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28/12/2015 11:34 CET | Aktualisiert 28/12/2016 06:12 CET

Vom Friedensboten zum Hassobjekt - Fakten über Stadttauben, die man kennen sollte

thinkstock

Würde man in unseren Städten Hunde oder Katzen so behandeln, wie wir mit den Stadttauben verfahren, gäbe es empörte Proteste unter den Tierfreunden. Seltsamerweise registriert kaum jemand, dass jeden Tag unzählige dieser Vögel vor unseren Augen ums Überleben kämpfen.

Niemand stört sich daran, dass sie auf behördliche Anordnung elend verhungern, dass sie wie Ungeziefer von jedem verscheucht und gejagt werden dürfen, geschwächte, abgemagerte Tiere, zum Teil mit grauenhaften Verletzungen und verkrüppelten Beinen, ...und alle verzweifelt auf der Suche nach etwas Futter.

Tauben sind keine Wildtiere, ein Fütterungsverbot ist daher Tierquälerei


Wie Hunde und Katzen sind Stadttauben Haustiere oder deren Nachkommen. Sie wurden einst von Menschen gezüchtet, es sind verirrte oder erschöpfte Brieftauben, ausgesetzt, sich selbst überlassen und ohne den Menschen nicht überlebensfähig.

Tauben werden gern als Ungeziefer oder Plage bezeichnet, kämpfen sich meist durch ein viel zu kurzes Leben, das einzig von Angst, Hunger und Schmerzen geprägt ist. In den meisten Städten herrscht striktes Fütterungsverbot, eine Maßnahme, die nicht nur äußerst grausam ist, sondern auch kontraproduktiv.

Etwa 40 g Futter am Tag benötigt eine ausgewachsene Taube zum Überleben. Viele Stunden sind sie täglich zu Fuß unterwegs, um etwas Nahrung zu finden. Dabei verfangen sich am Boden liegende Schnüre,Fäden, Plastikteile oder Haare an ihren Füßen und verschnüren sich dort, bis die Zehen abgestorben sind. Ein monatelanger und sehr schmerzhafter Leidensweg. Tauben überleben in unseren Städten unter diesen erbärmlichen Lebensbedingungen selten länger als 2 Jahre, obwohl sie 12 - 15 Jahren natürliche Lebenserwartung hätten.

Tauben sind keine Müllschlucker


Artgerechte Nahrung für diese Vögel besteht nicht aus Essensresten sondern sie sind Körnerfresser. In unseren Innenstädten finden sie nicht einmal einen Bruchteil der benötigten Menge, also fressen sie hungrig alles, was als Abfall auf den Strassen landet und weil das meiste davon nicht bekömmlich ist, quittiert das Tier diese nicht artgerechte Nahrung mit dem sogenannten Hungerkot, den es in großen, flüssigen Klecksen absondert. Erhalten Tauben artgerechtes Futter, setzen sie Kot in kleinen, festen Häufchen ab.

Entgegen der landläufigen Meinung, greift dieser steinartige Strukturen nicht an (Prüfbericht Techn. Universität Darmstadt, 2004). Taubenkot ist zwar lästig aber zerstört nicht die Oberflächenstrukturen von Bausubstanzen wie Beton, Sandstein, Klinker, Ziegel oder Nadelholz. Es mutet fast ironisch an, wenn das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hierzu feststellt :

Weitaus gravierender sind die "indirekten Schädigungen" (an den Gebäuden). Aufgeführt werden dann Schäden, die erst durch Taubenabwehr entstehen, "Bohrungen für Taubenstifte, Taubennetze etc.

Der Ornithologe Prof. Dr. Jürgen Nicolai, rechnet totale Fütterungsverbote für Stadttauben sogar den Tötungsmethoden zu. Weil sie Tiere dem langsamen Hungertod ausliefern, stellen sie als Tierquälerei einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar, denn :

"Durch die Jahrhunderte lange Bindung an den Menschen und seine Städte sind Stadttauben in ihrem Nahrungserwerb völlig auf den Menschen angewiesen".

In der Stadt findet sich für die hungrigen Vögel so gut wie kein natürliches Futterangebot, schon gar nicht im Winter. Der angebliche Zusammenhang von hohem Nahrungsangebot und erhöhter Vermehrung, der von den Behörden und Taubenfeinden immer wieder als ein Grund für Fütterungsverbote angegeben wird, gilt einzig für Wildtiere.

Diese können ihren Nachwuchs nach Nahrungsangebot steuern. Stadttauben brüten unabhängig von Jahreszeit und Nahrungsangebot. Ein Basler Tierversuch ergab sogar, dass hungernde Stadttauben mehr brüten als ausreichend ernährte .

