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03/10/2015 10:14 CEST | Aktualisiert 03/10/2016 07:12 CEST

Die Wiedervereinigung zeigt, wie schwierig Integration ist

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Vor einem Vierteljahrhundert haben die Bürger der damaligen DDR mit einer einzigartigen friedlichen Revolution ein wie festbetoniert scheinendes kommunistisches Regime gestürzt und damit die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht.

Die Bürger der alten Bundesrepublik wiederum zeigten in den Monaten vor dem endgültigen Sturz der SED-Regierung ihre Verbundenheit und Anteilnahme an den Geschicken jenseits des Eisernen Vorhangs durch eine beeindruckende Willkommenskultur gegenüber all jenen, die die Gelegenheit nutzten, um in den Westen zu flüchten.

Leider folgte dem Freudentaumel bald eine Katerstimmung

Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung gewannen die Ostdeutschen die Demokratie, den Rechtsstaat und die Freiheit, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zumindest im Prinzip. Denn leider folgte dem Freudentaumel bald eine Katerstimmung. Und viele Ostdeutsche mussten realisieren, dass sie ihr Leben keineswegs nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten konnten.

Denn von Helmut Kohls "blühenden Landschaften" war lange Zeit wenig zu sehen. Trotz enormer, bis heute anhaltender Transferleistungen von West nach Ost bedeutete die Einführung der Marktwirtschaft für viele Menschen in der ehemaligen DDR tiefe Einschnitte und schmerzhafte Veränderungen. Und bis zum heutigen Tag gibt es ein erhebliches Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West.

Für diese langwierigen Schwierigkeiten gibt es viele Gründe. Ein besonders wichtiger ist der Unterschied in der Produktivität der Arbeitskräfte in Ost- und Westdeutschland. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung wurde die durchschnittliche Produktivität ostdeutscher Arbeitskräfte auf ungefähr ein Drittel des westdeutschen Wertes geschätzt.

Das hat sich in 25 Jahren deutlich verbessert. Aber auch heute beträgt die Produktivität des Ostens nur ca. 75 Prozent der Westproduktivität. Und entsprechend verhalten sich die durchschnittlichen Stundenlöhne. Deshalb ist der Osten Deutschlands ärmer als der Westen, deshalb werden dort pro Kopf der Bevölkerung mehr Sozialleistungen und nur ungefähr die Hälfte an Steuern gezahlt.

Integration in eine andersartige Gesellschaft ist eine schwierige Angelegenheit

Nach 25 Jahren sehen wir: Die Integration von Menschen in eine andersartige Gesellschaft und in ein andersartiges Wirtschaftssystem ist und bleibt eine schwierige, langwierige Angelegenheit. Das gilt selbst innerhalb eines Volkes, das sich zu Recht zusammengehörig fühlt, aber in unterschiedlichen Staaten unterschiedlich geprägt wurde.

Mit der Wiedervereinigung gewann die alte Bundesrepublik Menschen hinzu, die die gleiche Sprache sprachen, die Wohnungen hatten, die Schulen, Kindertagesstätten, Altersheime und ein komplettes Gesundheitssystem mit einbrachten.

Unterschiede gab es vor allem in der Produktivität, also in Berufsqualifikationen, beruflichen Kenntnissen und Fertigkeiten. Das schien nicht unüberwindbar zu sein und doch ist man selbst nach einem Vierteljahrhundert von einer Angleichung noch weit entfernt.

Das ist eine bittere Erfahrung. Und wenn wir nun gerade zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung der Herausforderung gegenüberstehen, eine knappe Million Flüchtlinge integrieren zu müssen, kann man verstehen, dass vielen Bürgern - und insbesondere den ostdeutschen - beklommen ums Herz wird.

Denn nun kommen in großer Zahl Menschen, die kein Deutsch können, die kaum verwertbare Berufserfahrungen haben, ja von denen viele unsere Schrift nicht lesen können, weil sie nur arabische Schriftzeichen kennen.

Es kommen Menschen, die größte Schwierigkeiten haben werden, einen Arbeitsplatz zu finden, bei denen es lange dauern wird, bis sie in irgendeiner Form produktiv tätig sein können, die aber dringend Schulen brauchen und Kindertagesstätten, Altersheime und ein komplettes Gesundheitssystem.

Eine herzliche Willkommenskultur ist etwas Schönes, aber keinerlei Beitrag zur Lösung

Wir haben in Ost und West im Zuge der Wiedervereinigung unsere Erfahrungen gemacht. Zu diesen Erfahrungen zählt, dass eine herzliche Willkommenskultur zwar etwas Schönes ist, aber keinerlei Beitrag zur Lösung der eigentlichen Probleme leistet.

Die Integration, die Angleichung der Lebensverhältnisse, ist die eigentliche Herausforderung. Diese Herausforderung haben wir gegenüber den ostdeutschen Bundesländern selbst unter den vergleichsweise günstigen Voraussetzungen der deutschen Wiedervereinigung - und unter Inkaufnahme größter finanzieller Opfer - noch immer nicht befriedigend gelöst.

Wer sich dies bewusst macht, versteht, weshalb viele Menschen in Deutschland angesichts der Flüchtlingskrise mit größter Sorge in die Zukunft blicken.

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