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06/01/2016 16:52 CET | Aktualisiert 07/01/2017 06:12 CET

Köln zeigt die Herrschaft der Gewalt - aber anders, als viele denken

dpa

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Die Horrornacht von Köln hat Deutschland erschüttert. Zurecht. Denn einen ähnlichen Vorfall massenhafter Belästigung, von Diebstahl und wohl auch Vergewaltigung von Frauen hat es seit Jahren nicht gegeben.

Die Menschen im Land streiten derzeit darüber, was in Köln passiert ist und wie die Politik, die Polizei und das Land darauf reagieren sollte. Als Reaktion auf die Übergriffe ist in den vergangenen Tagen eine Debatte über Flüchtlingspolitik entbrannt (ob die Täter nicht vielleicht doch in Deutschland geboren wurden, interessiert aktuell kaum jemanden).

Aber Deutschland sollte im Zusammenhang mit den Ereignissen in Köln weniger über Einwanderung und Flüchtlinge debattieren, sondern über sich selbst.

Denn Köln ist nur ein Beispiel dafür, wie viel Hass und Verachtung es mittlerweile gibt.

Hier sind nur ein paar Zahlen, die zeigen, wie gewalttätig das Land geworden ist (man könnte problemlos viele mehr anbringen).

1. Rund 7300 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung gab es 2014 in Deutschland, 7900 waren es im Jahr 2001. Die Zahlen bewegen sich seit Jahren auf diesem hohen Niveau. Und das sind nur die polizeilich registrierten Fälle. Die Dunkelziffer ist weit höher.

2. Die Zahl fremdenfeindlicher Angriffe hat im vergangenen Jahr einen traurigen Rekord erreicht. 2015 wurde jeden Tag mindestens ein Mensch Opfer fremdenfeindlicher Gewalt in Deutschland.

3. Auch Gewalt gegen Schwule und Lesben ist in Deutschland alltäglich. Allein in Berlin kommt es pro Jahr zu rund 400 Angriffen gegen Homosexuelle.

4. Insgesamt hat sich die Zahl der Gewalttaten zwischen 1963 und dem Jahr 2000 verdreifacht. Seitdem stagniert sie. 2014 gab es rund 140.000 Fälle von Gewaltkriminalität in Deutschland.

Was das mit Köln zu tun hat?

In Deutschland, das zeigen die Zahlen, ist Hass, Verachtung und Gewalt an der Tagesordnung.

Sicher, die Zahlen steigen nicht. Aber sie fallen auch nicht. Köln ist dafür nur ein besonders krasses Beispiel.

Das zeigt: Politik, Bürger und Polizei haben sich mit der Gewalt arrangiert. Sie nehmen den alltäglichen Schrecken hin.

Und diese Gewalt ist keineswegs ein Problem, das "Ausländer" und Flüchtlinge auslösen. Wie das Bundeskriminalamt kürzlich bekannt gab, liegt die Zahl der Straftäter unter Flüchtlingen anteilig nicht höher als bei Deutschen. Das gilt auch für Sexualdelikte.

Nein, es ist eher so: Der Hass und die Verachtung unter anderem gegenüber Frauen, Fremden und Minderheiten findet sich in allen Teilen der Gesellschaft.

Köln ist überall. Das ist die vielleicht furchtbarste Erkenntnis nach dem schrecklichen Abend in der Domstadt.

Und Köln, das sind eben nicht die anderen. Es sind nicht "Massen" an Ausländern und Flüchtlingen.

Die Lehre, die wir aus Köln ziehen sollten, ist diese: Wir haben uns viel zu lange mit der Gewalt im Land arrangiert. Wir haben sie viel zu lange ignoriert. Wir haben zugeschaut. Das Fingerzeigen auf vermeintliche Sündenböcke hat es uns leicht gemacht.

Wir müssen endlich ehrlich darüber diskutieren, was wir gegen die alltägliche Gewalt auf den deutschen Straßen, in den Schulen, in den Kneipen, U-Bahnen, Zügen und auf Volksfesten tun können - jenseits von Stammtischparolen und einfachen Polit-Phrasen.

Und wir sollten schleunigst mit der Diskussion beginnen.

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