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06/08/2015 06:17 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 07:12 CEST

Meine Antwort an einen Kritiker

dpa

Als "blanken Unsinn" und "abstrakte Lehrbuchweisheit" kritisiert Burkhardt Brinkmann in einem Gastbeitrag für die Huffington Post meine Argumentation, weshalb Privatisierungserlöse in Griechenland mutmaßlich klein und vor allem ohne nennenswerten fiskalischen Effekt bleiben werden. Seine abschätzigen Bemerkungen beruhen aber nur darauf, dass er selbst in grober Weise irrt.

Zunächst: Die "Lehrbuchweisheit" wird von ihm gar nicht bestritten. Sie besteht darin, dass der Wert eines Vermögensgegenstandes der Summe der (angemessen diskontierten) zukünftig erwarteten Gewinne entsprechen sollte. Es ist gut, dass Brinkmann mir immerhin in diesem Punkt prinzipiell zustimmt.

Nun sind bei dem früheren griechischen Privatisierungsprogramm statt der angestrebten 50 Mrd Euro Erlös noch nicht einmal ein Zehntel davon realisiert worden. Daraus schlussfolgere ich, dass die erwarteten Gewinne aus griechischem Staatsbesitz gering sind und deshalb durch eine Privatisierung keine großen Summen zu erlösen sein werden. Brinkmann sieht dies anders, denn, so sein Argument, durch den Übergang in privaten Besitz könnte der Privatinvestor die Gewinnträchtigkeit der Unternehmungen kräftig steigern.

Deshalb wäre die Zahlungsbereitschaft des Privatinvestors sehr viel höher als der Wert des Betriebes aus Sicht des Staates und folglich könnten die Privatisierungserlöse viel höher ausfallen als von mir erwartet. Brinkmann glaubt, der Investor sei bereit, einen Kaufpreis zu entrichten, "der sich tendenziell eher an seinen Gewinnerwartungen orientiert statt an der aktuell unter Staatsregie erzielten Rendite." Die naheliegende Frage aber ist: Warum sollte er?

Warum sollte der Privatinvestor mehr zu zahlen bereit sein als den Preis, ab dem der Verkauf des Betriebes für den Staat lohnend wäre?

Brinkmann und ich sind uns einig, dass der typische griechische Staatsbetrieb defizitär ist oder allenfalls geringe Gewinne erwirtschaften kann. Deshalb ist der Staat willens, den Betrieb zu verkaufen, sobald ihm mehr geboten wird als die (diskontierte) Summe der Gewinne, die der Staat künftig mit dem Betrieb erwirtschaften könnte.

Aus dieser für ihn unwillkommenen Erkenntnis befreit sich Brinkmann, indem er implizit unterstellt, dass es bei der Privatisierung viele rivalisierende Bieter gäbe, durch die die Bieter den Preis in die Höhe und bis an den Wert der eigenen Gewinnerwartungen herantreiben würden.

Das aber, lieber Herr Brinkmann, ist "abstrakte Lehrbuchweisheit", die mit der griechischen Realität nichts zu tun hat. Von einer nennenswerten Bieterkonkurrenz ist in Griechenland weit und breit nichts zu sehen. Da ist man froh, wenn man pro Objekt wenigstens einen interessierten Investor gewinnen kann. Und dieser Investor weiß, dass der griechische Staat unter Zeitdruck steht und dass er unbedingt verkaufen muss, um Illiquidität und Staatsinsolvenz zu vermeiden.

Dieser Investor hat viele andere Möglichkeiten, sein Geld zu investieren, und er weiß, dass der Staat das weiß und dass andere Interessenten für das zu privatisierende Objekt nicht gerade Schlange stehen.

Die Verhandlungsmacht ist sehr ungleich verteilt in Griechenland:

Typischerweise liegt sie beim Investor und nicht beim Staat. Kaum ein Investor muss fürchten, überboten zu werden. Und deshalb wird der Investor dem Staat nur das bezahlen, was der Betrieb aus Sicht des Staates eben wert ist. Alles andere würde den elementaren Interessen des Investors zuwider laufen. Alles andere ist naives Wunschdenken.

Brinkmann irrt auch in zwei weiteren Punkten: Erstens: Nie wird ein Privatinvestor bereit sein, einen Kaufpreis zu entrichten, der seinem eigenen erwarteten Gewinnstrom entspricht. Denn dann hätte die Investition des Privatinvestors eine erwartete Rendite von Null. Der Privatinvestor will vielmehr einen Gewinn aus der Privatisierung ziehen, und das geht nur, wenn er den Betrieb (aus seiner Sicht) unter Wert kauft.

Anders ausgedrückt: Der Privatinvestor will eine kräftige Rendite auf sein eingesetztes Kapital erwirtschaften. Das ist ihm nicht zu verübeln - dafür ist er Unternehmer. Wenn der Staat nicht zu einem relativ niedrigen Preis verkauft, wird er eben nicht investieren.

Ganz bestimmt wird der Investor nicht den Preis bezahlen, den der Betrieb aus seiner Sicht wert ist.

Dass Brinkmann in diesem Zusammenhang polemisiert, ich würde als Marktwirtschaftler die durch eine Privatisierung mögliche Steigerung betrieblicher Rentabilität verkennen, ist nun wirklich "blanker Unsinn". Eine Privatisierung ist überhaupt nur deshalb möglich, weil diese Rentabilitätssteigerung möglich ist.

Selbstverständlich ist eine Privatisierung betriebswirtschaftlich sinnvoll, wenn und weil es zu dieser Rentabilitätssteigerung kommt. Mein Punkt ist nicht der betriebswirtschaftliche Effekt, sondern der fiskalische: Für den Staat kann die Privatisierung fiskalisch bedeutungslos sein, weil ihm zukünftige Gewinne im annähernd gleichen Wert entgehen.

Diese zukünftigen Gewinne des Staates - und hier irrt Brinkmann erneut - beinhalten aber auch die Möglichkeit, dass der Staat selbst das Mißmanagement beendet und durch Restrukturierung die Unternehmung besser und gewinnträchtiger führt als bislang. Niemand bestreitet, dass dies in Griechenland möglich ist. Der Wert eines Staatsbetriebes bemisst sich auch aus Staatssicht nicht an der "aktuell unter Staatsregie erzielten Rendite", wie Brinkmann fälschlich schreibt.

Auch der Staat kann die Rentabilität seiner Unternehmen verbessern

Er ist höher, denn auch der Staat kann die Rentabilität seiner Unternehmen verbessern. Deshalb wird der griechische Staat auch weder ungenutzte Grundstücke noch defizitäre Staatsbetriebe verschenken, wie Brinkmann kurioserweise insinuiert. Der griechische Staat verlangt "seinen" Preis für die Privatisierung seines Eigentums.

Die entscheidende Frage ist, ob angesichts aller makroökonomischen Risiken und Unwägbarkeiten ein privater Investor mit dem Kauf von griechischem Staatseigentum überhaupt eine hinreichend große Rendite erzielen kann, um auch nur die Zahlung dieses Preises zu rechtfertigen.

Die bisherigen Erfahrungen aus dem ersten Privatisierungsprogramm sprechen nicht dafür, dass es noch eine nennenswerte Zahl derartiger Objekte gibt. Herrn Brinkmanns weitaus optimistischere Einschätzung ist fehlerhaft und genau das, was er mir zu Unrecht vorwirft: Eine Luftnummer.


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