Hartnäckig haftet den Tieren auch das falsche Image des "gefährlichen Krankheitsüberträgers" an. Fakt ist, dass grundsätzlich alle Lebewesen Krankheiten übertragen können, das Risiko einer Ansteckung für den Menschen ist jedoch weitaus geringer, als als oft in den Medien verbreitet wird.

Die im Taubenkot nachgewiesenen und oft zitierten Salmonellen-Erreger beispielsweise, sind rein tierartspezifisch und auf den Menschen so gut wie nicht übertragbar. Die Einstufung der Taube als "Schädling" (Bundesseuchengesetz 1966) wurde bereits 1989 aufgrund neuer Forschungsergebnisse zurückgenommen.

Grausame Methoden der Taubenabwehr und Tötung


Beliebte Taubenabschreckungen, wie Spikes, Dornen, Klebepasten, Glasscherben, Stromdrähte, Netze und Spanndrähte, sollen Tauben am Ruhen oder Nisten hindern. Da es in den Innenstädten kaum noch geeignete Nist- und Ruheplätze für die Tiere gibt, bleibt den Tauben oft keine andere Wahl, als trotzdem zu brüten und zu ruhen, wo diese grausamen Vorrichtungen angebracht wurden. Besonders Jungtauben ziehen sich an den messerscharfen Abwehrvorrichtungen schwerste Verletzungen und Verstümmelungen zu.

Mit klaffenden Wunden, auf dem Bauch kriechend oder hinkend, oft nur noch mit einem Beinstumpf, quälen diese Tauben sich dann bis zum elenden Ende durch den täglichen Kampf um Überleben und Futter. Zusätzlich verätzt im Winter das überall ausgebrachte Streusalz schon bei kleinsten Entzündungen die empfindlichen Füsse wie Salzsäure.

Nach wie vor versuchen viele Städte, die Tiere durch Massentötungen zu reduzieren oder komplett auszurotten. Eine zu recht oft scharf kritisierte Vorgehensweise.

Die Tauben werden vergiftet, abgeschossen, ausgehungert oder zur "fachgerechten" Tötung (Spritze, Köpfen, Kopfabriss oder Genickbruch) eingefangen. Letzteres geschieht mit Netzen oder Käfigen (beispielsweise auf hohen Flachdächern), wo die Tiere mit Futter angelockt werden. Zurück bleiben verwaiste, hilflose Jungtiere, die verhungern oder erfrieren.

Selbst wenn nur ein Elternteil stirbt, haben Jungtiere keine Chance zu überleben, da für die Brutpflege beide Elternteile unentbehrlich sind. Nachweislich verringern diese Tötungsaktionen die Populationen stets nur für kurze Zeit. Verwaiste Brut- und Schlafplätze werden von "frischen", zugeflogenen Tauben wieder neu besetzt.

Es geht auch anders


Doch es geht es auch anders! Wie man tierschutzgerecht handelt und trotzdem den Bestand erfolgreich reduziert, demonstrieren bereits einige Städte, wie Augsburg, Aachen, Witten, Karlsruhe, Stuttgart, Erlangen, Wuppertal oder Esslingen...und die Liste wächst beständig.

Bürger, Kommunen,Tierschutz und Medien arbeiten dort Hand in Hand.

In eigens eingerichteten und von ehrenamtlichen Helfern betreuten Taubenschlägen können die Stadttauben gezielt angesiedelt und deren Vermehrung kontrolliert werden.

Wenn Taubenschläge zur Verfügung stehen, ziehen die Vögel dorthin um. Zusätzlich werden die übrigen Nistplätze unzugänglich gemacht und das Futterangebot an anderen Plätzen reduziert. Durch regelmäßige Fütterung werden die Tauben an diese Standorte gewöhnt und gebunden.

Die kontrollierte Fütterung bewirkt, dass die Tauben nicht mehr gezwungen sind, in den Innenstädten nach Futter zu suchen und zu betteln, ihr Allgemeinzustand sich deutlich verbessert und Krankheiten seltener auftreten. Außerhalb der Taubenschläge wird das Fütterungsverbot streng eingehalten.

Tauben, die nun einen Heimatschlag haben, setzen dort auch ihren Kot ab, der dann von freiwilligen Betreuern regelmäßig entfernt wird. Auch die tier(schutz)gerechte Populationsverringerung ist durch diese Taubenhäuser möglich. Man tauscht die Taubeneier einfach gegen Gipseier aus.

Eine Vorgehensweise, die hoffentlich noch viele Nachahmer findet, wenn immer mehr Tierschützer dem Leid der Stadttauben eine Stimme verleihen . Diese hochintelligenten, sozialen und liebenswerten Tiere hätten es verdient!

Für Interessierte, es gibt eine Gruppe auf Facebook, die sich für die Stadttauben engagiert. : Stadttauben sind KEIN Ungeziefer

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