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17/03/2016 06:23 CET | Aktualisiert 18/03/2017 06:12 CET

Offene Partnerschaft: Ja, du darfst mit meiner Freundin schlafen und ich liebe sie trotzdem.

Jupiterimages via Getty Images

Der heutige Artikel wird wahrscheinlich vielen sauer aufstoßen, womöglich erhalte ich auch Hassbotschaften per eMail und Morddrohungen von christlichen Parteien mit „traditionellen Werten". Ich freu mich schon darauf. Also worauf warten wir...

Disney hat mir eine falsche Vorstellung von Liebe vermittelt.

Die Idee zu diesem Artikel kam mir aus mehreren Gründen. Es gibt noch unzählige weitere positive Benefits, sich einfach nur mit dem Thema „Offene Beziehung" zu beschäftigen. Das sind meine Top 5, wie es zu diesem Artikel kam:

1. Mehrere Leserinnen und Leser haben mich darum gebeten

2. Ich habe bereits selbst (sehr glücklich) in einer offenen Partnerschaft gelebt

3. Das Thema Sexualität wird heute immer lockerer gehandhabt

4. Sich Gedanken darüber zu machen fördert ein Leben nach eigenem Standard

5. Es auch wirklich zu leben umso mehr

Man gehört zusammen. Nicht dem anderen.

Bevor ich aber darüber schreibe, wie - und vor allem wieso - es für mich funktioniert, soll der Grund angesprochen werden, wieso viele Menschen vor diesem Thema Angst haben. Und nur damit wir uns richtig verstehen:

Wenn dein Partner von dir die Schnauze voll hat, dich unattraktiv findet, ihr euch nur noch streitet oder er einfach nur Bock auf etwas Neues hat... wenn sein Wunsch groß genug ist, wird er ihm sowieso nachgehen, egal ob er darf oder nicht.

Selbst in einer offenen Beziehung kann dein Partner jemanden finden, der besser zu ihm passt oder in den er sich frisch verliebt... diese Gefahr ist immer da. Aber sie ist völlig unabhängig von einer offenen oder monogamen Partnerschaft und deshalb weder als Argument für noch wider geeignet.

Du kannst nur eines tun: dich darauf verlassen, dass dich dein Partner liebt, solange wie es passt. Und wenn du ehrlich zu dir und ihm sein willst, so ist das auch die einzige Art, wie eine erwachsene Partnerschaft geführt werden kann.

Ist die Ehe nichts mehr wert?

Warum leben die meisten Menschen der „westlichen Zivilisation" in monogamen Partnerschaften (abgesehen natürlich von dem Fakt, dass in den letzten 40 Jahren die Zahl der Eheschließungen um über 40% zurückgegangen ist und sich die Scheidungsrate gleichzeitig auf 45% verdoppelt hat. Nun einerseits sind wir es ganz simpel gesagt so gewohnt. Unsere Eltern, deren Eltern und deren Eltern davor haben es so gemacht und es kommt uns erst langsam in den Sinn, dass es auch anders geht.

Aber wenn anders, wie?

Früher war wichtig, in einer Familie zusammen zu halten, damit das Überleben der Kinder (auch finanziell) gesichert ist. Frauen hatten noch nicht die Rechte, die sie heute besitzen (und es sind noch immer nicht genug wie ich finde) und die Kirche hatte deutlich mehr Einfluss auf unser Alltagsleben.

Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass die Rate an außerehelichen Geburten dramatisch ansteigt: fast 40% der Kinder innerhalb der EU wurden 2010 außerhalb einer Ehe geboren! Die Erklärung ist simpel: wir tun es, weil es heute auch so funktioniert.

Wenn also alle Zeichen auf freie Liebe deuten (weniger versuchter Besitz des anderen und mehr Selbstbestimmtheit für beide), wieso haben wir dann immer noch Angst, vom Partner betrogen zu werden? Ja, Angst. Das böse Wort:

Angst, vom Partner betrogen zu werden

Die nächsten Zeilen sind meine subjektive Einschätzung, haben sich in der Praxis aber unzählige Male bestätigt durch Gespräche, Gedankenaustausch etc. Bilde dir bitte eine eigene Meinung.

