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02/06/2015 08:44 CEST | Aktualisiert 02/06/2016 07:12 CEST

Frau Merkel, wir brauchen mehr Frauen in Kultur und Medien

Getty

Die Zahlen sind verheerend: Nur bei 12% der Sendeminuten im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen führen Frauen Regie, ca. 20% sind es im Kino. Die Filme zeigen ein entsprechend stereotypes Frauenbild: In den meisten Filmen haben Frauen weder einen Namen noch einen Beruf.

Mit nur 24% weiblichen Hauptrollen in deutschen Kinderfilmen und damit Vorbildern für Mädchen wächst die künftige Generation in eine Gesellschaft hinein, die kaum den Grundwerten unserer Demokratie entspricht. Gleichberechtigung, Toleranz und Diversität müssen durch die Medien stärker gefördert werden. Darum:

Lasst mehr Frauen Regie führen und damit ihre eigenen Geschichten erzählen!

Die Diversität unserer Gesellschaft sollte sich auch im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender widerspiegeln. Dieses Ziel hat der Verein Pro Quote Regie, ein Zusammenschluss von deutschen Regisseurinnen.

Zum G7-Gipfel starten wir eine Kampagne auf Change.org, die sich an die Staatspräsidenten der G7-Länder wendet - in Deutschland an Angela Merkel - und dazu auffordert, die Forderung nach der im Grundgesetz stehenden Gleichberechtigung zur Chefsache zu erklären.

Offener Brief an Angela Merkel

Liebe Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,

haben Sie sich in letzter Zeit, wenn Sie einen Film oder eine Serie anschauen, vielleicht folgende Fragen gestellt:

Gibt es mehr als zwei Frauen im Film, die auch einen Namen haben?

Sprechen sie miteinander?

Und sprechen sie über etwas anderes als einen Mann?

Diese einfachen Fragen stellt der Bechdel-Test, der inzwischen als Messlatte für die Präsenz von Frauen im Film weltweit Anwendung findet. Es wird Sie erstaunen, dass auch in Deutschland nur knapp 14% der Filme diesen Test bestehen.

In überdurchschnittlich vielen Filmen haben Frauen weder Namen noch Beruf, sind nur spärlich bekleidet und reden kaum. Dies ist ein weltweites Phänomen. In amerikanischen Blockbustern fanden sich im Jahr 2013 gerade mal 15% an weiblichen Hauptrollen. Kinderfilme zeigen nur 24% Frauen in Hauptrollen und damit kaum weibliche Vorbilder für die heranwachsende Generation.

Sie werden sich während des G7-Gipfels für die Stärkung von Frauen bei Selbständigkeit und beruflicher Bildung einsetzen. Wir als Pro Quote Regie begrüßen das sehr und hoffen, dass dort auch über die Situation von Frauen in der Medienbranche gesprochen wird.

Pro Quote Regie ist ein Zusammenschluss von 320 Regisseurinnen und hat sich im Jahr 2014 gegründet. Anlass war das eklatante Missverhältnis bei der Beschäftigung von Frauen und Männern im Regieberuf. Obwohl in den letzten zehn Jahren jedes Jahr 42% Regieabsolventinnen erfolgreich ihre Ausbildung an einer deutschen Filmhochschule abschließen, werden nur 11% der Sendeminuten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und 20% der Kinofilme in Deutschland von Frauen inszeniert.

Keines der Gremien, das in Deutschland über Fördermittel für Film- und Fernsehen entscheidet, ist paritätisch besetzt. Weltweit sind die Zahlen nicht anders. In fast jedem Land gibt es inzwischen Organisationen unserer Art.

Wir alle wissen, wie einflussreich Medien bei der Meinungsbildung sind und welche Vorbildfunktion sie haben.

Englische Studien über den Einfluss von Telenovelas in Brasilien zeigen, wie stark Filme und Serien bis in die kleinsten Details des Denkens und der Lebensführung wirken können. Die mangelnde Beschäftigung der Frauen in den kreativen Schlüsselpositionen hinter der Kamera und damit der Mangel an starken weiblichen Rollen und Geschichten ist daher auch ein gesellschaftliches Problem. Sie hat einen großen Einfluss auf das Bild der Frau, wie es über die Medien weltweit kolportiert wird.

Das reaktionäre, stereotype Frauenbild in den meisten unserer Filme widerspricht dabei nicht nur den demokratischen Werten der G7-Staaten.

Es unterstützt die repressiven Tendenzen gegenüber Frauen auf der ganzen Welt. In einer Zeit, in der sich weltweit die Rechte der Frauen auf dem Rückzug befinden und Gewalt gegen Frauen täglich zunimmt, ist dies aus demokratischer Sicht politisch nicht mehr hinnehmbar!

Gemeinsam mit unseren Schwesterorganisationen aus Frankreich, England, Kanada und den USA wenden wir uns daher an Sie, in Ihrer Funktion als amtierende G7-Ratspräsidentin. Wir bitten Sie, sich diesem dringlichen Thema anzunehmen.

Setzen Sie Signale für eine diverse und demokratische Welt, auch in den Medien.

Für Deutschland fordern wir, dass bei der Verteilung von öffentlichen Geldern, wie sie bei öffentlich-rechtlichen Sendern, sowie bei den Filmförderungen zum Einsatz kommen, auf die im Grundgesetz und den Rundfunkstaatsverträgen verankerte Verpflichtung zur Gleichberechtigung geachtet wird.

Diese Gelder sollten gendergerecht verteilt werden. Eine paritätische Besetzung aller kulturellen Gremien sollte selbstverständlich sein und nötigenfalls mit gesetzlichen Verpflichtungen und der Technik des leeren Stuhls umgesetzt werden. Bei einer Quote für Frauen in führenden Positionen sollte gerade im stark subventionierten Kulturbereich nicht halt gemacht werden!

Die G7-Staaten und Deutschland stehen für Chancengleichheit und Toleranz.

Nur mit der Beschäftigung von mehr Frauen in den kreativen Schlüsselpositionen kann gewährleistet werden, dass auch in den Medien unsere diverse, offene und demokratische Gesellschaft repräsentiert wird.

Offener Brief zum Mitzeichnen: www.change.org/g7proquote

Mehr Informationen zu Pro Quote Regie: http://www.proquote-regie.de/

Video: Für dieses Youtube-Video gab es 91 Peitschenhiebe und sechs Monate Haft

7 Dinge, die Frauen über ihren Körper nicht wissen


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