?! Wozu brauchen wir diesen Kerl? Er ist ein Einfaltspinsel!" Jeder von uns hatte in etwa 15 bis 20 Wohnungen zu gehen. Wir sind ehrlich gewesen, und ich erinnere mich noch, wie ehrlich ich die Wähler auf dem Prospekt der Komponisten überzeugte, unbedingt für Sobtschak zu stimmen.

Aber der Leningrader Sowjet war verloren, doch das ist - ein anderes Thema. Anatoly kam jedoch sehr schnell von seiner Linie ab, wahrscheinlich von denen vorgegeben, die ihn voranbringen wollten. Er wurde schnell beängstigend und sehr arrogant. Er glaubte an seine Unfehlbarkeit. Sehr schnell begann sich auch seine finanzielle Situation zu ändern.

Sehr schnell war da diese Wohnung in einem Gebäude im Zentrum der Stadt. Sehr schnell waren die Sicherheitskräfte im Haus. In der Tat, es war seine Tragödie, und ich würde sagen, dass sein ganzes Leben sehr tragisch war. Er wurde auf eine sehr harte Probe gestellt, und er konnte diese Probe nicht bestehen.

Und wer hätte sie überhaupt bestehen können? Ich hätte sie vielleicht auch nicht bestanden, und Sie, lioebe Leser, auch nicht... Der Mensch ist von Natur aus schwach, was kann man da machen.

Sie haben im Stab von Anatoli Sobtschak während der Wahl zum Gouverneur gearbeitet, die er an Wladimir Jakowlew verlor. Warum erlitt Sobtschak diese Niederlage?

Er verlor die Wahl durch seine eigene Dummheit. Natürlich kann man sagen, dass um ihn herum Feinde waren, dass sein Stab aus Menschen bestand, die seine Niederlage wollten. Ich gebe zu, dass auch Wladimir Wladimirowitsch Putin nicht zu viel versucht hat, um den Sieg zu erringen (da ich im Stab war, sah ich das alles).

Man kann davon ausgehen, dass Wladimir Putin während der letzten beiden Wochen vor der Wahl den Posten des Stabschefs an Lyudmila Borisovna Narusova übergeben hat, die versuchte zu gewinnen, aber nicht wusste, wie sie dies erreichen konnte. Im Stab saßen ziemlich seltsame Leute, sagen wir mal, nicht ganz angemessene - was dazu führte, dass die Menschen hinaus auf den Nevsky-Prospekt liefen zum Gebäude 30, wo das Hauptquartier von Wladimir Jakowlew war, und dann zu dessen Frau Irina Iwanowna mit Informationen und Geld gingen.

Und in diesem Stab wurde den Menschen alles versprochen, was sie benötigten. "Was bist du bereit, für unseren Sieg zu tun?" - "Das und das..." - "Was willst du? Einen Supermarkt? Du bekommst einen Supermarkt. Und brauchst Du was? Den Posten des Direktors eines Fernsehsenders. Du bekommst den Posten des Direktors eines Fernsehsenders. Und was brauchst du? Einen Kredit der Sber-Bank. Gut, du bekommst den Kredit. Und du? 700 Tonnen Buntmetall. Okay. Und du? Eine verlassene Militäreinheit? Bitte, du bekommst sie." Alles kann gelöst werden.

Ich selbst führte dann einen Geschäftsmann zu Anatoli Aleksandrowitsch, der versuchte, Geld für dessen Wahlkampagne bereitzustellen. Ich organisierte dieses geheime Treffen in einer Institution. Und dann fragte dieser Mann, was er davon hätte, wenn er bereit wäre, 500.000 Dollar für dieses Projekt zu investieren.

Darauf sagte Ludmila Borisowna: "Sie werden Ordnung in der Stadt haben und die Möglichkeit bekommen, Geschäfte zu machen." Der Geschäftsmann antwortete: "Danke. Ich verstehe." Als wir von diesem Treffen weggingen, sagte er: "Nun bring mich zu Yuri Boldyrev."

Und was war dann die Rolle von Vladimir Putin? Wie beeinflusste er ihn und hat er die Niederlage von Anatoli Sobtschak beeinflusst? Ich vermute stark, dass die Niederlage Sobtschaks vorher abgesprochen war, da in dieser Geschichte das ganze Team, das für Sobtschak arbeitete, total unprofessionell war.

Ich war direkt am Tag der Niederlage bei Putin. Er saß, wie immer, in seinem Büro im ersten Stock. In seinem Vorzimmer stand sein Assistent Igor Setschin, der beste, treueste Assistent der Welt. Und ich sage, Putin war absolut ruhig. Ich fragte ihn: "Nun?" Er antwortete: "Ich sprach mit IHM." In diesen Kreisen ist es in Mode den Namen des Feindes nicht zu nennen. In diesem Fall sprach Putin über Yakovlev: "Ich sprach mit IHM. Er bot an, zu bleiben, ich sagte - nein." Ich fragte: "Wohin werden Sie gehen?". Er antwortete: "Ich weiß es nicht, nirgendwohin."