Wir suchen uns nicht einen Partner der gut für uns ist, sondern einen, der passt.

Ich denke, dass Menschen, die Angst davor haben, von ihrem Partner betrogen zu werden, ein grundlegendes Problem mit ihrem eigenen Selbstwert haben. Sie wollen eine monogame Partnerschaft führen, weil sie „sicher" sein wollen, dass ihr Partner ihnen „treu" ist.

Leider ist „Treue" nicht kontrollierbar. Es kann immer nur ein Versuch sein. Ein in der Praxis bewährter Trick um seinen Partner über längere Zeit zu halten ist, indem man ihn oder sie glücklich macht. Nur so als Info.

Also funktioniert es schon mal nicht, seinen Partner in einen Käfig sperren zu wollen, damit er nicht mehr an die ganzen anderen Versuchungen ran kommt. Schlimmer: das macht die Versuchung nur noch interessanter, als sie vielleicht ist (Stichwort „verbotene Frucht").

Orlando Owen sprach einmal davon, dass Liebe wie ein Schmetterling ist:

Liebe ist wie ein Schmetterling, der sich auf deine Hand setzt. Wenn du versuchst, ihn zu kontrollieren - festzuhalten - dann bleiben dir nur zwei Möglichkeiten:

Du verschreckst ihn durch die Bewegung deiner Finger und er verlässt dich

Du hältst ihn so fest, dass du ihn verletzt, ihm womöglich die Flügel brichst und er ewig leiden muss.

Das einzig Richtige zu tun ist also, den Schmetterling gar nicht kontrollieren zu wollen. Sondern einfach dankbar dafür zu sein, dass er da ist. Und ihn als das zu würdigen, was er wirklich bedeutet: Liebe.

Liebe, die nicht eingesperrt werden kann, weil sie sonst stirbt. Und stand auch ich vor dieser Frage: will ich einen Partner, der mit mir zusammen ist, weil er mich liebt - oder weil ich versuche, seine Liebe zu erzwingen?

Liebe lässt sich nicht erzwingen

Ich habe mich für die erste Option entschieden und muss dadurch auch die Konsequenzen leben. Was soviel heißt wie: wenn ich Angst davor habe, betrogen zu werden, dann liegt es daran, dass ich von mir selbst glaube, dass ich nicht gut genug für meinen Partner bin! Ich glaube vielleicht tief in mir drinnen (woher das auch kommen mag), dass ich ihn oder sie nicht verdient habe.

Aber dafür kann mein Partner nichts, im Gegenteil. Gerade er oder sie liebt mich ja! Und weil ich also glaube, dass ich nicht gut genug bin, habe ich Angst, dass er nach einiger Zeit jemanden finden wird, der besser für ihn ist und mich dann verlässt.

Jetzt sind wir mal ehrlich: das mag stimmen. Diese Angst kann begründet sein. Aber diese Angst ist völlig unabhängig davon, ob du in einer offenen oder monogamen Partnerschaft lebst.

Mit oder ohne Regeln. Diese Angst ist - wenn sie da ist - nur in dir und vielleicht nicht in deinem Partner. Vielleicht hat er keine Angst, dich zu verlieren, weil er weiß, dass er von dir geliebt wird.

Man lebt nur eimal? Falsch, man lebt jeden Tag.

Wie kannst du dir sicher sein, dass er/sie dich liebt?

Um diese Frage geht es letzten Endes. Und die Antwort ist bitter: gar nicht. Es ist nicht möglich, denn ihr seid nicht dieselbe Person. Nicht einmal die „Wir"-Paare, die alles gemeinsam machen und immer nur eine Meinung haben sind „eins".

Sie sind nur „sehr eng". Aber mit Sicherheit hat das nichts zu tun. Die wirkliche Herausforderung an der freien Liebe ist also nicht das Lieben, sondern das Loslassen. Das Loslassen von dem Trugbild der Sicherheit (die es nicht gibt) und das Annehmen von der Liebe, solange sie da ist.

