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13/02/2017 07:19 CET | Aktualisiert 14/02/2018 06:12 CET

Wer anderer Meinung ist, ist unmoralisch und unmenschlich

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Das Risiko, in Afghanistan als Zivilist Opfer des bewaffneten Konflikts zu werden, ist etwa dreimal so hoch, wie das in den USA erschossen zu werden. In Chicago kommen auf 2,7 Millionen Einwohner 700 Mordopfer. Das ist eine Rate von 1:4000. Das ist ein höheres Risiko als im Durchschnitt von Afghanistan.

Ein Tagesschau-Kommentator wirft mir Zynismus vor, weil ich überprüfbare Fakten vergleiche. Die Botschaft ist klar: Wer anderer Meinung ist, ist unmoralisch und unmenschlich.

Denken wir das zu Ende. Wir haben seit Jahren Polizisten in Afghanistan ausgebildet. Diese Gruppe hat mit Abstand das höchste Todesrisiko. Mit derselben Logik, mit der verlangt wird, Abschiebungen zu stoppen, müssten wir auch die Ausbildung der Polizei in Afghanistan einstellen. Wir machen uns in beiden Fällen mitschuldig an einem möglichen Tod.

Wir sind in einem moralischen Dilemma

Man sieht, so einfach ist es nicht. Wir sind in einem moralischen Dilemma.

Da wir weniger als 1% der Afghanen bei uns aufgenommen haben und niemand ernsthaft vorschlägt, die zwei Millionen afghanischen Binnenflüchtlinge bei uns aufzunehmen, bleibt als bittere Wahrheit: Das Risiko, in Afghanistan zu sterben, bleibt für 30 Millionen Menschen real und wir können es nur verringern, in dem wir Afghanistan sicherer machen. Nicht durch den Stopp von Abschiebungen.

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Für Abschiebungen muss ein objektiver Maßstab gefunden werden. Berichte von Reisenden über die Zustände in Afghanistan sind das der Natur nach nicht. Es bestreitet auch niemand, dass Afghanistan einer der schlimmeren Orte auf diesem Planeten ist. Und eindeutig ist Afghanistan für Ausländer ein sehr unsicherer Platz. Die Taliban sehen sie als Zielscheibe. Für Afghanen ist es aber anders.

Zur Beurteilung der Angemessenheit einer Abschiebung ziehen Gerichte regelmäßig das Todesrisiko heran. Das ist mit Zahlen objektivierbar.

Für Afghanistan kommen auf 30 Millionen Einwohner 5000 zivile Opfer. Das ist eine Rate von 1:6000.

In den USA kommen auf 300 Millionen Einwohner 15000 zivile Mordopfer. Das ist eine Rate von 1:20.000. Also ist das Risiko, in Afghanistan als Zivilist Opfer des bewaffneten Konflikts zu werden etwa dreimal so hoch, wie das in den USA erschlossen zu werden. Das finden die meisten Menschen überraschend. Ist aber so.

In Chicago kommen auf 2,7 Millionen Einwohner 700 Mordopfer. Das ist eine Rate von 1:4000. Das ist ein höheres Risiko als im Durchschnitt von Afghanistan.

Ein Risiko für Leib und Leben durch die Abschiebung

Natürlich ist Afghanistan in vielerlei Hinsicht völlig anders als die USA. Reichtum, Arbeit, Nahrung, Medizin. Alles nicht vergleichbar. Aber für einen Verzicht auf die Abschiebung eines angelehnten Asylbewerbers ist allein entscheidend, ob ein erhebliches Risiko für Leib und Leben durch die Abschiebung entsteht. Das verneint die Bundesregierung.

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Alles, was ich dazu sage, ist: Das kann man anhand dieser Daten durchaus begründen. Man kann aus humanitären Gründen auch anders entscheiden. Aber moralisch ist weder das eine noch das andere. Es bleibt ein Dilemma.

Von Boris Palmer

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Facebook-Seite von Boris Palmer und auf TheEuropean. Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Winfried Nachtwei, Paul Schäfer, Omid Nouripour.

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