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01/11/2015 08:09 CET | Aktualisiert 01/11/2016 06:12 CET

Nicht Hetzer, nicht Gutmensch...sondern einfach Mensch!

Creative-idea via Getty Images

Jeden Tag ärgern oder verstören mich , genau wie Euch, die Meldungen über (angebliche) Fehlverhalten von Flüchtlingen. Ich schreibe "angeblich", weil ich immer alle Quellen verfolge und viele davon sind wirklich schlicht erfunden oder gefaked.

Ein Teil davon ist jedoch tatsächlich wahr und es wird Zeit, mit aller Härte des Gesetzes durchzugreifen, wenn Gewalt und Gesetzesbrüche vorliegen. Null Toleranz in diesem Fall!

Aber noch viel mehr ärgert und verstört es mich, dass viele von uns nicht mehr differenzieren.

Es gibt nicht "Die Flüchtlinge". Genauso wenig, wie es "Den Deutschen" gibt. Sie sind aus zig verschiedenen Ländern, mit zig verschiedenen Kulturkreisen und Hintergründen hier und besonders die Menschen, die aus Syrien fliehen müssen, haben Schicksale und Verluste hinter sich, die sehr an unsere Flüchtlingsdramen aus dem 2. Weltkrieg erinnern.

Sie hatten eine Existenz, ein Haus, eine Wohnung, einen Job, Markenkleidung und Handy, wie Du und ich. Sie haben einen Glauben, den sie größtenteils sehr moderat leben, oder auch gar nicht, genau, wie Du und ich.

Sie trauern um ihre Angehörigen, jeder hat Verluste aus dem Krieg zu beklagen, der gerade ihr Land, ihre Heimat verwüstet. Jeder hat eine Geschichte, die allein beim Zuhören die Tränen in die Augen treibt. Sei es, weil sie die Liebsten zurücklassen mussten, Gewalt, Terror, Hunger und grauenhafte Angst durchlitten haben.

Sei es, weil sie Angehörige, Kinder verloren haben, die Familiengräber und die Haustiere....und die gesicherte Zukunft. Sie haben Angst vor den religiösen Fundamentalisten, vor deren Repressalien.

Sie müssen , wenn es dumm läuft, sogar Seite an Seite im Bett der Notunterkunft mit ihnen schlafen.

Und zusätzlich haben sie Angst vor den Leuten, die sie auf der Strasse anfeinden , oder sogar angreifen, weil sie auf den ersten Blick als "Flüchtling" erkennbar sind.

Sie sind stolz und wären lieber heute als morgen wieder unabhängig. Sie lernen hoch motiviert deutsch und würden gerne arbeiten dürfen, auch ehrenamtlich, was sie oft nicht dürfen.

Sie bemühen sich um Deutschunterricht, den sie sehr oft nicht erhalten, weil es an Lehrkräften mangelt oder weil es den Kurs erst bei Bewilligung des Asylantrags gibt.

Viele sprechen bereits 2,3 Sprachen, haben Hochschulabschlüsse und werden bald auch Steuern zahlen, verstehen unsere Sorgen und Bedenken besser, als mancher Diskussionspartner in deutschen Foren ;-)

Sie müssen in den Lagern ausharren, selbst wenn private Unterkunft möglich wäre, bis ihr Asyltermin, die Anhörung an der Reihe ist. Derzeitiger Stand in Sachsen Anhalt, Februar 2016 (!).

So viel auch zu dem Thema, warum Flüchtlinge einfach aus den Lagern verschwinden.

Sie ziehen weiter, zu Angehörigen oder Freunden, die sie gerne aufnehmen. Die Alternative ist nämlich, monatelang Bett an Bett mit ein paar Hundert wildfremden Leuten, null Privatsphäre und verdreckten Toiletten.

(Es sind Flüchtlinge aus aller Herren Länder, Religion und Herkunft und den unterschiedlichsten Vorstellungen von Umgangsformen und Hygiene in diesen Sammellagern zusammengewürfelt ).

Natürlich ist das Leben im Lager besser als ein Leben im Kriegsgebiet.

Aber ganz ehrlich...das hätten wir besser und effektiver organisieren können, wenn unsere Politiker die Lage nicht komplett verschlafen und unterschätzt hätten. Flüchtlingsströme gibt es nicht erst seit gestern.

Ich bin keine Sozialromantikerin, möchte nichts schön malen: Es liegt eine gewaltige Herausforderung vor uns. Vieles müsste besser funktionieren, viele Fehler werden gerade gemacht. Aber bitte werft nicht alles in einen Topf. Bitte glaubt nicht jede Meldung und helft mit, die menschenverachtenden Kommentare und Lügen aufzuhalten. Kritik ja...aber keine Hetze.

Mittlerweile ist es wieder so weit in Deutschland, dass ich begründete Angst haben muss , meine syrische Freundin allein mit der Bahn zu mir reisen zu lassen. Es gibt zu viele Idioten, die Flüchtlinge attackieren, zu viele Idioten, die sie anpöbeln oder bedrohen!

Dagegen werde ich ankämpfen, und bitte Euch, das Gleiche zu tun. Zeigt Hetzern und Hassern die rote Karte! nach dem Motto: Verständnis ist aus...ab jetzt gibt es Konsequenzen!

Zeigt am besten allen Hetzern und Hassern, die rote Karte. Egal aus welchem politischen Lager sie sind. Egal aus welchem Grund sie das tun !

Hetzen, polemisieren, diffamieren und lügen hat eine Nation noch nie weiter voran gebracht.

Unsere Generation ist nicht verantwortlich dafür, was damals im 3. Reich passiert ist. Aber wir haben es in der Hand, wie wir heute mit dieser Herausforderung umgehen.

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