Die Botschaft war die: "Das wars, ich gehe, Jungs, mich gibt es in diesem System nicht mehr." Nun vermute ich stark, dass die Niederlage Sobtschaks vorher abgesprochen war, dass da in dieser Geschichte das ganze Team, das für Sobtschak arbeitete, total unprofessionell war.

Nicht einmal über die Wahlstrategie, Psychologie, Technik usw. haben sie geredet, und sie konnten nicht einmal richtig Russisch schreiben! Und bei all dem hatte Ludmila Narusova die Leitung.

Putin war während der letzten zwei Wochen vor den Wahlen nicht in der Zentrale. Vielleicht war er mal da und ging wieder, die Vollmacht für alle Handlungen besaß Ludmilla Borisowna Narusova. Sie versammelte die Leute, traf die Entscheidungen, bestimmte, was zu tun war und das war die beste Möglichkeit, diese Partei aufzugeben. Es reichte aus, die Zügel locker zu lassen, und Sobtschak hatte verloren.

Ich vermute, dass Putin bereits zu dieser Zeit direkte Anweisungen von den Führern der Sicherheitsdienste und natürlich direkt von Jelzin erhalten hatte, dass Sobtschak gefährlich und unkontrollierbar sei, und dass er zu einer Gefahr bei der Wahl des nächsten Präsidenten werden könne.

Ich denke, dass Putin dies bewusst getan hat. Er war ein sehr systematischer Mensch und wir sehen, dass er - der systematische Mensch - ausschließlich im System gearbeitet hat und sich sehr deutlich auf seine Verpflichtungen, seine Umgebung und seine Worte bezieht.

Wenn es ihm nicht gelingt, etwas zu erledigen, ist er sehr aufgeregt. Das ist eine Besonderheit seines Charakters. Man kann sich an seine „Mai-Beschlüsse" erinnern, die seit langem nicht mehr aktuell sind, aber für deren Nichteinhaltung die Gouverneure noch bis heute verfolgt werden.

Ich vermute, dass Putin bereits direkte Anweisungen von den Führern der Sicherheitsdienste und natürlich direkt von Jelzin erhalten hatte, dass Sobtschak gefährlich, nicht systemkonform, unkontrollierbar, unberechenbar, und wenn er nicht verliert und den politischen Horizont nicht verlässt, kann er zu einer Gefahr bei der Wahl des nächsten Präsidenten werden.

Man muss verstehen, dass alle Eliten - sowohl die russischen als auch die amerikanischen - mit Entsetzen auf Boris Jelzin sahen, der solche "Schnörkel" fabrizierte, es war schrecklich. Jeder wusste, dass er trank, nicht kontrollierbar war, dass um ihn herum diese "schreckliche Truppe" war - diese absolut nicht systemkonformen Leute, mit denen es völlig unmöglich war, etwas zu verhandeln, und bei denen morgen alles möglich sein könnte. Und sie alle wollten unter sich bleiben.

Und alle waren besorgt um die Kontinuität der Macht in Russland, das Finden der richtigen Person, die systemkonform sein sollte, die ein ernsthaftes „Kompromat", also kompromittierendes Material besitzt und sich niemals außerhalb dieses Kompromats bewegen sollte.

Sie (diese Person) müsste jung und das Gegenteil von Jelzin sein. Und er müsste einer der Ihren sein für das Militär, für den FSB, für die Polizisten, die Bankiers, die Diplomaten, die Banditen - im Allgemeinen, für alle, die sich im Zentrum der Macht befinden.

Ich glaube, an diesem Punkt hätte niemand Putin gewählt, aber alle waren sich bewusst, wer der Nachfolger werden sollte. Dann begann natürlich ein großes Casting. Verschiedene Gruppen stellten ihre Kandidaten auf. Aber der Mannschaft, die in St. Petersburg war, war es wahrscheinlich bewusst, dass Sobtschak plötzlich ohne ersichtlichen Grund seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen bekanntgeben und sie gewinnen kann!

Und das war schrecklich. Und wenn er gewinnen würde, wäre es unklar, mit wem er verhandeln würde. Mit Ludmila Borisovna? Mit Putin? Mit wem? Sobtschak würde alle austauschen. Er ist unkontrollierbar. Er kann den Menschen ihre Selbstständigkeit rauben, die Privatisierung rückgängig machen, einige andere Gesetze in Kraft setzen- oh, mein Gott...

Ich denke, dass die Niederlage Sobtschaks mit allen abgesprochen war und dass Putin nicht zufällig zu dieser Zeit die Zügel locker ließ. Er tat das absichtlich. Und ihm war ein Platz in Moskau versprochen worden - der reizvollste überhaupt, von dem man nur träumen konnte!

Internationale Verantwortung. Die Leitung der Präsidenten-Administration. Die Steuerdirektion. Der Stellvertreter von Pawel Pawlowitsch Borodin. Dies wurde ihm vorgeschlagen.. Und in diesem Moment war das ein Angebot, das er - ein Offizier der Staatssicherheit, annahm.

