BLOG
28/09/2015 08:02 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 07:12 CEST

Mein Sohn leidet an der Form von Autismus, über die niemand spricht

Shutterstock

Wie die meisten Eltern von autistischen Kindern habe auch ich die Berichterstattung über die Familie in Kalifornien verfolgt, die von anderen Familien in ihrer Nachbarschaft verklagt wird. In der Klage heißt es, dass das Kind der Familie ein Ärgernis sei, da seine Eltern mit dem Verhalten des Kindes überfordert seien.

Einer der Kläger sagte aus, dass es hier nicht um Autismus ginge, sondern um öffentliche Sicherheit.

Aber er hat Unrecht. Natürlich geht es in diesem Fall um Autismus. Nur geht es nicht um die Form von Autismus, über die in der Öffentlichkeit gesprochen wird.

Die Medien versorgen uns mit allerlei Geschichten, die zu Herzen gehen. Das autistische Kind, das Kapitän der Basketballmannschaft der Schule wird. Der autistische Junge, der das hübsche Mädchen zum Abschlussball begleitet. Oder das autistische Mädchen, das zur Ballkönigin gewählt wird. Anlässlich des Welt-Autismus-Tages klopfen wir uns jedes Jahr im April selbst auf die Schulter und beglückwünschen uns zu unserer Offenheit und unserer Toleranz.

Aber wir sind nicht offen und tolerant.

Denn auf jeden autistischen Jungen, der die Basketballmannschaft der Schule anführt, kommen 20 autistische Jungen, die mit Fäkalien spielen. Und auf jedes autistische Mädchen, das zur Ballkönigin gewählt wird, kommen 30 autistische Mädchen, die sich die Haare ausreißen und sich beißen, bis sie bluten. Und auf jeden autistischen Jungen, der zum Abschlussball geht, kommen 50 autistische Jungen, die schlagen und beißen und andere Menschen verletzen.

Über diese Form von Autismus spricht niemand. Und diese Form von Autismus will auch niemand sehen.

Wir sind nicht offen und tolerant.

Einer der Kläger sagte aus, dass nicht der Autismus des Jungen das Problem sei. Seine Gewalttätigkeit gegenüber den anderen Kindern mache ihnen Angst.

Aber aufgrund des Verhaltens des Jungen besorgt zu sein, ohne gleichzeitig seinen Autismus zu thematisieren, funktioniert nicht.

Autismus und Verhalten gehen Hand in Hand. Warum? Weil das Verhalten Kommunikation ist. Autisten können sich oft nicht auf die gleiche Art und Weise mitteilen, wie es Menschen ohne Autismus in der Regel tun. Also machen sie andere Dinge, um ihre Bedürfnisse zu stillen und sich mitzuteilen. Und oft sind diese Dinge unheimlich und von Gewalt gezeichnet.

Wir sind nicht offen und tolerant.

Mein Sohn ist im gleichen Alter wie der Junge in Kalifornien. Er war extrem aggressiv als er jünger war. Er verhielt sich genauso wie der Junge, um den es in dieser Klage geht. Mein Sohn rannte anderen Kindern auf dem Spielplatz hinterher, um sie umzuschubsen. Er schlug. Er trat.

Er biss. Er riss Haare aus. Und ich wusste nie, was als nächstes kommen würde. In der Regel zuckte ich erst einmal zusammen, wenn er auf mich zurannte. Würde er mich umarmen oder würde er mich schlagen? Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man als Mutter zuerst zusammenzuckt, wenn das eigene Kind einem entgegenläuft?

Wir sind nicht offen und tolerant.

Weil ich mir nie sicher sein konnte, was mein Sohn anderen Kindern antun würde, gingen wir nicht mehr in den Park. Wir gingen nicht mehr in die Mutter-und-Kind-Gruppe in der Bibliothek. Wir gingen um 6 Uhr morgens einkaufen, weil um diese Zeit nur wenig Menschen unterwegs waren.

Mein Sohn ging nicht in eine Kindertagesstätte, sondern hatte einen Babysitter bei uns zu Hause. So war er nicht von anderen Kindern umgeben. Ich habe ihn praktisch isoliert, um die Sicherheit anderer gewähren zu können. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man als Mutter nicht mit seinem Kind in den Park gehen kann? Oder das eigene Kind nicht zu Kindergeburtstagen gehen kann? Sich mit anderen Kindern zum Spielen verabreden kann?

Wir sind nicht offen und tolerant.

Weil ich meinen Sohn isolieren musste, isolierte ich auch mich selbst. Vom Fenster aus sah ich zu, wie andere Mütter aus der Nachbarschaft beisammensaßen und sich unterhielten, während ihre Kinder zusammen spielten. Ich konnte mich nicht dazugesellen, weil mein Sohn nicht mit anderen Kindern zusammen sein konnte.

Einmal fragte mich eine Mutter, ob sich unsere Söhne nicht bei ihr zu Hause zum Spielen treffen könnten. Können Sie sich vorstellen, was das für ein Gefühl war? Einerseits die Freude, aber andererseits die Traurigkeit, weil die Einladung zurückgezogen wurde, nachdem ich die Probleme meines Sohnes erklärt hatte.

Wir sind nicht offen und tolerant. Überhaupt nicht.

Aber wir könnten es sein. Wenn wir unsere Augen öffnen und verstehen, dass es bei Autismus nicht um ein Kind mit Superkräften geht, das zwar etwas „lebhaft" ist, aber sonst ganz in Ordnung. Bei Autismus geht es nicht um Sechsjährige, die besser Klavier spielen können als Billy Joel. Autismus kann hart sein. Autismus kann traurig sein. Autismus kann Chaos anrichten. Autismus kann gewalttätig sein. Autismus kann isolierend sein.

Sobald wir alle etwas offener und toleranter geworden sind, werden Klagen wie diese der Vergangenheit angehören. Statt uns gegenseitig am Welt-Autismus-Tag einfach nur zu unserer Toleranz zu beglückwünschen, werden unsere Kinder zusammen spielen und wir werden ihnen dabei helfen: autistische Kinder und Kinder ohne Autismus. Wir werden unsere Nachbarn kennenlernen, wir werden Kinder, die sich auffällig verhalten, genauso willkommen heißen, wie ihre Eltern.

Wir werden lernen, was für den autistischen Klassenkameraden unseres Kindes ein Reiz ist, so dass wir unseren Kindern helfen können, miteinander zu interagieren ohne dabei Aggressionen hervorzurufen. Wir werden eine richtige Gemeinschaft sein, die Menschen eingeschlossen, die uns richtiges Verhalten vorleben und jene, die so bemüht sind, dieses Verhalten zu lernen. Wir werden unsere Kinder lehren, dass es nicht in Ordnung ist, andere Kinder zu schlagen, und wie sie es vermeiden, von anderen geschlagen zu werden.

Die Eltern, die auf beiden Seiten von dieser Klage betroffen sind, müssen mehr tun. Sich noch besser informieren, mehr für die Inklusion tun und mehr Verständnis zeigen und Engagement zeigen.

Und jetzt sagen Sie mir, ist Autismus wirklich ein öffentliches Ärgernis?

Wir können offen und tolerant sein... wenn wir es denn wirklich wollen.

Dieser Artikel erschien zunächst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Lesenswert:

Auch auf Huffpost:

Flucht in die USA: Dieser autistische Flüchtling hörte plötzlich auf zu sprechen - aus einem bewegenden Grund

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite