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17/08/2015 10:49 CEST | Aktualisiert 17/08/2016 07:12 CEST

Ein Sommer ohne Wespen...

ullstein bild via Getty Images

...wäre wesentlich unangenehmer als der Sommer mit ihnen...

Gestern im Biergarten war wieder einmal showtime. Erstaunlich, wie ein paar harmlose gelb-schwarz gestreifte Insekten allein durch ihre Anwesenheit Menschen in Hysterie und Panik versetzen können.

Da wird wild um sich geschlagen, geflucht, fluchtartig der Tisch verlassen und argwöhnisch die Umgebung abgesucht. Da wird erschlagen, zertreten, abgefackelt, ersäuft, als wären die Störenfriede am Tisch nicht Wespen sondern kleine Drohnen mit tödlichen Kampfstoffen an Bord. Menschen sind manchmal wirklich seltsam.

Während ich dieses Spektakel um mich herum mit einer Mischung aus Belustigung und Bedauern verfolgte, fischte ich mit dem Strohhalm immer wieder abgestürzte Wespen aus meinem Glas. Magisch angezogen vom Duft des frisch gepressten Karottensafts, waren sie vom Glasrand abgerutscht und strampelten jetzt in der zähen Flüssigkeit um ihr Leben.

Erleichterung auf dem Strohhalm

Wüsste ich es nicht besser, würde ich schwören, jedesmal so etwas wie Erleichterung auf dem winzigen Wespen Gesicht zu erkennen, wenn sie den Strohhalm fest umklammern, sich ohne Gegenwehr herausheben lassen und anschließend bedröppelt putzen.

Possierlich und gewissenhaft werden nach der gründlichen Säuberung Fühler und Flügel auf Funktion überprüft. Dann wird sofort der nächste Anflug gestartet, der nächste Versuch, etwas von der begehrten Beute abzubekommen. Eines muss man den Wespen lassen...hartnäckig sind sie...und gierig.

Gierig auf Süßes

Zur Zeit sind sie besonders gierig auf Süßes, auf jede üppige Energiequelle. Je mehr davon , desto besser. Wenn der Nachwuchs erfolgreich großgezogen wurde, benötigen die jungen Königinnen viel Zucker als Energiedepot um den Winter zu überstehen.

Denn nur die Königinnen werden den Winter überleben, nur sie sind für den Fortbestand des Schwarms verantwortlich und werden für diese wichtige Aufgabe entsprechend umsorgt. Wie bei den Ameisen oder den Bienen sind alle Arbeiten aufgeteilt.

Die einen Wespen sind für die Bauarbeiten des Nests verantwortlich, andere müssen es bewachen oder Nahrung für die Larven oder die Königin beschaffen. Kein Wunder, dass vieles, was wir im Sommer gerne im Freien verspeisen und was für die Wespen vermeintlich frei verfügbar und einladend auf dem Tisch herumsteht, eine magische Anziehungskraft auf die ausgehungerten Akkordarbeiter ausübt.

Angriffsstimmung

Gestochen werde ich bei solchen Rettungsaktionen übrigens nie. Wespen stechen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel aber normalerweise bringt man sie erst durch den Versuch, sie zu vertreiben, so richtig in Angriffsstimmung.

Nicht nur fuchteln und wild um sich schlagen reizt die Insekten bis aufs Blut, sie anzupusten ist auch nicht ratsam. Beim Ausatmen wird nämlich Kohlendioxid freigesetzt, für die Wespen eine Art Alarmsignal. Ich nenne diese Handlungsweise "um einen Stich betteln".

Die Wespe reagiert instinktiv auf jede Bedrohung mit ihrem Giftstachel und da sie diesen, anders als die Bienen, öfter einsetzen kann, ohne dabei ihr Leben zu verlieren, ist die Reizschwelle niedriger.

Viele Wespen

Es stimmt, was in allen Zeitungen steht, in diesem Sommer gibt es tatsächlich ziemlich viele Wespen. Allergiker sind gefährdet und auch auf Kinder mit klebrigen Fingern oder den Resten der letzten Eiscreme am Mund, sollte man gut acht geben.

Für den Rest der Bevölkerung stellt ein Stich jedoch keine ernste Gefahr dar, es sei denn er findet im Mund statt. Bei solchen Stichen sind sehr oft Behältnisse , die man nicht einsehen kann, Getränkedosen oder Flaschen aus dunklem Glas beteiligt. Eine ertrinkende Wespe ist eine wütende Wespe, landet sie im Mund und sticht zu, sind die Folgen lebensbedrohlich.

Solange die kleinen Nervensägen jedoch nur lästig herumschwirren, ist ruhig bleiben oder eine alternative Nahrungsquelle anbieten die bewährteste Strategie. Überreife Weintrauben lieben sie besonders, ein paar von den Früchten neben dem Esstisch oder Grillplatz platziert macht Mensch wie Wespe glücklich, denn beide können in Ruhe verspeisen, was ihnen schmeckt.

Taffe Organisationstalente

Auch sonst spricht vieles dafür, die ungebetenen Gäste am Tisch nicht gleich mit Mordlust zu verfolgen. Wie Bienen haben diese taffen Organisationstalente eine äußerst wichtige Funktion in unserem Ökosystem.

Ein Wespenstaat kann bis zu 2 kg Insekten pro Tag vernichten. So bekämpfen sie effizient und auf natürliche Weise unliebsame Schädlinge, da sie ihre Larven mit zerkauten Insekten füttern.

Neben der Funktion als Gesundheitspolizei im Garten bestäuben sie, genau wie ihre beliebten Verwandten, die Bienen, auch Blütenpflanzen. Ein Sommer ohne Wespen wäre für uns daher wesentlich unangenehmer als der Sommer mit ihnen

Mieses Image

Wespen sind friedliebender als ihr mieses Image vermuten lässt. Einige Arten, wie die Mittlere Wespe, stehen sogar bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten, weil sie immer wieder grundlos vertrieben werden und man ihre Nester vernichtet.

Eine oft überflüssige Maßnahme, denn bei frei hängenden Nestern handelt es sich um die Bauten harmloser Wespenarten, die weder an unseren Speisen interessiert sind noch durch aggressives Verhalten auffallen.

Wie jedes Lebewesen sind sie darauf bedacht, ihren Nachwuchs zu schützen und so reicht es völlig aus, die Einflugschneise freizuhalten und hektische Bewegungen in der Nähe zu vermeiden.

Als bekennende Wespenfreundin in der Minderheit

Ich gebe zu, besonders in diesem Sommer gehöre ich als bekennende Wespenfreundin einer unverstandenen Minderheit an. Trotzdem würde ich jedem gern ans Herz legen, sich im Bezug auf Wespen ein bisschen erwachsener zu verhalten.

Die ungeliebten Störenfriede sind ein wichtiger Teil unseres Ökosystems, Schädlingsbekämpfer, Blütenbestäuber, Gesundheitspolizei im Garten, sie arbeiten hart, sorgen gewissenhaft für ihre Königinnen und den Nachwuchs, stechen nur, wenn sie sich angegriffen fühlen und lieben nun einmal Süßes. Eigentlich ganz sympathisch. Was ihnen fehlt, wäre einfach etwas freundlichere Publicity.


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