Vielleicht dachte er, es wäre seine staatsbürgerliche Pflicht, das zu tun, was ihm angewiesen wurde, und verstand, dass es sein Schicksal sei - sein Leben mit Sicherheit rosig sein würde, und die Aussichten gut sind. Und dafür war es notwendig, nur eine Sache zu tun: morgen nicht ins Büro von Manevich zu kommen, wo der Stab von Sobtschak saß.

Diese Niederlage war absolut gesetzmäßig und alles weitere war auch völlig gesetzmäßig, einschließlich der Abreise Sobtschaks aus Russland und seiner Rückkehr nach Russland. Das am meisten Gesetzmäßige war sein viel zu früher tragischer Tod in Kaliningrad am Vorabend der Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten der Russischen Föderation.

Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv, aber wenn man sich vorstellt, dass Sobtschak nicht gestorben wäre, sondern überlebt hätte und Ansprüche auf einige hochrangige Positionen gestellt hätte... Wie hätte Putin, nachdem er Präsident geworden war, ihn nicht ernennen zum Präsidenten, zum Beispiel des Verfassungsgerichtes, ernennen können, zumal er ein brillianter Anwalt war.

Ein Lehrer des Präsidenten! Er hätte der Vorsitzende des Obersten Gerichts, der Vertreter Russlands bei der UNO, der Rektor einer Universität, etc. werden können, und in all diesen Positionen hätte er, im Fall der geringsten Meinungsverschiedenheit mit Putin, damit beginnen können zu sagen, was er denkt und was er fühlt.

Er hat dies immer getan. Einen Mechanismus, vor etwas zurückzuschrecken, hatte er, wie wir wissen, nicht. Aber jede noch so einfache Wahrheit hätte zu enormen Schäden für Putin und sein Team führen können. Ich denke, dass sein Rückzug aus dem politischen Leben vorbestimmt war. Ich sage nicht, dass dies direkt von Putin bestellt wurde, aber es kann von denen bestellt worden sein, die Putin als Staatsoberhaupt sehen wollten. Und von denen gab es eine Menge.

Dmitri Sapolski wurde kurz nach diesem Interview Opfer eines Überfalls. Der lief folgendermaßen ab:

Sapolski bemerkte, dass die Bedrohungen gegen ihn sofort nach der Veröffentlichung seines Interviews mit Radio Freiheit über die Vergangenheit Putins und der Beamten aus seinem Team begannen.

Am Montag, den 12.Oktober, wurde der bekannte Petersburger Journalist Dmitri Sapolski, auf dem Hausboot, auf dem ermit seiner Familie in Thailand lebt, überfallen. Wie Sapolski mitteilte, fand der Überfall auf ihn und seine Familie gegen 9 Uhr Moskauer Zeit in der Stadt Thong Sala auf der Insel Phangan statt.

Ein Unbekannter, der eine Machete in den Händen hielt, brach in das Boot ein, das im Tauchzentrum liegt und auf dem Sapolski mit seiner Familie lebt, mit Geschrei: "Für Putin! Ich vernichte dich auch ohne Polonium" versuchte er sich auf den Journalisten zu stürzen. Dies verhinderten Einheimische, die sich in der Marina in unmittelbarer Nähe befanden. Im Ergebnis dessen rannte der Angreifer davon, nachdem er geäußert hatte, er komme am Abend wieder.

Sapolski bemerkte, dass die Bedrohungen gegen ihn sofort begannen, nachdem er im August und September Radio Freiheit zwei große Interviews über die Vergangenheit Putins und der Beamten seines Teams gegeben hatte.

Sapolski war vor einigen Jahren gezwungen, Russland zu verlassen, nachdem ihn ein Informant aus der Umgebung der Präsidentenadministration gewarnt hatte, dass der Aufenthalt des Journalisten in Russland aufgrund seiner aktiven politischen Position in Russland unerwünscht sei, so informiert der Journalist von Radio Freiheit Viktor Resunkow.

Dmitry Sapolski (*1958) verfügt über drei Hochschulabschlüsse: Geograph, Biologe, Philosoph. Er diente in der Armee, arbeitete als Zollinspektor, Ausbilder für den Tourismus, war Korrespondent der Zeitung "Svoboda", Redakteur der Zeitung "Perekrjostok", Leiter des Jugendamtes für Presse und Information. Er war Abgeordneter des Leningrader Stadtrates (1990 und 1993), 1993 schuf er die Talkshow "Das Babylon des Dmitry Sapolski, die im Regionalfernsehen und im 11.-Kanal lief. Seit 1999 war der Autor und Moderator der informativen publizistischen Talkshow "Petersburger Zeit" im Regionalfernsehen, er war der Leiter des informativ- publizistischen Kanals "Petersburger Zeit" Im Jahr 2012 war er gezwungen, aus Russland auswandern.

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog des Russland-Experten Boris Reitschuster und wurde von Beate Berg aus dem Russischen übersetzt. Hier geht es zum Original.

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