Wenn du keinen Käfig um deinen Partner baust und ihm die Wahl lässt, so wird er sich für dich entscheiden. Das setzt natürlich voraus, dass er sich für dich entscheiden will. Spürst du gerade dieses komische Kribbeln in deinem Bauch? Ja, es ist keine leichte Entscheidung. Und ihr könnt sie nur gemeinsam treffen. Gleiches Recht für alle!

Was also, wenn ihr darüber sprecht und beschließt, dass es „ok" ist, mit anderen zu schlafen (wobei ihr hier natürlich wieder Regeln aufstellen könnt um eure Angst zu begrenzen und trügerische Sicherheit aufzubauen, die nicht existiert)?

Im Extremszenario läuft dein Partner los und vögelt alles, was bei Drei nicht auf dem Baum ist. Wenn er das tut, muss das für dich dann immer noch ok sein? Nein, muss es nicht. Aber dann weißt du wenigstens, dass er es vorher schon getan hätte (und womöglich auch getan hat). Für mich bezweckt eine offene Partnerschaft vor allem eines: Loyalität und Ehrlichkeit.

Loyalität des Herzens (nicht des Körpers) und Ehrlichkeit zueinander anstatt voneinander weg (sprich lügen). Im anderen Gegenbeispiel entscheidet ihr euch auch für eine offene Beziehung aber keiner nutzt die Möglichkeit, mit anderen zu schlafen. Auch ok, oder? Es hat sich nicht viel geändert.

Warum wir uns betrügen

Erst wenn es eines Tages soweit ist, dass einer von euch diese Option nutzen will, wird es interessant. Wie ihr damit umgeht (ich bin für ein ehrliches Ansprechen und Abklären bevor es passiert und so weit ins Detail, wie es der Partner wissen will) bleibt euch überlassen, das kann ja niemand vorgeben außer ihr selbst.

Aber was vor allem interessant ist sind die Gründe, weshalb wir es tun. Und du wirst merken, es lässt sich schnell in nur 2 Kategorien zusammenfassen:

Ego & Selbstbestätigung, Abwechslung & Experimentierfreudigkeit

Ich wählte in meiner Beziehung damals den ersten Grund (brauchte Selbstbestätigung, dass ich es „immer noch drauf habe"), sie den zweiten („mal was anderes probieren"). Heute würde ich ebenfalls den zweiten wählen.

Als bestes Beispiel ist mir folgendes in Erinnerung: eine Frau, mit der ich einmal zusammen war, wollte Sex mit einem Schwarzen. Sie hatte es noch nie gehabt und wir waren schwer verliebt. Sie hatte Angst, sie würde etwas verpassen, wenn wir noch inniger werden und womöglich für immer zusammen bleiben (diese Reaktion versteht jeder, der frisch und über beide Ohren verliebt ist.

Nun ja, abgesehen von dem Schwarzen vielleicht, aber das ist ja nur ein Beispiel und jeder darf seine eigenen Träume ausleben). Genau das hätte sie davon abgehalten, sich mehr in mich zu verlieben. Eigentlich verrückt, oder? Aber es ist nun mal so.

Und indem ich ihr die Angst nahm, etwas zu verpassen (und sie mir), gaben wir uns ein Geschenk. Es war kein Geschenk, sich mit anderen einzulassen, sondern wir uns miteinander. Ergibt das Sinn?

Freie Liebe ist ein Geschenk

Lass mich das noch einmal wiederholen in völliger Klarheit: Wenn du deinem Partner erlaubst, mit anderen zu schlafen, dann wird er dich im Umkehrschluss mehr zu schätzen wissen! Das kann er aus den „richtigen" oder den „falschen" Gründen tun.

Was richtig und falsch ist, definierst du selbst. In meinem Fall gaben wir uns das Geschenk, uns von der Angst zu befreien, etwas zu verpassen. Wir haben den Fluch des „entweder wir oder du und jemand anderer" gebrochen. Es war das Geschenk des: „Ich liebe dich, egal was passiert".

