BLOG
17/08/2015 06:17 CEST | Aktualisiert 17/08/2016 07:12 CEST

Herr de Maizière, reißen Sie sich zusammen - oder hauen Sie ab

CHRISTOF STACHE via Getty Images

Herr de Maizière,

ich bin erschüttert. Sie sind selbst lange in Sachsen tätig gewesen, Sie haben die Zeltstadt besucht, kennen also die offenbar menschenunwürdigen Bedingungen dort.

Und dann sagen Sie im "heute-journal", im Kosovo verdient ein Polizist 143 Euro monatlich und man müsse da noch drunter liegen?

Fällt Ihnen dazu wirklich nicht mehr ein? Fordern Sie als nächstes 2 Euro für Hartz-IV-Empfänger monatlich, weil Kinder in Bangladesch auch nicht mehr verdienen?

Ich verrate Ihnen was

Ich verrate Ihnen was: dem Flüchtling ist es vollkommen egal, woher er kommt. Er braucht das Geld, um HIER über die Runden zu kommen. Deshalb haben sich diese Gelder am Lebensstandard DEUTSCHLANDS zu orientieren, nicht an dem von Pristina.

Denn: da ist er ja nicht mehr, der Flüchtling. Oder planen Sie in Zukunft nach Rasse getrennte, unterschiedliche Sätze? Wer aus Bangladesch kommt, kriegt nen 5er, der Kosovare nen 20er, und der Syrer nen 50er, + einmalig 20 Euro, weil Kriegsbonus?

Haben Sie eigentlich zu viel Zeit bei sich im Ministerium?

Überlegen Sie allen Ernstes, Menschen einfach wieder wegzuschicken, die teilweise alles aufgegeben haben? Dabei ist es unerheblich, ob das Kriegs-, Polit- oder Wirtschaftsflüchtlinge sind.

Wenn Sie nur kreativ werden in der Abschreckung, dann haben Sie, mit Verlaub, überhaupt nichts gelernt.

Stehen Sie überhaupt auf dem Boden des Grundgesetzes?

Ich halte Sie, Herr de Misere, für zunehmend problematisch. Wenn ein Innenminister die Blogger von netzpolitik.org verfolgen lässt, strafrechtlich, wer offenbar - wider besseres Wissen - versucht, einzig und allein Menschen, die nichts mehr haben, den eh schon unliebsamen Aufenthalt noch mehr zu vermiesen: Stehen Sie überhaupt auf dem Boden des Grundgesetzes?

Kennen Sie den Spruch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu schützen und zu wahren ist oberste staatliche Pflicht."? Es macht nicht den Eindruck, dass das für Sie gilt.

Sie nutzen Ihre Kreativität für Aussagen wie: „Die 143 Euro monatlich können wir nicht weiter absenken, da schiebt uns das BVerfG einen Riegel vor - aber wir können ja mehr Sachleistungen und weniger Geld anbieten."

Das. macht. mich. fassungslos.

143 Euro sind jetzt nicht gerade WAHNSINNIG viel Geld. Es ist eigentlich eher VIEL ZU WENIG Geld. Herrschaftszeiten: Lassen Sie es Ihnen! Wälzen Sie nicht das Unvermögen der deutschen Behörden auf die Schwächsten ab!

Ja, es stimmt: die Kommunen sind überlastet. Die Bürger sind auch überlastet, machen sich Sorgen. Ja, es stimmt: Wir alle sind am Rotieren.

Aber anstelle sich neue Geschichten im Handbuch „Wie vergraule ich das verdammte Asylantenpack?" zu überlegen, sollten Sie mal besser mit Ihren europäischen Kollegen konferieren.

„Du kommst hier ned rein."

Setzen Sie sich mal mit Ihrem albanischen, serbischen Kollegen an einen Tisch und entwickeln Sie mal Konzepte, die langfristig tragbar sind, als hier den krassen Türsteher zu geben, der mit schlecht gelaunter Miene verkündet: „Du kommst hier ned rein."

Ich sage Ihnen was: die kommen rein. Früher oder später sind die da. Und einfach die Schotten dicht zu machen, die Jalousien hochzuziehen, ist unwürdig. Es ist peinlich, es ist feige.

Es sollte nicht der Anspruch eines bundesrepublikanischen, deutschen Innenministers sein, dessen eigene Familie aus Elsaß-Lothringen floh - und denen in Brandenburg Zuflucht gewährt wurde.

Was gewähren Sie den Flüchtlingen heute?

Im Moment sieht es sehr nach „Schade, hast halt Pech gehabt." aus.

Ernsthaft: 460.000 - auch wenn es 600.000 sind - lassen sich in diesem Wohlstandsland locker verteilen. Hier hat niemand Hunger zu leiden, wenn man den Menschen, die eh nichts mehr haben, einen Neustart ermöglicht.

Ganz im Gegenteil: Wir werden damit zur Schmelztiegel-Nation. Und die Leute sind uns dankbar, ohne Ende dankbar. Die freuen sich, egal wo in Deutschland, wenn sie mal nicht zu MG-Feuer aufwachen. Oder mal mehr Chancen als Tristesse sehen, wenn sie aus dem Kosovo kommen.

Das Ende der Maiziere-Misere

Schicken Sie da doch mal Deutsche hin! Wir sind doch die Weltmeister im Organisieren! Nehmen Sie ein paar Balten mit, die haben Ahnung, wie man eine digitale Verwaltung aufbaut! Wir machen denen den Marshall, so wie es vor 65 Jahren die Amis bei uns machten!

Ach, was sage ich? Halten Sie sich an die Gesetze. Mit Ihrem Verfassungsschutz, mit dem Asylrecht, mit der - offenbar lästigen - Verfassung.

Mensch, reißen Sie sich mal ein bisschen zusammen! Nutzen Sie Ihren Kopf mal kreativ - und zwar menschlich!

Oder treten Sie ab. Es wäre - in beiden Fällen - das Ende der Maiziere-Misere.

Dieser Artikel erschien zuerst auf deinespd.de.

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Lesen Sie auch:

Video: Sie kämpfen gegen das Ertrinken: Dramatische Szenen im Video: Flüchtlinge werden auf Wrackteilen angeschwemmt

"Ruinieren Sie sich nicht": Mit diesem Video will die Regierung Flüchtlinge aus dem Balkan abschrecken

Faktencheck: Was bekommen Flüchtlinge eigentlich alles in Deutschland?


Hier geht es zurück zur Startseite