Und das ist genau jene Liebe, die es meiner Meinung nach wert ist, gelebt zu werden: bedingungslose Liebe. Jeder Versuch, Liebe unter Bedingungen zu setzen, führt zum möglichen Verlust der Liebe (denk an den Schmetterling). Liebe ist immer nur ein Angebot. Erst wenn es beide nutzen wollen, entsteht die Basis für etwas Wundervolles.

Meine Erfahrung: als ich mit anderen Partnern „durfte", „wollte" ich plötzlich nicht mehr so richtig. Das Spiel (Flirten) blieb interessant, der Beweis (das „in die Kiste springen") wurde unwichtig.

Ganz im Gegenteil: Gerade weil ich die Möglichkeit hatte, begann ich ohne dem Nervenkitzel einer „verbotenen Versuchung" zu vergleichen und mir wurde stets klar, dass ich meine Partnerin vorzog. Immerhin war sie eine unglaubliche Frau und das war der Grund, wieso ich mich in sie verliebt hatte und wir in einer Beziehung waren.

Freie Liebe ist aber auch ein Geschenk, mit dem beide einverstanden sein müssen und das hängt davon ab, ob beide damit umgehen können. Und das führt zu weiteren unangenehmen Fragen, etwa:

Wenn du dir eine offene Beziehung vorstellen kannst, dein Partner aber nicht, ist er/sie dann richtig für dich (sprich: emotional auf gleicher Reife)?

Und wenn nicht, sollte ich dann nicht eigentlich jemanden suchen, der besser zu mir passt? Und wenn ja, wäre es dann nicht ehrlich, gleich jetzt Schluss zu machen? Jetzt wird es für viele wohl schon so unangenehm, dass Weiterlesen körperliche Schmerzen verursacht.

Also brechen wir hier vorerst ab. Ich komme zum Fazit und freue mich auf dein Feedback als Kommentar...

Unsere Entscheidungen sind so gut wie die Qualität der Informationen, die wir besitzen.

Fazit

Wenn du in einer glücklichen Partnerschaft lebst, gibt es vielleicht keinen Grund das zu ändern. Wenn du unglücklich bist, ist es aber schon zu spät, diese Art von Veränderung vorzuschlagen. Freie Liebe setzt Vertrauen voraus. Wenn du deinen Partner für emotional reif genug hältst, spricht nichts dagegen, dieses Thema zu diskutieren.

Es wird euch (egal wie das Gespräch ausgeht und ihr danach eine offene oder weiterhin monogame Partnerschaft habt) enger zusammenrücken lassen. (Glückliche) offene Beziehungen sind selten, weil sie viel Arbeit bedeuten. Dazu gehört vor allem Ehrlichkeit und den echten Willen zu bedingungsloser Liebe.

Dazu ist nicht jeder bereit, denn es verlangt dir einen reflektierten Selbstwert und die Fähigkeit zum Loslassen ab. Doch wer das Risiko eingeht, wird mit einer ungeahnten Tiefe an Loyalität (des Herzens) belohnt, die (mich) deutlich eher an die romantische Idealvorstellung einer Liebe zwischen zwei Personen erinnert, als jede andere Form von erzwungener Treue.

Eine monogame Partnerschaft ist nichts anderes als eine offene Beziehung, in der sich beide (freiwillig oder unfreiwillig) entschieden haben, nicht mit anderen zu schlafen. Ich persönlich gehe lieber auf Nummer sicher und frage nach, ob die Entscheidung freiwillig ist.

Hinweis: ich will jetzt definitiv nicht, dass alle plötzlich anfangen eine offene Beziehung zu führen. Da ich aktuell in keiner Partnerschaft lebe, weiß ich nicht einmal selbst, ob es in Zukunft wieder so sein wird.

Das hängt immer von zwei Menschen ab und von der Beziehung, die sie zueinander haben. Was ich will, ist jedoch, dass du dir Gedanken machst und für dich selbst entscheidest! Ja, auch bei unangenehmen Themen wie diesem. Nur so kannst du eigene Entscheidungen treffen und die sind nun mal die Grundlage für ein Leben nach eigenem Standard. Und genau um das geht es auf meinem Blog.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf benediktahlfeld.com

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